Vor 50 Jahren: DFF-Start zum 80. von Pieck

In Ermangelung eines guten "Eigenberichtes" verlassen wir uns in diesem Fall auf die beredten Zeugnisse Dritter.

So schreibt n-tv als erster Sender schon am Freitag, 30. Dezember 2005 aus Anlass des heute aktuellen Datums:

50 Jahre DDR-Fernsehen
Sandmann & Schwarzer Kanal

Nach vier Jahren Testbetrieb ging es erst richtig los: Als vor 50 Jahren das DDR-Fernsehen mit seinem regelmäßigen Programm begann, konnten nur wenige im "Arbeiter- und Bauernstaat" die Sendungen verfolgen. Etwa tausend DDR-Bürger hatten sich für 3.500 Mark ein Gerät der Marke "Leningrad" zugelegt, um "Aktuelle Kamera" zu gucken. Mit der Eröffnung der Studios im Berlin Adlershof und dem Beginn eines festen Programms am 3. Januar 1956 startete der Deutschen Fernsehfunk (DFF) das TV-Zeitalter in der DDR.

Mit Vorträgen und Bildung, Spielfilmen und Dokumentationen ging es mit zwei Stunden täglich in den elektronischen Konkurrenzkampf mit dem Westen. Auch künstlerisch ambitionierte Eigenproduktionen schmückten das Programm. Die SED hatte das Fernsehen noch nicht als Massenmedium entdeckt und gönnte den Machern noch etwas Freiraum.

Zu einem Massenmedium wurde der DFF erst Anfang der sechziger Jahre. Auf dem VI. Parteitag 1963 beschließt die SED, das Fernsehen müsse eine tragende Rolle bei der Befriedigung der Konsumbedürfnisse der Bevölkerung bekommen. Mehr als eine Million Menschen besaßen schon ein Gerät, der DFF sendete acht Stunden täglich. "Massenwirksamkeit" und "Volksverbundenheit" lautete der Parteiauftrag.

Die politische Kontrolle der TV-Nachrichten wird verschärft. Über ein "rotes Telefon" können sich die ZK-Mitglieder, so wird später berichtet, jederzeit in den Sendeablauf einschalten. Doch nicht alles ist Agitation und Hofberichterstattung. "Der Sandmann", "Ein Kessel Buntes" oder "Außenseiter-Spitzenreiter" erlangen noch zu DDR-Zeiten Kultstatus im eigenen Land, wie der Leipziger Medienforscher Thomas Beutelschmidt in einer Studie zum DDR-Fernsehen feststellt.

Am 20. Jahrestag der Gründung der DDR beginnt der DFF mit der Ausstrahlung eines 2. Programms, zugleich gibt es erste Farbsendungen. 1972 erreichen die nun in "Fernsehen der DDR" umgetauften Kanäle erst die Hälfte des DDR-Gebietes. Mit einer Programmreform wirft die SED Ende der 80er Jahre ideologischen Ballast ab. Die "Aktuelle Kamera" wird politisch abgerüstet, der sozialistische Alltag kommt nun eher verspielter im "Polizeiruf 110" oder in "Der Staatsanwalt hat das Wort" vor. Eigenproduktionen müssen mit ausländischen Filmen konkurrieren.

Der Einfluss des West-Fernsehens setzt dem DDR-TV merklich zu. Mit knapp 33 Prozent Sehbeteiligung, das ergeben die später entdeckten Zahlen der DDR-Zuschauerforschung, erreicht das Fernsehen einen Tiefpunkt. Und die Wende im Herbst 1989 erschüttert das Fernsehen nachhaltig. "Diese Sendung wird nach fast 30 Jahren die kürzeste sein -nämlich die letzte", kündigt der bestgehasste Journalist der DDR, Karl-Eduard von Schnitzler, sein eigenes berufliches Ende und das seines "Schwarzen Kanals" an. Die Quote der "Aktuellen Kamera" fällt im letzten DDR-Jahr auf unter vier Prozent Marktanteil.

