Internet-Filme: gibt’s die?

In Berlin wird an diesem Tag das angeblich "einzige Internet Film Fest weltweit" durchgeführt.

Es heisst WEBCUTS 04+05 und behauptet, die "international besten Internet-Kurzfilme von 2004/05, die für das Internet produziert bzw. dort präsentiert wurden" zu zeigen.

Das Ganze findet "hautnah dem Berliner Publikum" im CineStar-Kino/Sonycenter am Potsdamer Platz statt und wird zugleich - in Zusammenarbeit mit den Firmen streamcast media, CBXNET und audio berlin - "weltweit per live streaming einem internationalem Publikum" vorgeführt - zumindest wenn man sich vorab registriert hat.

Die Partner dieser Veranstaltung sind:
- interface!berlin - der Multimediaverband in Berlin.
 [1]
- area42 - Agentur und Systempartner
 [2]
- media.net berlinbrandenburg - das Unternehmensnetzwerk der IuK- und Medienwirtschaft
 [3].

In den marketingtauglichen Texten der Promoter liest sich das dann so:

Flimmernde Pixel auf dem Bildschirm, flackernde Bytes auf der Leinwand und Leuchten in den Augen inklusive! In Berlin, dem Zentrum der internationalen Kunst-, Kultur- und Multimediaszene, veranstalten der Berliner Multimediaverband interface!berlin, das Unternehmensnetzwerk der IuK- und Medienwirtschaft media.net berlinbrandenburg und die Agentur area42 gemeinsam Webcuts 04+05, um die visuellen, kreativen Werke vor dem Schicksal zu bewahren, unentdeckt, im Ozean des Internets zu ruhen.

„Wir haben auch dieses Jahr wieder jede Menge interessante, spannende, künstlerische, witzige, experimentelle sowie technisch sehr ausgereifte Einreichungen aus aller Welt erhalten.“ erklärt Eckhard Jäger, Mitbegründer von Webcuts und Creativ Director der Agentur area42. „Webcuts ist der Ort, an dem Internetfilme aus aller Welt gebündelt und zugänglich gemacht werden. Was auf dem Bildschirm gut aussieht, kommt oft noch besser auf der Kinoleinwand! Was hat sich 2004/05 bewegt, wie haben sich Medium, Macher und Filme weiterentwickelt? Welche Themen und Motive sind in den Vordergrund gerückt? Auf diese Fragen wird Webcuts 04+05 Antworten geben.“

Dass die hier gestellten Fragen auf dieser Veranstaltung wirklich "beantwortet" werden, ist mehr als fraglich: wird aber auch nicht behauptet. Und das Austesten der Frage, ob der Distributionskanal "Internet" sogleich und auf Dauer ein neue Kategorie von Filmen zu einer preiswürdigen Geltung führen wird mag hier noch zu sehr vorläufigen Antworten führen.

Aber es ist immer(hin) schon ein Fortschritt, wenn es gelingt, neue Brücken zwischen den "lean-forward"- und den "lean-backward"-Medien zu bauen und zu beschreiten.

Das, was noch vor wenigen Jahren von der "DCI" Digital Cinema Initiative noch als "ODS", als Other Digital Stuff, disqualifiziert wurde, wird vielleicht schon bald eine zusätzliche und noch später sogar eine wesentliche Revenue-Quelle der Kinos werden, werden können?

Und: Wird sich das Festival selber in Zukuft einen eigenen Platz zwischen "Transmediale" und "Berlinale" aufbauen können?

Neue Fragen, neue Antworten: Und das wird gut so.

WS.


And the Winner is:
Das vernetzte Kino

Nein: Die Promotoren dieser Veranstaltung haben den Mund nicht zu voll genommen. Was da an diesem Abend als "Official Selection" sowohl im Kino als auch Online zu sehen war, übertraf die Erwartungen selbst derer, die schon die Webcuts aus den Jahren zuvor gesehen hatten [4].

Es wird an dieser Stelle kaum über die Gewinner und die vielen anderen guten Beiträge die Rede sein - zumal zum Zeitpunkt der Entstehung dieses Textes die Meldungen mit den Preisträgen noch gar nicht auf der Internetseite des Veranstalters freigeschaltet worden sind [5] - sondern von einem Gewinn ganz anderer Art: Von der Umsetzung einer technischen Idee, die bereits an anderer Stelle realisiert werden konnte und die sich nun auch in Berlin eine immer breitere Basis verschafft: weil die Inhalte stimmen!

