Wir halten Sie auf dem Laufenden (1)

Mit diesem Satz endet der "IN EIGNER SACHE" auf der " Seite 3 " der Berliner Zeitung publizierte "Leserbrief", der diese Mal a n die Leser und Leserinnen dieser Zeitung gerichtet ist - und an uns Abonenten erst recht.

Angesichts der Tragweite dieser Ankündigungen wird es denn wohl auch möglich sein, diesen Text hier Eins zu Eins zu übernehmen und zu zitieren, ohne damit Autorenrechte in irgend einer Weise zu verletzen: denn hier geht es nicht um das Wohlergehen eines Einzelnen, sondern eines Kollektivs. [1]

Liebe Leserinnen, liebe Leser

Seit einer Woche ist die Berliner Zeitung, die es gewohnt ist Schlagzeilen zu machen, selbst Gegenstand von Schlagzeilen. Der Berliner Verlag, in dem sie erscheint, soll möglicherweise verkauft werden, und zwar an eine Gruppe britischer Finanzinvestoren unter Führung des Iren David Montgomery. Dieser Eigentümerwechsel, über den zurzeit intensiv verhandelt wird, sorgt für Aufsehen. Zum ersten Mal würde eine große deutsche Tageszeitung an Investoren verkauft, die nicht von publizistischen Interessen geleitet werden, sondern die ausschließlich den Anlegern der Investmentfonds und den Banken, die sie finanzieren, verpflichtet sind. In unserem Verlag und in der Redaktion haben diese Nachrichten Beunruhigung und Besorgnis ausgelöst. Denn in der Tat ist zu befürchten, dass die Transaktion, falls sie zu Stande kommt, der Berliner Zeitung und den anderen Produkten des Hauses Schaden zufügen könnte. Für die Zukunft unseres Blattes ist dieser Vorgang so bedeutend, dass ich Sie als Chefredakteur an dieser Stelle über den Stand der Dinge informieren und dazu Stellung beziehen möchte.

Zum Hintergrund: Vor dreieinhalb Jahren hat die Verlagsgruppe Georg von Holtzbrinck den Berliner Verlag von Gruner + Jahr gekauft. Im Berliner Verlag erscheinen die Berliner Zeitung und der Berliner Kurier, zur Verlagsgruppe gehören auch das Stadtmagazin Tip, die Anzeigenzeitung Berliner Abendblatt, unsere Druckerei (Berliner Zeitungsdruck) in Lichtenberg sowie Anteile an Berlinonline, dem größten Internetportal der Stadt. Das Bundeskartellamt hat den Verkauf des Verlages an Holtzbrinck allerdings untersagt. Holtzbrinck würde, so die Behörde, in der Hauptstadt eine marktbeherrschende Stellung erlangen, weil das Stuttgarter Unternehmen in Berlin bereits den Tagesspiegel herausgibt. In mehreren juristischen und politischen Anläufen hat Holtzbrinck versucht, die Übernahme der Berliner Zeitung dennoch zu ermöglichen - letztlich erfolglos. Aus den mehr als drei Jahre währenden Auseinandersetzungen ist die Schlussfolgerung zu ziehen, dass es keine Möglichkeit gibt, Berliner Zeitung und Tagesspiegel in einer Hand zu vereinen.

Deshalb führt Holtzbrinck jetzt Verkaufsverhandlungen - sowohl über den Tagesspiegel als auch über die Berliner Zeitung. Da der Tagesspiegel seit Jahren Verluste erwirtschaftet und nach Einschätzung von Holtzbrinck gar nicht oder nur schwer verkäuflich ist, gilt nun eine Trennung von der Berliner Zeitung als wahrscheinlich. Unsere Zeitung hat eine wesentlich höhere Auflage als der Tagesspiegel (180 000 zu 135 000), sie ist wirtschaftlich erfolgreich und erzielt Gewinne. An Kaufinteressenten mangelt es deshalb nicht. Dennoch hat Holtzbrinck bis vor einer Woche öffentlich stets beteuert, ein Verkauf des Berliner Verlages stehe nicht zur Debatte. Wenn jetzt eine andere Entscheidung fällt, müssen und werden wir sie akzeptieren. Diese Entscheidung steht den Gesellschaftern des Unternehmens zu, nicht der Redaktion, auch nicht der Geschäftsführung des Verlages. Redaktion, Verlagsmitarbeiter und vor allem Sie, unsere Leserinnen und Leser, dürfen allerdings erwarten, dass bei einem solchen Verkauf die Interessen der Berliner Zeitung und ihrer Leser gewahrt werden. Es gibt erhebliche Zweifel, dass Mr. Montgomery und seine Investoren diese Anforderung erfüllen können.

