Eine schöne Bescherung

"Es ist hier nicht der Ort..." - Sätze die mit einer Ansage wie dieser beginnen, gehören hier nicht her, eigentlich nicht.

Und dennoch, auch wenn es hier wahrlich nicht der Ort ist, über die zehn Jahre des DaimlerChrysler-Chefs Schrempp Gericht zu halten oder gar Spekulationen über weitere Abgänge zu verbreiten [1], so ist doch beeindruckend zu erleben, wie aus dem ehemaligen Visionär in der Nachfolge Edzard Reuters heute ein Prügelknabe der Börse geworden ist.

Während die Einen es nicht schaff(t)en, eine in Deutschland gross gewordene Marke im internationalen Wettbewerb zu etablieren und so schliesslich als Übernahmekandidaten gehandelt werden [2], wird es den Anderen nicht verziehen, einen entgegengesetzten Weg gegangen und dabei gescheitert zu sein.

Und dann doch noch: ein unheimlich starker Abgang.

Kaum hatte der Aufsichtsrat den Abgang von Jürgen Schrempp, Vorstandschef von DaimlerChrysler, für das Ende des Jahres 2005 angekündigt - und das, ohne sich bei ihm zu bedanken, ihm eine Abfindung oder einen Platz in den eigenen Reihen anzubieten - da entflammte an der Börse ein wahres Kursfeuerwerk.

10% mehr. Solch eine Steigerung des Unternehmenswertes war es doch, was sich sein Chef immer gewünscht hatte?! Nun hat er die Bescherung.


Das Scheitern der Welt AG

MAI 1995: Schrempp wird Nachfolger von Edzard Reuter als Vorstandschef von Daimler und übernimmt einen Technologiekonzern mit erheblichen Problemen.

JANUAR 1996: Trotz guter Gewinne der Autosparte haben sich im Konzern die Verluste 1995 zu einem Minus von 5,7 Milliarden Mark addiert. Schrempp leitet eine Radikalkur mit dem Verkauf zahlreicher Beteiligungen ein.

AUGUST 1997: Daimler-Benz übernimmt den Kleinstwagen Smart zu 100 Prozent.

OKTOBER 1997: Die neue A-Klasse wird mit dem Elektronischen Stabilitätsprogramm (ESP) nachgerüstet, nachdem ein Testwagen in Schweden beim "Elchtest" umgekippt war.

NOVEMBER 1998: Daimler und Chrysler fusionieren. Das neue Unternehmen hat einen Börsenwert von 76 Milliarden Dollar. Schrempp und Chrysler-Chef Robert J. Eaton führen den Giganten zunächst gemeinsam.

MÄRZ 2000: Eaton verlässt den Konzern, Schrempp bleibt alleiniger Konzernchef.

SOMMER/HERBST 2000: Die Telefongesellschaft Debitel wird verkauft, die Luftfahrttochter Dasa in den neuen EADS-Konzern eingebracht. Die Bahntechnik-Tochter Adtranz geht an Bombardier.

SEPTEMBER 2000: Mit dem Einstieg bei Mitsubishi Motors in Japan will sich DaimlerChrysler den Zugang zum wachsenden asiatischen Automobilmarkt sichern.

NOVEMBER 2000: Der einst größte Chrysler-Einzelaktionär Kirk Kerkorian erhebt eine Schadensersatzklage, weil er sich bei der Fusion getäuscht und übervorteilt sieht. 2005 scheitert er mit seiner Klage.

FEBRUAR 2002: Schrempp verantwortet einen Jahresverlust 2001 von 662 Millionen Euro.

FEBRUAR 2004: Der Vertrag von Schrempp wird bis 2008 verlängert.

APRIL 2004: Das Finanz-Engagement von DaimlerChrysler bei Mitsubishi wird beendet.

OKTOBER 2004: Der Betriebsgewinn bei Mercedes-Benz bricht wegen Modellwechseln ein. Smart wird zum Sanierungsfall.

MÄRZ 2005: In der größten Rückrufaktion der Firmengeschichte werden 1,3 Millionen Mercedes-Pkw wegen Bremsen-Problemen in die Werkstätten beordert.

Diese Chronik wurde veröffentlich am 29. Juli im Wirtschaftsteil der von uns abonierten "Berliner Zeitung" und kann in "BerlinOnline" aufgesucht werden unter:
http://www.BerlinOnline.de/berliner-zeitung/wirtschaft/469714.html

[1inzwischen soll es offiziell sein, dass auch der derzeitige Mercedes-Chef um seine Entlassung gebeten haben soll

[2siehe als das jüngste Beispiel "Grohe" oder "DeTeWe"