AprèsXMas: Stimmung auf- & Fläche aus-geräumt

Auch wenn sich der nachfolgende Text von Michaela Reichhardt aus der hier abonnierten Berliner Zeitung auf eine Wohnsituation bezieht, steht sie dennoch in einem gewissen Zusammenhang mit jenen Aufgaben, die für den Jahreswechsel das Büro betreffen.

Anstatt Urlaub vom Büro zu machen, wird dieses soweit aus- und umgeräumt, dass man dort am liebsten in Zukunft selber Urlaub machen möchte. Mit viel Platz für neue Ideen - und Ordner.

Anders als in der nachfolgenden Schilderung werden im eigenen Falle aber keine Menschen beiseite geräumt und auch keine neuen Farben gestrichen. Ja, zunächst einmal ist von den Veränderungen noch gar nicht so viel zu sehen. Denn zunächst werden die Inhalte der Festplatten durchforstet und neu arrangiert.

Auch wurde kein östlicher [1] sondern eine westlicher Ratgeber [2] zur Hilfe genommen. Darin heisst es, dass es vor allem notwendig sei, an einem Punkt all die wichtigen Daten und Informationen zu versammeln, auf die man kurzfristig "im Falle eines Falles" würde zugreifen müssen. Allein: Schon Die Zusammenstellung aller Passworte und PIN-Codes ist eine Kerneraufgabe. Allerdings macht sich jetzt auch "bezahlt", was in der Zeit zuvor bereits an systematischer Arbeit und Ablage geleistet worden ist.

Von daher bleibt soviel Zeit, um sich zum Mittag auch diese kurze Zeitungslektüre zu gönnen.

Wie die Wasserziege wohnt

Vielleicht habe ich das Büchlein wegen seiner Farbe gekauft, einem freundlich leuchtenden Kirschrot. Hätte mich jemand dabei gesehen, es wäre mir äußerst peinlich gewesen.

Eigentlich standen nur Allerweltsweisheiten in dem Feng-Shui-Ratgeber, etwa, dass Unerledigtes und Unschönes das Wohlbefinden beeinträchtigen könne. Nach möglichen Ursachen des Missbehagens habe ich länger schon geforscht, besonders Nahrungsmittelzusatzstoffe waren mir eine Zeit lang verdächtig erschienen, aber vielleicht hatte ich der Lebensmittelindustrie Unrecht getan. Ich schleppte drei Zentner alter Zeitungen und Zeitschriften zum Altpapier und fühlte mich gleich etwas erleichtert.

Die nächsten Tage arbeite ich mich kapitelweise durch die Wohnung. Ich enttarnte die Kommode als furniertes Kraftwerk schlechter Energie und entfernte alles, was bisher unerkannt meiner Zufriedenheit im Wege gestanden hatte: Einen Gutteil meiner Garderobe, sämtliche Möbel sowie alle spitz- und hartblättrigen, giftigen, ungenießbaren oder nicht schmackhaft aussehenden Pflanzen und alles, was Farben hatte, die sich mit der Lage meiner Wohnung und meinem chinesischen Sternzeichen nicht vertrugen. Ich bin eine Wasserziege. Um mich auf artgerechte Weise vor Blicken und Verdunstung zu schützen, besorgte ich mir Bambus-Rollos. Es war an der Zeit, auszumalen.

Nach vier Tagen strahlte die Wohnung in heiterem Mango. Außer einem appetitlichen rundblättrigen Bäumchen und dem Futon war wenig übrig geblieben. Die Bücher musste ich noch durchsehen. Wer einmal begriffen hat, dass die Wohnung der Spiegel der Seele ist, betrachtet seine Bücherregale mit anderen Augen.

Siebenkäs möchte ich nicht einmal im Kühlschrank haben, sagte ich mir, und hielt die Luft an, bis das Ding vor der Tür war. Ihm folgten schubkarrenweise kleine hässlichgelbe Bändchen, die mich an meine Schulzeit erinnerten - ein Kapitel meines Lebens, an das ich ungern zurückdenke. Weil die Russen für mich stets etwas Deprimierendes gehabt haben, geleitete ich Ilias zur Wohnungstür. Weniger höflich beförderte ich Pest und Ekel hinaus und eine Geschlossene Gesellschaft - ich dulde keinen Separatismus in meiner Wohnung. An der Negativen Dialektik störte mich nicht nur der wenig fröhlich stimmende Titel, sondern auch die trübe Farbgebung. Auch habe ich Dialekte immer als unangenehm empfunden, abgesehen vom Tirolerischen, für das ich eine Schwäche habe. Trotzdem oder gerade deswegen: weg damit.

Die Aeneis wird vielleicht eines Tages meiner Tochter ihren Namen leihen, aber das ist kein Grund, das vergilbte Ding bis dahin aufzubewahren. Das kann ich mir auch so merken. Und über Das andere Geschlecht könnte ich selbst eine noch dickere Schwarte schreiben, obwohl ich nicht halb so alt sein dürfte wie die am Umschlag abgebildete Autorin. Die Reise ans Ende der Nacht wird ohne mich stattfinden und der Prozess der Zivilisation geht wahrscheinlich zu ihren Ungunsten aus, aber Gerichtsdramen haben mich noch nie interessiert.

Es blieb nicht viel übrig. Nur Lurchis gesammelte Abenteuer, Band 2, hübsch illustrierte Paarreimgeschichten, die vom Vorteil guter Schuhe handeln, und das Feng-Shui-Buch. Beide harmonieren wunderbar mit der neuen Farbe der Wände. Wo früher das Bücherregal war, hängt jetzt ein Bild von einem Delfin und ein kleines Tischchen darunter dient mir als Hausaltar. Ich habe die Wohnung mit Myrte ausgeräuchert, das vertreibt den letzten Rest in den Ecken hängen gebliebenen brackigen Chis. Bei dem Geruch glaube ich das sofort. Der Gründlichkeit halber hab ich mir zuletzt noch die Haare abschneiden lassen: das Argument, ich schleppte bei dieser Länge stets die letzten sieben Jahre mit mir herum - jeden Moment davon - hat seine Wirkung auf mich nicht verfehlt.

Ludwig bin ich übrigens auch losgeworden. Er hat gesagt, die bonbonfarbenen Wände und die Möwenmobiles hätte er noch tolerieren können, aber die Sache mit den Büchern habe ihn richtiggehend schockiert. Man könne doch nicht die Geschichte, die ganze Kultur im Altpapiercontainer entsorgen. Er hat tatsächlich versucht, mir ein schlechtes Gewissen zu machen. Aber warum sollte ausgerechnet ich die europäische Suppe auslöffeln - ich als Frau? Wo wir doch beide wissen, dass es ihm nur um die Haare geht. Auch egal - wird Aeneis eben einen Tiroler zum Vater haben.

© 2005 BerlinOnline Stadtportal GmbH & Co. KG, 27.12.2005

[1Bevor auch die aktuelle Ausgabe nr. 22 von BOD[Books on Demand] weggeworfen wird, wird dort das Buch von Sabine Leikep über "Effizienz im Büro mit Kaizen -Methoden" angekündigt

[2der FOCUS Nr. 47 vom 21. November 2005