Die Firma Mecom, die David Montgomery gehört, und die Partner in seinem Konsortium - sie heißen 3i und Veronis, Suhler, Stevenson - arbeiten nach dem Prinzip der "Private-Equity"-Branche. Sie sammeln bei potenten Anlegern Kapital und investieren diese Mittel, ergänzt um hohe Bankkredite, in Unternehmen. Den Anlegern werden Renditen von 20 Prozent und mehr versprochen, die übernommenen Unternehmen haben diese Renditen zu erwirtschaften und zugleich die Bankschulden zu bedienen und zu tilgen. Dieses Geschäftsmodell ist mit dem der Berliner Zeitung kaum vereinbar. Finanzinvestoren agieren kurzfristig, die Berliner Zeitung verfolgt ihre Ziele mit langem Atem. Der Berliner Verlag ist, siehe oben, wirtschaftlich erfolgreich, kein Verleger muss die Berliner Zeitung subventionieren. Aber die Maximierung der Rendite ist nicht das Ziel unserer Arbeit. Wir haben publizistische Ambitionen, die gleichwertig neben dem wirtschaftlichen Erfolg des Unternehmens stehen. Wir erheben den Anspruch, jeden Tag die führende Zeitung der Hauptstadt herauszubringen; wir haben uns auf den Weg gemacht, die erste wirklich gesamtdeutsche Zeitung zu werden - ein Blatt, das die Teilung des Landes und der Hauptstadt konsequent hinter sich lässt und gerade deshalb im Osten wie im Westen gleichermaßen erfolgreich ist. Wir bieten Ihnen neben Information, Analyse und Meinung die große Reportage und die investigative Recherche, die Missstände aufdeckt und Skandale enthüllt. Journalismus auf diesem Niveau kostet Geld und erfordert Investitionen. Es steht zu befürchten, dass wir Abstriche am Angebot der Berliner Zeitung und an ihrem publizistischen Profil machen müssten, falls die Finanzinvestoren tatsächlich unsere Gesellschafter würden.

Ich selbst habe in der vergangenen Woche mehr als drei Stunden lang Gelegenheit gehabt, mit David Montgomery über seine Absichten im Berliner Verlag und darüber hinaus zu sprechen. Wenn er Pläne, Konzepte und Ideen hätte, müsste ich sie jetzt kennen. Das ist nicht der Fall. Montgomery macht sich Illusionen. Von Berlin aus will er angeblich aggressiv auf den deutschen Markt vordringen, weitere Verlage in der ganzen Republik kaufen und sie zu einer Zeitungskette verbinden. Wer unsere Branche kennt, weiß, dass diese Vorstellung unrealistisch ist. Mein Eindruck: Der Mann verfügt bestenfalls über rudimentäre Kenntnisse der deutschen Zeitungslandschaft. Der Berliner Markt, wirtschaftlich und journalistisch der schwierigste der Republik, scheint ihm komplett fremd zu sein. Seine Partner - darunter auch Commerzbank und Barclays Bank, die das Geschäft finanzieren sollen - mögen bereit sein, mit ihm gemeinsam hohe Risiken einzugehen. Das ist ihre Angelegenheit. Unsere Angelegenheit ist die Zukunft der Berliner Zeitung. Ich rate dringend davon ab, sie David Montgomery anzuvertrauen.

Es gibt offenkundig Alternativen zu diesem Verkauf, auch unter den restriktiven Bedingungen des deutschen Kartellrechts. Von mindestens drei weiteren Angeboten aus dem In- und Ausland ist in den vergangenen Tagen zu hören gewesen. Erstens: Der junge und aufstrebende norwegische Medienkonzern Orkla hat schon vor Monaten sein ernsthaftes Interesse am Berliner Verlag und an der Berliner Zeitung angemeldet. Zweitens: Die Essener WAZ-Gruppe hat noch einmal ihr "fortbestehendes Interesse" an unserem Haus signalisiert. Drittens, und dies vor allem: Alfred Neven DuMont, einer der namhaftesten deutschen Zeitungsverleger, bekundet in der heutigen Ausgabe des Nachrichtenmagazins Der Spiegel sein "nachhaltiges Interesse" an der Berliner Zeitung. Ausdrücklich fügt er hinzu, dass er den Kaufpreis, der im Zusammenhang mit den Finanzinvestoren genannt wird (150 Millionen Euro), als realistische Verhandlungsgrundlage akzeptiert.

Neven DuMont sagt übrigens auch, die Vorstellung, dass die Berliner Zeitung künftig von Beteiligungsgesellschaften gehalten werde, erfülle ihn mit Sorge. "Vielleicht bin ich ja altmodisch", so der Verleger, "aber hier wird keine Metzgerei verkauft." Damit ist nichts gegen das ehrenwerte Metzgerhandwerk gesagt. Damit ist aber sehr wohl gesagt, dass Zeitungen nicht x-beliebige Wirtschaftsgüter sind. Die öffentliche Aufgabe der Zeitungen ist im Grundgesetz verankert. Wir haben also einen Verfassungsauftrag, und die Pressefreiheit ist unser Privileg. Wir genießen es nicht, weil wir Investoren Renditen garantieren, sondern weil wir unseren Lesern umfassende Information und Meinungsbildung garantieren. Daran darf nicht gerüttelt werden.

Die Verlagsgruppe Georg von Holtzbrinck ist dafür bekannt, dass sie mit ihren Zeitungen sehr sorgsam und verantwortungsbewusst umgeht. Sie hat ihre verlegerische Kompetenz oft genug bewiesen - bei der Zeit, beim Handelsblatt, bei ihren Regionalzeitungen. Für die Berliner Zeitung erwarte ich im Namen der Redaktion und ihrer Leser jetzt ebenfalls eine verantwortungsbewusste verlegerische Entscheidung. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.

Herzlichen Dank für Ihr Interesse an der Berliner Zeitung. Wir halten Sie auf dem Laufenden.

Mit den besten Grüßen

Ihr

Uwe Vorkötter, Chefredakteur

[1In der elektronischen Ausgabe ist der Text weder mit einer Unterschrift noch mit einem Namen unterzeichnet. Dieser wurde daher aus der Druckausgabe übernommen und hier nachgetragen.