2 Welten: 1 Geburtstag

Was ist eine "Koinzidenz"? Wenn Ereignisse in einem (zunächst so oft nicht einmal angenommenen) Zusammenhang gemeinsam erscheinen:

Vor 50 Jahren, am 17. Juli 1954 wurden in Deutschland, Kassel die erste "documenta" eröffnet und in den USA, Anaheim, CA: "Disneyland".

Beides Termine von grosser nationaler Bedeutung und Tragweite: in den USA wurde die Eröffnung sogar landesweit zum Gegenstand der öffentlichen Berichterstattung, ja sogar live übertragen. Und in Deutschland wurde diese erste Nachkriegs-Kunst-Veranstaltung nach dem Weltmeisterschafts-Erfolg der bundesdeutschen Fussballer zu einem Meilenstein der internationalen öffentlichen Anerkennung.

Der beste Grund also, diese beiden Termin zum wichtigsten Gegenstand dieses Tages zu machen. Und so wurde schon im ersten Entwurf der "DaybyDay"-Überschrift zu diesem Text sogleich von einer "Koinzidenz" gesprochen - bis dass am Ende der Woche die beiden Artikel von Jens Balzer und Sebastian Preuss aus der von uns abonierten BERLINER ZEITUNG vom 16./17.Juli 2005, Seite 27, in das Gesichtsfeld gerieten. Dort nun tauchte ein weiterer Zusammenhang auf, der dafür gesorgt hat, dass nun anstatt des eigenen Textes die Nachfolgenden zitiert werden [1]: Denn eben mit diesem sogar in Grossbuchstaben gesetzten "K"-Wort machte die Zeitung ihr Wochenend-Feuilleton auf: wenn das kein Zufall ist...

KOINZIDENZ - In einer transatlantischen Parallelaktion entstanden vor 50 Jahren zwei epochale Kulturmodelle: documenta und Disneyland.


50 JAHRE DISNEYLAND
Kunstwelt in Kalifornien

Man betritt diese Welt durch das Erinnerungsbild einer verblassenden Kindheit; durch eine sauber aufgeräumte Straße mit glücklichen kleinen Holzhäusern strebt man auf einen Platz der Entscheidung zu. Vor hier aus kann man ins "Frontierland" gehen, ins "Tomorrowland", "Fantasyland" oder "Adventureland". Auf einem Amazonasfloß kann man den Dschungel durchqueren und auf einem Mississippidampfer an der Insel Tom Sawyers anlanden; man kann sich am Lagerfeuer der Westmänner wärmen oder in einer Rakete die eisige Schönheit des Weltalls genießen. Und das Schönste ist: Jede Entscheidung, die einen unweigerlich aus der Unschuld der entscheidungslosen Kindheit herausführen muss, lässt sich mit ein paar Schritten in die Gegenrichtung wieder revidieren.

Am 17. Juli 1955 hat Walter E. Disney - bis dahin als Trickfilmregisseur und Studiomogul bekannt und als Ingenieur der immer perfekteren Simulation einer Realität, die es nicht gibt und niemals gegeben hat - sein bedeutendstes Werk eingeweiht: Disneyland in Anaheim/Kalifornien, das dümmste und zugleich klügste, das schönste und zugleich schreckenerregendste Kunstwerk, das es im 20. Jahrhundert gegeben hat; ein Ort, an dem Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft in einer nicht mehr göttlichen Erlösung verschmelzen; an dem sich die Sehnsucht nach der verlorenen Kindheit und die Hoffnung auf eine bessere Zukunft durch Innovation zum ersten und zum letzten Mal miteinander versöhnen. Unwiderruflich, ohne Widerspruch zu erlauben.


50 JAHRE DOCUMENTA
Weltkunst in Kassel

Alle fünf Jahre pilgert die gesamte Kunstwelt nach Kassel. Dann warten mehrere hunderttausend Besucher geduldig in langen Schlangen, um sich über den Stand der Dinge in der Gegenwartskunst zu informieren. Für 100 Tage wird Kassel zum Mekka der Kunstpriester, zu einem Fest der Jugend und Jahrmarkt der Eitelkeiten; und die documenta ist Epizentrum einer Moderne, die ihre Strahlen in die letzten Winkel einer globalen Kultur aussendet.

Dass seine Idee einer umfassenden Ausstellung der Weltkunst zu solcher Bedeutung gelangen würde, hätte sich der Kasseler Maler Arnold Bode nicht träumen lassen, als er die Schau vor 50 Jahren, am 15. Juli 1955, eröffnete. Der Anspruch aber war von Beginn an kompromisslos. Die junge Bundesrepublik war gerade Fußball-Weltmeister geworden, doch hatte sie in der bildenden Kunst international bislang wenig beizutragen. Noch hatte sich die deutsche Moderne von ihrer Verfolgung durch die Nazis nicht erholt. Bode führte dem entwöhnten Publikum daher die verfemten Avantgarden der ersten Jahrhunderthälfte vor und ließ den musealen Überblick in die europäischen Szenen der Gegenwart münden. Seither wartet man in aller Welt voller Spannung darauf, zu welcher Kunst-Prognose die documenta beim nächsten Mal gelangt.

[1Und dieser Eintrag vom Sonnabend auf diesen Montag verlegt und nunmehr dahingehend geändert wurde, dass nur noch die Artikel von Jens Balzer und Sebastian Preuss zitiert werden. Wichtiger als die selbstgefällige Verlautbarung des eigenen Wortes ist wirklich diese doppelte Art der historischen wie der augenscheinlichen verbalen KOINZIDENZ, die wahrlich gefällt.