So wie schon in den Jahren seit 2001 im Kant-Kino vor Ort mehrfach erprobt, war es auch dieses Mal ganz klar zu erleben, dass es heute möglich sein kann, eine Kinoleinwand und ein komplettes Soundsystem von einem Laptop aus zu bespielen. Selbst die Spielpause, die entstand, als aus dem Rechner die erste DVD mit der zweiten getauscht werden musste, wurde von fröhlich feixender Interaktion aus dem Publikum begleitet - und geduldet. Der Operator am Rechner im Saal und der hinten am Projektor verständigten sich mit Lichtzeichen - und alles klappte wie am Schnürchen.

Das Besondere an dieser Veranstaltung war, dass die angeblich aus der Sicht mancher Filmemacher zu geringe Qualität der Auflösung und der Projektion mehr als wettgemacht werden konnte durch die hohe Qualität der Beiträge. Und da es sich ausschliesslich um Animations- und nicht um "Real"-Film handelte, war dieses technik-kritische - und in anderen Zusammenhängen durchaus noch berechtigte - Thema hier und heute einfach nicht mehr angesagt.

Und: Das Besondere war, dass die hier vor Ort gezeigten Filme zugleich weltweit im Netz "ausgestrahlt" wurden und gesehen werden konnten. Noch am frühen Morgen dieses Tages war mittels einer eigens aufgestellten Dachantenne der Zugang zu den notwendigen Streamingkapazitäten ermöglicht worden. Der Spatz in der Hand und die Taube auf dem Dach? Keine Alternativen mehr sondern komplementäre Ziel, die beide erreicht werden konnten.

An diesem Abend hat sich dieses Festival mit den anderen bestehenden Projekten - von Cinecittà bis Sundance - auf Augenhöhe etabliert. Und das ist echt gut so.

Nota bene: Und jetzt doch noch ein Anmerkung im Zusammenhang mit einem der drei für einen Preis ausgwählten Filme: "Zen" von den "voodopopp-studios" in Berlin: Seit vielen Jahre ist mir das Bemühen und der Kampf des verstorbenen Freundes Manfred Durniok [6] um seinen - und heute unseren - Chinesischen Garten hier in Berlin vertraut gewesen. Diesen heute in der Arbeit von Ken Tonio Yamamoto aus Berlin als letzte der 27 gezeigten Arbeiten so wieder neu erleben zu dürfen, war ein ganz eigenes Geschenk. Mit dem zweiten Preis für diese Arbeit ist damit ein ganz besonderer Glück-Wunsch [7] in Erfüllung gegangen.

[1_ Ansprechpartner: Sven Assmann, Potsdamer Straße 96, 10785 Berlin;
www.interface-berlin.org; sven.assmann@interface-berlin.org

[2_ Ansprechpartner: Eckhard Jäger, Köpenicker Straße 8a, 10997 Berlin;
www.area42.de; office@area42.de

[3_ Ansprechpartner: Dr. Stephan Linsner, Bundesallee 210, 10719 Berlin;
www.medianet-bb.de; linsner@medianet-bb.de

[4oder aber an diesem Tage nochmals in einem "Best Off" - Programm um 18 Uhr vorab im Kino 8 kennengelernt hatten.

[5Da in wenigen Stunden schon eine Moderation in Leipzig angesagt ist, wurde in diesem Fall anstelle der gemeinsamen Party der Platz am Online-Rechner vorgezogen :-(

[6hier soll anstelle des Verweises auf den eigenen Nachruf auf einen anderen Beitrag in "DaybyDay" aufmerksam gemacht werden

[7Geburtstagsglückwünsch auch an dieser Stelle an Simone Würdinger und ein Sonderlob an Jennifer Hoffmann: für ihr Engagement und ihren Willen, auch im Rahmen ihrer englischsprachigen Moderation ihre persönliche Meinung zum Rollenveständnis der Frauen in diesen Filmen mit zum Ausdruck zu bringen.