"Der Deutschlerner"

Diese Überschrift steht über einem Artikel aus der von uns abonnierten Berliner Zeitung . Und er wird hier mit der Absicht zitiert, die Bemühungen zu unterstützen, einen Deutschlehrer für den neuen US-Botschafter
William R. Timken jr. und seine Frau Sue Timken zu finden. Diese Person wird eine der unscheinbarsten und doch wichtigsten Positionen zu vertreten haben: die deutsche Sprache ist auch Träger und Vermittler unserer Kultur [1]. An diesem ebenso selbst-verständlichen wie wichtigen Satz kann dann hier in Berlin ein Exempel statuiert werden: Hic Bremensis [2], hic salta!

William Timken wird [...] also der Mann von George W. Bush in Berlin sein, und das im engsten Sinne. Denn der 67-jährige Stahlunternehmer aus Ohio ist ein guter politischer und persönlicher Freund des Präsidenten. Diese Eigenschaft und die kräftigen Spenden für den Wahlkampf der Republikaner im vergangenen Jahr - in Berichten war von 350 000 Dollar die Rede - qualifizierten ihn für den Job in der deutschen Hauptstadt, nicht etwa seine diplomatischen Erfahrungen. "Wenn er will, wird er direkt mit dem Oval Office verbunden", sagt ein gelernter amerikanischer Diplomat über den künftigen Chef der US-Botschaft. "Das kann viel nützlicher sein, als der Abschluss der Diplomatenschule mit Prädikatsexamen." Ein erfahrener deutscher Kollege bestätigt das in gewissem Sinn: "Entscheidend für einen erfolgreichen Botschafter ist sicher, dass er eine gute Verbindung zu seiner Regierung hat. Noch wichtiger aber ist, dass er gute Kontakte in die Gesellschaft seines Gastlandes knüpfen kann."

Der dritte Mann

Der Vorgänger Timkens, Daniel Coats, konnte das nicht so gut. Seien dreijährige Amtszeit in Berlin war überschattet von dem deutsch-amerikanischen Konflikt um den Irakkrieg. Aber der erzkonservative Ex-Senator, auch ein diplomatischer Seiteneinsteiger und politischer Weggefährte von Bush, hatte zudem Probleme mit dem als libertär empfundenen Lebensstil der Deutschen, gerade in Berlin. Er flüchtete gern in die Provinz, wo der amerikanische Botschafter von Kleinstadtbürgermeistern noch mit Ehrfurcht empfangen wird.

Coats mied auf diese Weise auch gesellschaftliche Ereignisse, Talkshows oder Symposien in der Hauptstadt, wo er meist schon auf ein oder zwei Amerikaner getroffen wäre, die in weiten Kreisen als die eigentlichen Botschafter der USA in Deutschland gelten: Jeff Gedmin, Direktor des Aspen Instituts, und Gary Smith, Direktor der American Academy in Berlin. Die beiden fließend Deutsch sprechenden Intellektuellen haben es in den vergangenen Jahren auf das Beste verstanden, ihre Häuser zu Zentren der deutsch-amerikanischen Debatte zu machen und sich eng mit der deutschen Gesellschaft verknüpft. Da sie außerdem je einem der beiden amerikanischen politischen Lager nahe stehen - der leicht eifernde Gedmin den Republikanern, der gelassen auftretende Smith den Demokraten - ist es für einen amtlichen Botschafter nicht ganz einfach, da noch einen eigenen Platz zu finden.

Timken wird gut daran tun, sich der Dienste von Gedmin und Smith auf seinem Weg in die deutsche Gesellschaft zu bedienen. Eine wichtige Vorleistung allerdings muss er selber erbringen: Selbst in einem des Englischen so mächtigen Land wie der Bundesrepublik ist die Unkenntnis der Landessprache doch ein Problem. Timken, so ist zu hören, hat sich fest vorgenommen, Deutsch zu lernen. Der Urenkel eines deutschen Auswanderers aus Bremen  [3] mag dafür ja auch eine genetisch bedingte Neigung haben - der er jetzt nachgehen könnte.

Die Strafzölle

Es sei Timkens größter Wunsch gewesen, in das Land seiner Ahnen gesandt zu werden, heißt es in Washington. Das klingt so, als könnte ihm die Pflege der Beziehungen zwischen seinem Heimat- und seinem Gastland eine Herzenssache werden. Und das wäre eine gute Voraussetzung, den strapazierten und zuletzt doch nur recht geschäftsmäßig wieder hergestellten Beziehungen zwischen Berlin und Washington auch wieder eine herzliche Note zu geben. Der letzte US-Botschafter, dem dies - wenn auch auf manchmal recht schnoddrige Weise - gelang, war John Kornblum Ende der 90er Jahre.

Es könnte sein, dass Timken der Einstieg durch eine möglicherweise bald amtierende neue, amerikafreundlichere Bundesregierung erleichtert wird. Allerdings dürfte wohl auch eine CDU-geführte Regierung das von Bundeskanzler Gerhard Schröder und seinem Außenminister Joschka Fischer geprägte neue Selbstbewusstsein Deutschlands gegenüber der einstigen Schutzmacht USA eher pflegen denn zurückentwickeln.

Teile der deutschen Stahlindustrie verfolgen den Amtsantritt des Amerikaners übrigens mit besonderem Interesse. Nach Recherchen des Spiegel hat die Timken Company - deren Aufsichtsratschef der Botschafter bis zuletzt war - in besonderem Maße von Strafzöllen profitiert, die deutsche Exporteure von Kugellagern wegen angeblichen Preisdumpings an die USA zahlen müssen. Der Versuch der Regierung Bush, diese Praxis zu beenden, scheiterte am Kongress und der dort tätigen Lobby des Unternehmens. Als neu berufener Regierungsbeamter müsse Timken nun die Position der US-Führung vertreten, argumentiert man in Washington. Mit einem entsprechenden Hinweis an seine bisherigen Kollegen der Timken Company könnte der Botschafter also gleich etwas für die Pflege der deutsch-amerikanischen Beziehungen tun.

Als erstes aber wird er sein Beglaubigungsschreiben Bundespräsident Horst Köhler überreichen. Zu dessen Amtsvilla in der Pacelliallee könnte er zu Fuß spazieren. Die Polizei passt ja gut auf in Dahlem.

Holger Schmale BERLIN, 23. August © 2005 BerlinOnline Stadtportal GmbH & Co. KG, 24.08.2005

[1...und war für viele, die Deutschland verlassen mussten oder wollten, der einzige Halt an die Heimat

[2... dieser Verweis auf die Stadt Bremen ist abgeleitet aus dem Verweis auf die kleine Sammlung
Senatus Bremensis

[3Heraushebung durch den Herausgeber WS.