Zum Tod von Amelie Hedwig Beese-Boutard

Heute findet sich auf der Seite 25 im Feuilleton der abonierten
Berliner Zeitung ein so bewegender Text über ein so bewegtes Leben, dass es sich der Herausgeber herausnimmt, diesen 1:1 zu zitieren [1] [2]

Der wunderbare Text von Ines Geipel ist überschrieben mit der Zeile

Der Geschmack des Himmels

und spricht von dem Leben der ersten deutschen Pilotin Amelie Boutard-Beese - "Fliegen ist notwendig, leben nicht" - die sich am 22. Dezember 1925 in Berlin-Schmargendorf das Leben nahm.

Es ist etwas Wunderbares wie viel Mut jemand in sich haben muss um etwas zu tun wenn er ein erster ist", so Gertrude Stein in ihrem sprachmagischen Familien-Opus "The Making of Americans". Einen unbekannten Raum betreten, tun, was noch nie jemand getan hat. Woher nimmt man die Sicherheit dafür? Es ist das Jahr 1911. Die Dichterin aus Pennsylvania sucht noch nach den letzten Sätzen ihres Text-Mammuts, als eine 25-jährige Dresdnerin über den Berliner Flug-Platz für Aviatiker Johannisthal streunt. Sie hat die Startbahn im Auge, die noblen Maschinen, die in den nächsten Minuten abheben werden. Sie darf nicht dabei sein, doch sie weiß, sie wird fliegen.
Amelie Hedwig Beese, 1886 geboren in Dresden-Laubegast, da, wo die Elbe jene unverkennbare Biegung macht und das gediegene elterliche Architekten-Haus steht, mit weitem Blick auf Mulden und wilde Böschungen, dicke Elbmöwen und den träge dahinfließenden Fluss. Ihre Kindheit: die Geräusche der Werft, die Gierfähre, die Weinberge, das Hochwasser, die Molkerei Naake und Donaths Neue Welt - das große Tanzlokal gleich um die Ecke. Mit zwanzig verlässt Melli Beese Deutschland, um an der Königlichen Akademie zu Stockholm Bildhauerei zu studieren, etwas, was zu der Zeit einer Frau an deutschen Kunstakademien unmöglich ist. Der Stein, wo man nichts ausprobieren kann, sondern das Richtige wegschlagen muss, um die Figur frei zu legen. Der Marmor: ein Zustand, der man selber ist.

Hochbepreist verlässt sie nach drei Jahren die Schwedische Akademie, nicht ohne für sich noch eine Ausbildung als Hochseeseglerin erkämpft zu haben. Zurück in Dresden hört sie im Politechnikum Vorlesungen über Mathematik und Schiffsbau. Was ist ein Schiff? Technik, Masse, Rumpf, Allansicht, aber nirgends Heiterkeit, nie Leidenschaft. Was ist ein Schiff, wenn es nicht singen kann? Wenn es keine riesigen, weißen Segel hat, die gespannt werden, um zu erzählen? Vielleicht hat Melli Beese irgendwann in einem der kalten Konstruktionssäle gestanden und in den Himmel geschaut. In den Zeitungen ist in jenen Wochen viel von den Pionierflügen der Brüder Wright zu lesen. Es ist eine Zeit, die viel über tiefste Gründe nachdenkt. Warum sollte es da nicht auch höchste Höhen geben? "Fliegen ist notwendig", entscheidet sie, "leben nicht." Sie fährt nach Berlin, nach Johannis-thal, wo man nicht eben auf sie wartet. Denn "es gibt Berufe, die gelegentlich die Physis eines Mannes brauchen", hört sie. "Eine Frau in Hosen", wehrt man ab. "Gott versuchen!", empört sich Kaiserin Viktoria. Melli Beese schert das nicht sonderlich. Der umsichtig fördernde Vater zögert zwar einen Moment, legt aber großzügig die ungeheure Summe von 4000 Mark Ausbildungskosten auf den Tisch. Nun kann sie einsteigen in ihren Traum.