Die wohl folgenreichste Sendung des DDR-Fernsehens läutete auch den Anfang vom Ende der realsozialistischen Mattscheibe ein: Als am 9. November 1989 Günter Schabowski aus der Politbüro-Sitzung in Ost-Berlin vor die Kameras tritt und im Nebensatz die Reisefreiheit für DDR-Bürger verkündet, kleben Millionen Menschen in Ost und West an ihren Geräten. Wenige Stunden später ist die Mauer offen, fast zwei Jahre danach wird der einstige DFF ausgeschaltet. Ausgerechnet über jenes Medium, mit dem die DDR-Oberen fast 40 Jahren im ideologischen Grabenkrieg die Überlegenheit ihres Systems ausmalten, begann der Niedergang des Staates.

Anfang 1992übernehmen die ARD-Landesrundfunkanstalten das Programm. Auf einige Sendungen aus DDR-Zeiten müssen die Ostdeutschen seitdem nicht verzichten: Die "Sandmännchen" gibt es ebenso noch wie den "Polizeiruf 110", die Garten- und Tiersendungen bei MDR und RBB lehnen sich an DDR-Vorbilder an. Verschwunden ist die einst beliebte Unterhaltungsshow "Ein Kessel Buntes".

Und Peter Hoff fragt, ob es bei dem Thema: "50 Jahre Nachkriegsfernsehen in Deutschland" einen "Grund zum Feiern?" gäbe:

Das „deutsche Fernsehen“ feiert seinen fünfzigsten Geburtstag.

Nicht zum erstenmal. Schon im Frühjahr 1985 erhob man die Sektgläser zur Feier dieses Tages. Damals wurde des Starts des „ersten regelmäßigen Fernseh-Programmbetriebes der Welt“ am 22. März 1935 gedacht, von dem einer der daran beteiligten, der Dramatiker und Fernseh-Oberspielleiter Arnolt Bronnen später schrieb, es sei seinerzeit zwar viel „Betrieb“, aber wenig „Programm“ gemacht worden. Immerhin schmückt sich das Nazi-Fernsehen bis heute mit dem Nachruhm der Übertragung der Olympischen Spiele von 1936 - und vergisst dabei die Live-Sendungen von den Nürnberger Reichsparteitagen der NSDAP. 1944 endete der „Programmbetrieb“ im „Totalen Krieg“, nachdem zuvor schon vier Jahre ausschließlich „Frohsinn“ für kriegsversehrte Soldaten in den Lazaretts der „Reichshauptstadt“ gesendet worden war. Genau besehen, kein rechter Anlaß zum Feiern!

Den gibt es aber jetzt, meint man in Hamburg, wo das bundesdeutsche Nachkriegsfernsehen aufgebaut wurde, von den gleichen Leuten übrigens, die schon in dem nach dem deutsche „Fernsehpionier“ Paul Nipkow - einem von vielen Tüftlern in aller Welt, die den Anspruch erheben können, an der Erfindung mitgewirkt zu haben - benannten „Reichssender“ für Kraft durch Freude geworben und sich damit um die Gunst der Nazi-Oberen bemüht hatten, vergeblich übrigens, denn der sonst wahrlich nicht mit Eigenlob zurückhaltenden Joseph Goebbels erwähnt das Fernsehen, dem er zu seinem Start 1935 ein Glückwunschtelegramm gesandt hatte, in seinem Tagebüchern mit keinem Wort. - Nun, 1952, nach gut einem Jahr Versuchsbetrieb, soll das Deutsche Fernsehen für die Bundesrepublik aus der Taufe gehoben werden, am 25. Dezember 1952, mit Ansprachen der politisch Verantwortlichen, des Postministers, und der Rundfunkchefs, allen voran der Generaldirektor des Nordwestdeutschen Rundfunks NWDR Adolf Grimme.

