Die Spass-Gesellschaft und ihre Kulissen-Schieber

Gleich drei Einladungen zu drei aufeinander folgenden Veranstaltungen, in denen es sich - in immer wieder anderen Facetten - um das Kino dreht.

Too much!? Nicht, wegen der damit verbundenen körperlichen Anstrengungen, nicht, weil die letzte Veranstaltung erst um Mitternacht beginnt und auch nicht, weil es eine immer wieder neue Herausforderung ist, auf all die angebotenen kulinarischen, sinnlichen, erotischen und alkoholischen Reize "adäquat" zu reagieren: sondern weil es schwer fällt, am Tag der Anschläge in London sogleich das Leben zwischen Alltag und Kino und dessen jeweiligen Gestaltungsformen erträglich und produktiv bleiben zu lassen.

Da die Texte die hier entstehen zwar keinen Anspruch auf Allgemeingültigkeit erheben, wohl aber darauf besser sein zu wollen als jene Webloggs, in denen sich die subjektive Wahrheit den Autoren gerade erst beim Schreiben vor ihrem geistigen Auge zu entfalten beginnt [1]- weil es also darum geht, hier etwas Durchdachtes und nicht nur Ausgedachtes, etwas Authentisches und nicht nur etwas Subjektives zu vermitteln, ist der heutige Eintrag eine Ansammlung von Minimalia, die - vielleicht - für sich selber sprechen.

I.

Ein Filmverleiher lädt in sein neues Domicil in Kreuzberg ein und bespricht mit den Kinobetreibern die erste Staffel seiner an sie digital angelieferten und dort via Beamer ausgestrahlten Filme.

Ein Insider-Meeting über dessen Inhalte es an dieser Stelle auch nichts zu veröffentlichen gibt. Auch über die anschliessend angebotenen Delicatessen vom Buffet soll hier nicht berichtet werden und nicht von der Führung durch die Technik-Räume und das inhouse eingerichtete Filmvorführzentrum.

Aber auf der Rückfahrt mit einem persönlich geschätzten Kinobetreiber wird deutlich, dass es derzeit in der bundesdeutschen Kinolandschaft am Ende dieses Jahres nicht nur darum gehen wird, wie die Sommer-Löcher zu stopfen sein werden, sondern auch darum, dass diese seit Monaten zu geringen Besucherzahlen einer Reihe von weiteren Betreibergesellschaftn das Genick brechen werden, Kleinen wie Grossen.

Die Digitalisierung der Filme wird dafür nicht ursächlich verantwortlich gemacht werden, aber das allein wird auch nicht die Rettung aus all diesen Problemen sein können.

II.

Eine der Regierungparteien lädt zu einem filmpolitischen Gespräch in ihre Räume in den Hackeschen Höfen ein. Es ist das erste Mal, dass eine Einladung dazu eingetroffen ist und geschieht, all jene Personen, Figuren und Handlungsträger der eigenen Generation im direkten Umgang miteinander zu erleben. Jetzt, erstmals: Am Ende der zweiten Legislaturperiode [sic!].

Dank des persönlich positiven Zuspruchs - es finden sich in diesem Kreis Menschen wieder, mit denen es möglich ist, weit über die Gepflogenheiten des "Smalltalks" hinaus Dinge und Fragen zu besprechen, die von hoher persönlicher wie auch gesellschaftlicher Relevanz sind - stellt sich einmal mehr die Frage, ob es denn wirklich richtig war, sich so weit entfernt zu halten von der Politik im Allgemeinen und den Regierungsparteien im Besonderen.

Es gibt Stimmen, die sagen, dass eine soche Haltung gerade jetzt durchaus zum Vorteil gereichen könne, angesichts der abzusehenden Veränderungen. Solcherart "Lob" macht allerdings eher noch umso betroffener, da dies keine wirkliche Antwort auf die Frage der Zusammenarbeit mit politischen Parteien darstellt, sondern nur ein Armutszeugnis für all jene, die es einmal mehr in gewohnter Übung darauf abgesehen haben, ihre Fahnen rechtzeitig nach dem jeweils herrschenden "Wind" auszurichten.

III.

Einmal dabei sein wollen: wenn in einem ausgesuchen Restaurant am Kurfürstendamm in der Nacht die blauen Illuminationslichter installiert und die Scheinwerfer angeknipst worden sind und wenn an dem Tresen die Empfangsdamen mit blaufarbenen Perücken die Gästeliste prüfen und den so wichtigen Papierstreifen um den Arm binden, der einem zum Eintritt berechtigt.

Da(s) ist sie also, die Spassgesellschaft in der Nacht. Ein seltsamer Zufall: Tagsüber wurde bei den Recherchen eine "Spassgesellschaft" als Firmentitel im Geflecht eines grossen internationalen Musikkonzern entdeckt. Und jetzt finden sich hier nach Mitternacht all jene ein, über die in den Folgetagen sich die Gazetten die Münder verreissen werden: wer mit wem, und wie und überhaupt...

Eine Unzahl von Fotografen und Kameras: Und dazwischen zwei tapfere junge Damen von der Firma Panasonic, die in der Nähe einer Glasvitrine mit Produkten des Hauses auf ihre digitalen Kameras aufmerksam machen wollen - und sollen.
Das bleibt gewollt und nicht gekonnt: sie sind hier in eine Welt "versetzt" worden, in der sie eigentlich nichts zu suchen haben.

Obwohl die Zeit weitgehend mit Beobachten vergeht: Je später der Abend, je länger die Nacht wird, desto wacher werden die Sinne. Die Aufgabe "berichterstattend an der BLUE MIDSUMMERNIGHT teilzunehmen" wird in der Dichte der Bilder und Eindrücken immer mehr von anderen, dominierenderen Erfahrungen verdrängt. Erst einmal eingetaucht in diese Welt kommen jenseits des vordergründigen Lachens und Scherzens ganz andere Züge der "Existenz" zum Vorschein, ja Parallelwelten, die einen an den gleichnamigen Film erinnern lassen.

Hierüber zu schreiben, ohne Häme und mit "Liebe für’s Detail" wäre eine feine Herausforderung. Denn auf solchen Veranstaltungen ist das "Leben" selbst fast wie ein "Film". Und das ist aufregend - wenn vielleicht auch auf eine ganz andere Art und Weise als wie sie die meisten der Eingeladenen erlebt haben.

WS.

[1Einen Tag nach der Veröffentlichung dieses Textes erscheint in der von uns abonierten Berliner Zeitung ein Bericht von Frank Junghänel über "Handyfotos und Webtagebücher" Mit der Katastrophe auf Augenhöhe in dem deutlich wird, wie wichtig auch dieses Sich-etwas-von-der-Seele-schreiben sein kann.
Ebenso deutlich aber auch wird, wie schnell so ein Zeitungs-Artikel geschrieben sein kann, wenn die entsprechenden Vorlagen bereits im Netz vorliegen: Von der Web-Log-Suchmaschine technorati.com bis hin zu tomorrow