eine Tagesreise & ein tragischer Held

Die Ankunft in München in der Frühe bringt eine besondere Überraschung mit sich: Schnee. Richtig dicker Schnee. Der erste dieses Jahres.

Der Termin mit einem potenziellen Kunden beginnt mit gleich drei weiteren Überraschungen. Die angegebene Adresse wird vor Ort korrigiert, die vorgesehen Gesprächszeit auf die Hälfte reduziert und dann stellt sich heraus, dass man sich am Vortag auch in Berlin hätte treffen können. Ein denkbar schlechter Start. Also ist ein totaler Strategiewechsel angesagt: Anstatt sich selber eine Position aufzubauen, aus der heraus eine erfolgreiche Präsentation gelingen kann, wird dem Gesprächspartner die Möglichkeit eröffnet das zu formulieren, was man selber auch nicht besser hätte sagen können.

Und so ist man trotz einem vorzeitigen Ende dennoch durchaus auf den Punkt gekommen. Beide Seitens sind’s soweit zufrieden. Die Karten sind neu gemischt.

Inzwischen hat der Schneefall aufgehört. Die Staus haben sich aufgelöst, das Alltagsleben hat wieder Tritt gefasst. Der Rückweg von der Medienalle wird angetreten. Und die S-Bahn fährt die Fluggäste wie jeden Tag in die Hauptstadt des Freistaates Bayern.

Am Morgen auf der S-Bahn-Informationsplattform des Hauptbahnhofs wird dem soeben Zugereisten von einem Mitarbeiter erklärt, dass geplant sei, in Zukunft diesen Zug durch eine Terassenschnellbahn zu ersetzen. Dann würde man mit Tempo Dreihundert in die Metropole transportiert werden. Und das würde dann nur noch ganze geschlagene drei Minuten dauern. Drei Minuten? Ja, ja: nur noch drei Minuten!!!

Es ist erstaunlich mitzuerleben, wie dieser Mann am Auskunftsschalter diese Geschichte wirklich glaubt - um alsbald sodann hinzuzufügen: nur zahlen möchte er den Preis für eine so schnelle Fahrt sicherlich selber nicht.

Die Menschen, so scheint dieser Kurzbesuch wie in einem Zerrspiegel zu zeigen, sind stolz auf die Zukunft ihres Landes - und wissen doch zugleich, dass es nicht (mehr) die ihre sein wird.

Was sind das für veränderte Verhältnisse in diesem Freistaat, der aus der Sicht des Nordens ja nicht nur gehänselt, sondern immer auch um seinen Anstand, die Aufrichtigkeit der Leute und ihr unerschütterliches Gottvertrauen beneidet wurde.

Nichts davon scheint mehr für die Ewigkeit zementiert zu sein. Die Landeskinder reden sogar schon mit Unsereins über den Niedergang der eigenen Kultur. Und wir, die - heute nur für einen Tag - Zugereisten müssen erkennen, dass nicht eine übermässig starke Christlich Soziale Union das Problem war, sondern die wirklichen Probleme sich erst jetzt einstellen werden, wo die Positionen dieser Partei so heftig ins Wanken geraten, dass sich immer mehr Menschen nicht mehr bereits sind, sich länger mit ihr zu identifizieren.

Der Mittelständler, der Kleingewerbetreibende, der Landarbeiter, sie wollen nichts mehr wissen von ihren Repräsentanten, weil sie sich von ihnen nicht mehr repräsentiert sehen. Und das tragische - so wird vielleicht erst die Zukunft erweisen - ist, dass sie derzeit keine andere Persönlichkeit finden, die sich als Sprachrohr dieser Leute versteht - und die sie verstehen.

So gibt es sogleich zwei Möglichkeiten diese, gerade zu tragische - und in Zukunft vielleicht sogar gefährliche Situation - zu beschreiben: ohne Garantie aber doch mit dem Gespür des Gastes, der das Glück hatte, an diesem Tag auch ausserhalb dieses Kundentermins angehört zu werden.

Die eine ist die Geschichte eine gewissen Herrn Stoibers, den viele in Bayern schon nicht mehr haben wollten und der jetzt am eigenen Leibe erlebt, was viele schon vorhergesehen hatten: dass er sich nicht unter dem Regime einer Frau sich persönlich wird behaupten können. Egal, ob in Bayern oder in Berlin. Tragisch das Ganze, weil die, die es vorhergesehen haben, es ihm nicht gesagt haben und dass die, die es ihm hätten sagen können, es nicht vorhergesehen haben - und das unser tragischer Held, wäre ihm diese Nachricht wirklich nahe gebracht worden, diese nicht hätte verarbeiten können.

Das andere sich nicht mehr wahrnehmbaren Kulminationspunkte von lebensgeschichtlichen Ereignissen, die immer häufiger und immer häufiger vergeblich nach einer Stimme suchen, die stellvertretend für die zunehmend Sprachlosen in die Bresche springt. Wo sind die Qualtingers und Thoma’s dieser Zeit und wer wird sie in Zukunft ersetzen? Wann so eine der heute wahrgenommenen Stimmen, wann wir es soweit sein, dass die zunehmend unterschwellig sich entwickelnde Aggressivität nicht länger in verbalen Wünschen wie denen nach einem neuen „kleinen Hitler“ hängen bleiben werden?

Wir hier in Bayern, so ist zu hören, brauchen endlich gute Berater, die von aussen kommen, die sich nur kurzzeitig bei uns aufhalten, die sich von all dem, was hier passiert, nicht gefangen nehmen lassen, die als Persönlichkeiten stärker sind als jene, die ganz bewusst als Schwach-Köpfe für den Staatsdienst ausgewählt wurden, damit sie den Obersten nicht gefährlich werden können.

Es mag dahingestellt sein, wie wichtig und wertig diese Stimmen im Einzelnen sein mögen. Aber allein die Tatsache, dass diese innern Zustände dem Zugreisten in so schonungslos offener Weise dargestellt, angeprangert, bedauert, ja, betrauert werden, ist ein Alarmzeichen. Wenn es dem Freistaat Bayern im Staate Deutschland so miserabel (zu)geht, dass man offen darüber zu sprechen beginnt, dann ist das ein Alarmzeichen für die ganze Republik. Und ein Pluspunkt für all jene Gesprächspartner, die den Finger so deutlich in die Wunde gelegt haben.

WS.