Seit 1949 arbeiteten auch in Berlin-Adlerhof im Auftrag des Generalintendanten des „Demokratischen Rundfunks“, Hans Mahle, Techniker am Fernsehen. Mahle hat die sowjetische Besatzungsmacht auf seiner Seite und das SED-Politbüro gegen sich. „Laß die Finger vom Fernsehen“, empfehlen die Genossen aus dem „großen Haus“, „das wird nie was!“ - Mahle hatte in Moskau, bei der Arbeit im deutschsprachigen Programm von Radio Moskau, das sowjetische Fernsehen kennengelernt, denn das Radio Komintern war im Studio des sowjetischen Versuchsfernsehens untergebracht, das zwischen 1938 und 1941 sein Programm sendete. Er war überzeugt, dass das neue Medium durchaus eine Zukunft haben würde, und er warb Mitarbeiter, darunter die Techniker Walter Bruch (der später bei TELEFUNKEN das Farbsystem PAL erfand) und Ernst Augustin, der bereits das Studio des Senders „Paul Nipkow“ projektiert hatte und der jetzt, zusammen mit dem Architekten Paul Ehrlich, auch für das Fernsehzentrum Berlin verantwortlich zeichnete.

Augustin projektierte des „Fernsehzentrum“ publikumsnah: der Theatersaal war für große öffentliche Veranstaltungen vorgesehen und für das Publikum zugänglich, während aus den anderen vier Studios ein aktuelles Live-Programm gesendet wurde. „Live“, die Gleichzeitigkeit von Ereignis, Sendung und Empfang, wurde generell zum Credo des ostdeutschen Fernsehens. Am 31. 12. 1951, erinnerte sich Hans Mahle 1995, war das Fernsehen sendefertig und lud die politische Führung der DDR zu einer Vorführung in das Zentrum ein. „Wir hätten die ersten sein können“, meinte Mahle, „aber es gab keine Fernsehempfänger, keinen, der sie produzieren wollte, uns was soll Fernsehen ohne Zuschauer?“

Daß Mahle nicht übertrieb, bewies der Start des „inoffiziellen Versuchsprogramms“ am 2. Juli 1952, der auch die Premiere für eine Sendung brachte, die bis zum Ende des DDR-Fernsehens weitergeführt wurde: die „Aktuelle Kamera“, die erste deutsche Fernseh-Nachrichtensendung, die regelmäßig mehrmals wöchentlich ausgestrahlt wurde. Die bundesdeutsche „Tagesschau“, am 26. Dezember 1952 erstmals gesendet, war zunächst nur ein feuilletonistisches Magazin. Erst Ende der fünfziger Jahre wurde sie zur politischen Nachrichtensendung, und da erst erschien der Sprecher in persona auf dem Bildschirm. Zu Anfang sprach er seine Texte unsichtbar aus dem „Off“.

Drei Jahre ließ sich das DDR-Fernsehen Zeit, die eigenen Möglichkeiten unter den Bedingungen einer noch eingeschränkten, aber sich stetig erweiternden Öffentlichkeit zu erproben. War die Eröffnungssendung am 21. 12. 1952 - am 73. Geburtstag Stalins, drei Tage vor dem Start des Hamburger Fernsehprogramms - lediglich auf 75 Fernsehgeräten in Berlin zu sehen, so hatte sich die Zahl der zugeschalteten Fernsehgeräte bei Aufnahme des „offiziellen Programms“ des „Deutschen Fernsehfunks“ am 3. Januar 1956 (dem 80. Geburtstag von Wilhelm Pieck) bereits vertausendfacht, und zehn Jahre nach dem Fernsehstart stand in zwei Millionen DDR-Haushalten ein Fernsehgerät.

Doch auch in der Bundesrepublik bemühten sich die Programmgestalter um die Entwicklung des Programms. Dabei spielte der NWDR-Sender (West-)Berlin die wichtigste Rolle. In der „Frontstadt“ des Kalten Krieges war ein sehr leistungsfähiger Sender mit einem Radius von 80 Kilometern installiert worden, der vor allem in das Berliner Umland der DDR sendete. Damit war der Medienkrieg um die Köpfe im jeweils anderen Teil Deutschlands eröffnet worden, der bis zum Ende der DDR andauerte. Westberlin nahm auch auf dem Gebiet des Fernsehens seine Funktion als Schaufenster der westlichen Welt wahr: was immer sich an Neuem im Fernsehen tat - in Westberlin wurde es vorgestellt.