Doch ihre "glückliche Ahnungslosigkeit", wie sie es nennt, schlägt jäh auf, als sie den brüsken Widerstand gegen ihr Vorhaben realisiert: ausgetauschte Zündkerzen, abgelassenes Benzin, gekappte Bremsschläuche. Bei einem Übungsflug stürzt sie ab. Schwere Brüche und viel Häme sind das eine, doch ihre Sehnsucht nach dem Geschmack des Himmels ist stärker. An ihrem 25. Geburtstag, am 13. September 1911, holt sie sich als erste Deutsche die Fluglizenz. "Zum ersten Mal Leben und Tod in der eigenen Hand", schreibt sie. Wenige Tage später, auf der Berliner Flugwoche, schafft sie den Höhenflugweltrekord über 825 Meter und den Langzeitflugrekord mit 2 Stunden und 20 Minuten. Die Presse jubelt "Alle Achtung!" und entdeckt mehr und mehr "einen gewissen Unterhaltungswert" in bezug auf die laszive, dunkelhaarige Schönheit. Man sieht sie mondän in engen, schwarzen Lederoveralls auf illustren Bühnen der Besitzkröten, Akrobaten, Schlafwandler, Preisboxer - und sie zum Star avancieren.

Sie hat das Leben in der Hand, sagt man so? Und es läuft schnell: 1912 trifft sie ihre große Liebe, Charles Boutard, einen französischen Piloten, eröffnet mit ihm eine eigene Flugschule, konstruiert und baut ihre eigenen Flugzeuge, lässt sich zwei Flugboote patentieren - grandios stolze, heitere Vögel, gleitend zwischen Wasser und Himmel. 1913 wird geheiratet. Die Boutards sind keine Abenteurer, das Geschäft ist hart, die Flugschule läuft mit 14 Auszubildenden, er wird Chefpilot. Beide wissen um ihre Grenzen, riskieren viel, fordern sich ab, was andere nicht zu geben bereit sind. Und mögen eins: das Leben federn zu lassen, sehr hoch, bis in höchste Höhen.

Kreuzergeschwader, Botschafterkonferenzen, Warnungstelegramme, Ultimaten? Über ganz Mitteleuropa hängt eine drückende Schwüle, ein Kontinent schwitzt und hat es ordentlich satt. Schweiß macht nervös: 1. August 1914, nachmittags 4.40 Uhr allgemeine Mobilmachung in Frankreich, zwanzig Minuten später in Deutschland. In der Zeitung liest man: "Nun ist die Kugel aus dem Lauf." Unversehens kommen auch die Boutards zwischen die Fronten, werden noch am selben Tag zu Feinden Deutschlands erklärt, was bedeutet: Entzug der Lehr- und Geschäftserlaubnis, die geschlossene Flugschule, nicht mehr klingelnde Telefone, das Hämmern an der Tür, als man Charles abholt, ins Lager nach Holzminden.

Nach seiner Lagerzeit verbannt man die beiden nach Wittstock. Lange, eisige Winter, nasse, dunkle Erde, Rinnen, Schafe, Weiden. Er erkrankt an einer doppelseitigen Lungentuberkulose, sie hockt bei einer Bäuerin in der Furche und muss um jeden Preis Feindin bleiben. Sie sind Franzosen und gewinnen den Krieg. Wer gewinnt, sitzt auf dem Acker, züchtet Schafe und liest Kartoffeln. "Man hat uns buchstäblich zugrunde gehetzt", schreibt Melli über diese Jahre.

Am Ende des Krieges ist sie 32 Jahre alt. Wie das Leben hätte werden können, werden sollen. Sie will es verteidigen: die langen Elbspaziergänge mit dem Vater, die Abstürze und Küstenflüge, den Lorbeer, die Verheißung, die Demütigung, den Riss, den Geschmack des Himmels. Doch die Inflation schluckt die 80 000 Mark Entschädigung, die die Boutards erstreiten. Seine Lagerjahre und Drogenabhängigkeit lassen die Ehe erodieren. Obwohl sie erneut Großes plant - einen gemeinsamen Filmflug um die Welt -, wird es eng für die Absolutistin. Ihre Zeit zerrt sie auf den Boden zurück: Ihre Fluglizenz ist abgelaufen und kein Geld da für eine neue, das Leinwand-Projekt zerschellt, Charles Boutard zieht seiner Wege und sie in eine kleine Mansarde in Berlin-Schmargendorf, in der sie sich am 22. Dezember 1925 erschießt. Die Sicht, der Zustand, das Ausmaß. Vielleicht muss man nur genug verloren haben, um für immer zu fliegen.

[1zumal es auch eine Reihe eigener biographisch-historischer Konnotationen zu der hier dargestellten Lebens-Geschichte gibt

[2Anstatt des in der Zeitung wiedergegebenen Ullstein-Fotos wurde das hier zitierte der Seite
HARGRAVE "the PIONEERS" entnommen.