Dagegen nahm sich das Ost-Versuchsfernsehen zunächst vergleichsweise bescheiden aus, und DER SPIEGEL spottete am 14. Juni 1953 über „Zilles bunte Bühne“. Hermann Zilles (1903-1956) war der erste Leiter des Fernsehzentrums Berlin, ein geradliniger Kommunist und Antifaschist, der den Rundfunk in der DDR mit aufgebaut hatte und der 1954 wegen „mangelnder Wachsamkeit“ (wie vorher schon Hans Mahle) von der SED-Führung gefeuert wurde. Tatsächlich arbeiteten Zilles, sein kommissarischer Nachfolger Probst und schließlich Heinz Adameck, der das DDR-Fernsehen von 1954 bis 1989 leitete, unter schwierigsten Bedingungen.

Erst allmählich wurden die materiellen und personellen Voraussetzungen geschaffen, die für einen modernen Fernsehbetrieb notwendig waren. Wichtigste Erwerbung am Ende des Versuchsprogramms waren zwei britische Übertragungswagen (die westdeutsche elektronische Industrie verweigerte die Lieferung an die „ostzonale“ Konkurrenz des Deutschen Fernsehens), die dem Fernsehen erlaubten, an die Ereignisorte zu gehen. „Fernsehen ist Dabeisein“, war ab jetzt die Devise.
Das Ostfernsehen holte auf gegenüber seinem westdeutschen Konkurrenten, und am 3. Juni 1959 erhält das Adlershofer Programm Applaus aus Hamburg. DER SPIEGEL bescheinigt nunmehr dem „Deutschen Fernsehfunk“, sein Programm sei „im Westen gefragt“. „Infratest“ hatte herausgefunden, 53 Prozent der bundesdeutschen Fernsehteilnehmer, die das DDR-Fernsehen empfangen können, meinten, auf dem Ost-Kanal kämen „recht gute Filme, gute Kulturfilme“ und „Unterhaltungsprogramme, reichhaltiger, länger und besser als die des Westfernsehens“. Und, was die Fernsehmacher im Arbeiter- und Bauerstaat besonders freuen mußte, „Arbeiter (tendieren) stärker zu den Programmen des Deutschen Fernsehfunks, als ihrem Anteil an der Fernsehteilnehmerschaft entspricht“.

Solche Erfolge (und der Kalte Krieg) ließen in Ostdeutschland den Plan reifen, ein zweites Fernsehprogramm „mit dem Charakter des Deutschlandsenders“ zu starten, also ein Programm, das sich mit kulturellen Angeboten vor allem an die Zuschauer in der Bundesrepublik wendet. Einmal wöchentlich, und zwar am Samstagnachmittag, sendete der DFF seit 1958 sein „Tele-Studio West“, ein Informationsprogramm für die Bevölkerung in der Bundesrepublik und in Westberlin.
Überhaupt waren die ostdeutschen Fernsehverantwortlichen Ende der fünfziger Jahre voller Pläne. Ein zweites Sendezentrum in Leipzig wurde projektiert, denn das Versuchsprogramm hatte erbracht, dass die zentralistische Lösung für das Fernsehen nicht der Weisheit letzter Schluß war. Es gab Ideen zu einer Regionalisierung der Programme, um den Zuschauern - und das war eines der wichtigsten Anliegen der Fernseharbeit jener Zeit geblieben - näher zu kommen, denn das Fernsehen in der DDR sollte ein Kommunikationsmedium werden, das die Menschen miteinander verband. - Die politischen Entwicklungen verliefen anders als angenommen. Die meisten der Vorhaben wurden reduziert oder ganz eingestellt. Die Studios in Halle, Rostock, Dresden und Karl-Marx-Stadt fielen bescheidener aus als sie einmal geplant gewesen waren, aber sie entwickelten ihre eigenen Spezialitätenprogramme Das zweite Programm kam erst 1969 zustande, als Farbkanal, mit dem zunächst niemand so recht etwas anzufangen wusste, und erst 1983, als das DDR-Fernsehen gegen das sich im Westen entwickelnde „duale Rundfunksystem“ als permanente Konkurrenz zwischen öffentlich-rechtlichen und privaten Programmanbietern seine „alternative Programmpolitik“ entwickelte, die eine Alternative zu jedem dem beiden DDR-Fernsehprogramme im jeweils anderen bieten sollte, wurde es zum akzeptierten Programm.

Eine Programmsparte rückte in den sechziger Jahren in das Zentrum der Betrachtung: die „dramatische Kunst“. Mindestens zwei Fernsehspiele oder -filme wöchentlich wurden in Berlin-Adlershof erstgesendet. Die Produktion war quasi „industriell“ organisiert: Während auf der einen Seite des Studios IV, das der Fernsehdramatik ständig zur Verfügung stand, ein Fernsehspiel geprobt und gesendet wurde, konnte auf der anderen Seite bereits das nächste vorbereitet werden, so daß in Adlershof, einmalig in Deutschland, Fernsehspiele „am Fließband“ produziert werden konnten. Ohne Abstriche an der Qualität, im übrigen, wie die erhaltenen Filmaufzeichnungen - die elektronische Aufzeichnung auf Videoband war hier erst ab 1963 möglich - noch heute beweisen.

Hatten die Schauspieler zu Anfang noch Bedenken gehabt, für das neue Medium zu arbeiten (nur der ehrwürdige Nestor der deutschen Schauspielkunst Eduard von Winterstein spielte ohne Hemmungen schon 1953 in einem der ersten Fernsehspiele „Der hessische Landbote“), so folgten sie jetzt bereitwillig jedem Ruf nach Adlershof. Immerhin überschritt die Anzahl der Fernsehlizenzen 1960 in der DDR die Millionengrenze, und da zu jener Zeit noch Zuschauergruppen, zumindest aber die Familien vor den Bildschirmen saßen, konnte man mit einer Sendung bis zu vier Millionen Zuschauer hierzulande erreichen. Man wurde zwar damals noch nicht zum „Star“, „Fernsehliebling“ aber konnte man schon werden.

Es gab am Beginn der sechziger Jahre nur zwei deutsche Fernsehprogramme, das der ARD und das des DFF. Ab 1963 sendete auch das Zweite Deutsche Fernsehen ZDF. Das war nach vielen juristischen Querelen um den damaligen Bundeskanzler Adenauer 1961 gegründet worden, denn der konservative Regierungschef wollte mit privaten Medienunternehmen ein Regierungsfernsehen einrichten. Die Absicht wurde vom Bundesverfassungsgericht gestoppt. Das entsprechende Urteil gilt noch bis heute als Beleg für den demokratischen Charakter des bundesdeutschen Rundfunksystems.

Nach dem Mauerbau forderten die BRD-Medien zum Boykott des DDR-Fernsehens auf. Lediglich der aus der DDR stammende Schriftsteller Uwe Johnson schrieb im „Tagesspiegel“ seine ironischen Kritiken zum „5. Kanal“ - dem DDR-Fernsehen war der Kanal 5 reserviert. Obgleich man einander offiziell nicht zur Kenntnis nahm, tobte der Ätherkrieg, der auch mit dem publikumswirksamen Fernsehspiel und -film ausgetragen wurde. Die ARD sendete den antikommunistischen Reißer „So weit die Füße tragen“, und der DFF antwortete mit „Flucht aus der Hölle“. Auf „Gewissen in Aufruhr“ (Ost) folgte „Die Revolution entlässt ihre Kinder“ (West). Die politische Publizistik zog mit. „Der schwarze Kanal“ (Ost) war die Antwort auf „Die rote Optik“ (West) - die Aufzählung der Beispiele ließe sich spielend fortsetzen. Für das Westfernsehen war die deutsche Teilung und ihr Symbol, die Mauer, lange Zeit wichtiger Propagandagegenstand. Am 17. Juni wurde regelmäßig ein Klassiker gesendet, der die Unterdrückung von Völkern zum Gegenstand hatte, und Albert Camus’ Stück „Der Belagerungszustand“ spielte 1963 in der durch die Grenze geteilten „Bernauer Straße“ in Berlin.

Nichtsdestotrotz hielten bundesdeutsche Einkäufer, die das gefräßige Medium Fernsehen mit immer neuen Sendungen zu füttern hatten, schon damals insgeheim Ausschau nach ostdeutschem Fernsehspiel-Futter. Als sich im Zuge der neuen Ostpolitik Willy Brandts die Beziehungen zwischen den beiden deutschen Staaten zu normalisieren begannen, kam auch der Programmaustausch der deutschen Fernsehanstalten in Gang, und die Zuschauer im „Tal der Ahnungslosen“ ohne Westempfang (ARD übersetzte man damals „Außer Raum Dresden“) brauchten zum Beispiel nicht auf das Vergnügen am Überfall auf den Postzug ihrer Majestät im Mehrteiler „Die Gentlemen bitten zur Kasse“ verzichten.

Die Fernsehentwicklung in beiden deutschen Staaten vollzog sich jedoch auf unterschiedlichen Wegen. In der Bundesrepublik war das Fernsehen zuerst als Kulturinstitution aufgebaut worden, in der DDR jedoch als journalistisches Medium. Das hatte Auswirkungen beispielsweise auf die Sportberichterstattung der fünfziger und sechziger Jahre, bei der die Ostdeutschen in der Regel die Nase vorn hatten. Selbst die Fernsehunterhaltung unterschied sich: Seit 1955 die ersten beiden Übertragungswagen in Dienst gestellt worden waren, gingen die Ostberliner Fernsehmacher zu ihren Zuschauern. Und Weststars wie Lou van Bourg zogen mit. Die Fernsehunterhaltung trug unverkennbar publizistische Züge. Bekannteste Beispiele waren Hans-Georg Poneskys Sendungen „Mit dem Herzen dabei“, die ganze Städte buchstäblich in Bewegung setzten.

Von diesen konzeptionellen Grundpositionen war aber auch die Fernsehdramatik betroffen. Während in der Bundesrepublik die Literaturadaption dominierte, baute die Fernsehkunst in der DDR auf das originale Fernsehspiel zu aktuellen Fragen. Das brachte auf beiden Seiten Skandale hervor. Während 1962 in der DDR Günter Kunerts Fernsehfilm „Monolog für einen Taxifahrer“, den der mit gespaltener Zuge sprach, für die Öffentlichkeit und für sich, verboten wurde, durfte im Freistaat Bayern eine zweieinhalbtausend Jahre alte Aristophanes-Komödie in der Bearbeitung des großen Fritz Kortner („Die Sendung der Lysistrata“) nicht gezeigt werden, weil in der aktuellen Rahmenhandlung darin Fragen der atomaren Bewaffnung der Bundeswehr angesprochen wurden.
Und trotzdem: Wenn man einen DDR-Bürger in den sechziger bis achtziger Jahren nach „seinem“ Fernsehen fragte, dann erzählte er von den Fernsehspielen und -filmen, von „Wege übers Land“ und „Sachsens Glanz und Preußens Gloria“, von „Blaulicht“ und „Polizeiruf 110“ und, wegen der moralisierende Kommentare des Staatsanwaltes milde belächelt, von „Der Staatsanwalt hat das Wort“. Man erinnert sich heute noch an „Da lacht der Bär“, obgleich die Show zur Beförderung der deutschen Einheit (Losung des IV. Parteitages: „Deutsche an einen Tisch!“) schon vor rund vierzig Jahren eingestellt worden war.

Man schaute aber im Osten, so man konnte, auch „Stahlnetz“ und „Tatort“, „Dallas“ und „Derrick“. Und die Nachrichtensendungen aller zur Verfügung stehender Kanäle: ab 19.00 Uhr „heute“, dann ab 19.30 „Die Aktuelle Kamera“ und im Anschluß ab 20.00 Uhr die „Tagesschau“. Und aus all den Informationen, die auf ihren Häuptern niedergingen, zogen die ostdeutschen Zuschauer die „Quersumme“: Die Wahrheit lag irgendwo „dazwischen“. Es läßt sich mit gutem Grund behaupten, daß die Fernsehkonsumenten zwischen Fichtelberg und Kap Arkona die bestinformierten weit und breit waren.
Das vermissen viele der Älteren heute, ebenso die Filme ohne Gewalt, dafür aber mit Konflikten, die jeden angingen. Denn die deutsch-deutsche Vereinigung war zwar in bestimmtem Maße mediengeneriert, nichts ließ sich am Ende der achtziger Jahre verheimlichen, die westdeutschen Programme sprangen in die Informationslücken, die ihnen die Informationspolitik der DDR-Regierung hilflos öffnete. Seit jedoch im Dezember 1989 sich der Deutsche Fernsehfunk reformierte und unter der Intendanz von Hans Bentzien und ohne Reglementierung durch Honecker und Joachim Hermann in den eigenen Sendungen offen über die Widersprüche der Gesellschaftsentwicklung gesprochen wurde, wuchs auch die Attraktivität der Programme aus Berlin-Adlershof. Jetzt galten zwar keine Programmpläne mehr, dafür war das Programm spannend und erregend wie nie zuvor - und nie danach. Als Informationsmedium, das Antworten auf die brennenden Fragen der Zeit zu geben vermochte, rangierte noch 1991 die aus dem zweiten DFF-Programm hervorgegangene DFF-Länderkette mit 29 % vor ARD und ZDF.

Es habe die Chance bestanden, urteilte damals der Hamburger Medienjurist und heutige Bundesverfassungsrichter Prof. Hoffmann-Riem in einem Gutachten zu den neuen Rundfunk-Staatsverträgen für die neu begründeten ostdeutschen Sendeanstalten, mit der deutschen Einheit die deutsche Rundfunkordnung generell zu reformieren. Stattdessen wurde den neuen Anstalten die Rechtsordnung der alten übergestülpt. Die Kommunikationsnot, über die Fernsehzuschauer in der DDR in den letzten Jahren vor dem Zusammenbruch des sozialistischen Staates klagten, ist wieder eingezogen. Die Anzahl der Programme, die jedem von uns im Kabelnetz zur Verfügung stehen, hat sich im letzten Jahrzehnt mehr als verzehnfacht, 1000 Stunden Programm täglich (!) bieten ARD, ZDF, die Dritten und die Privaten an, und doch wird es immer schwerer, anspruchsvolle Sendungen zu finden. Die Anzahl der Kanäle soll sich in nächster Zeit durch die Digitalisierung noch einmal verzehnfachen. Daß es dabei aber wirklich zu der bei Einführung des „dualen Systems“ 1985 versprochenen „Vielfalt“ kommen wird und nicht lediglich zur „Vielzahl“, daran lässt sich auf Grund der bisherigen Erfahrungen kaum glauben.

So verbindet sich die Freude über fünfzig Jahre deutsches Nachkriegsfernsehen für viele von uns mit Melancholie. „Unser“ Fernsehen gibt es nicht mehr - oder, optimistisch betrachtet, noch nicht!

Ein Beitrag aus der Reihe: 50 Jahre Fernsehen von Peter Hoff im "iminform newsletter - ausgabe 2003-01" - ISSN 1617-187X, vorab veröffentlicht bei www.iminform.de am 24.12.2002.