Freitag, der Dreizehnte

Nein, nichts ist wirklich schiefgegangen an diesem Tag - oder doch?

Aber am Ende dieses Tages ist noch viel zu viel offen, als dass eine wirkliche Auswahl getroffen werden könnte, was denn heute das wichtigste Ereignis gewesen wäre.

Und dennoch kondensieren wir auch dieses Konglomerat auf zwei - wenn auch sehr unterschiedliche - Ereignisse, die nicht bzw. ohne die eigenen Anwesenheit stattfinden werden:

Zunächst war der Besuch einer Presseveranstaltung von ARTE/WDR zur Vorstellung der Doku-Serie: DIE LETZTE REISE geplant.

Und dann war es aufgrund "unaufschiebbarer Aufgaben und Verpflichtungen" doch nicht möglich dieser Einladung zu folgen.

Damit macht die Zurückstellung des Thema in eigenen Berufs-Praxis klar, was der Kernpunkt dieser Reihe ist: die Verdrängung eines wesentlichen Eckpunktes der eigenen Existenz: des Todes.

Auch ein zweiter ebenfalls auch persönlicher Punkt fällt damit "unter den Tisch". Die als Gesprächspartnerin angekündigte ARTE-Beauftragte des WDR ist eine Mitarbeiterin des Hauses, die dort bereits Mitte der 70er Jahre beschäftigt war. Das war zu einem Zeitpunkt, als die beiden ersten eigenen 45-Minüter in der Redaktion Ihres Kollegen Dr. Michael Gramberg im Büro nebenan entstanden sind.

Es hätte durchaus seinen Reiz gehabt, nach 30 Jahren wieder einander gegenüberzustehen. Allein, die aktuellen Aufgaben und Ereignisse liessen solches nicht zu. Und es bleibt hier nur der Verweis auf die
Internet-Seiten bei ARTE: Und die Ausstrahlungstermine ab Montag, den 16. Januar 2006.

Die wichtigste Meldung des Tages, die um 14:29 auch als SMS auf das Mobiltelefon eingespielt wurde, lautete: " Fifa sagt WM-Eröffnungsgala im Berliner Olympiastadion ab - Rasen soll für erstes Spiel geschont werden."

Über das, was daher in diesem Tage alles passiert ist, schweigt derzeit noch des Sängers Höflichkeit. Stattdessen kommen im Verlauf dieses Tages und Abends noch viele Persönlichkeiten zu Wort, die das Ihre zu diesem Thema beizutragen haben.

Am meisten gefordert und auf allen Sendern, erst per Telefon und dann mit einem Video-Statement zum Sprechen aufgefordert: der FIFA-Sprecher und der DFB-Sprecher.

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Von den berliner Stimmen reichen die Reaktionen von Unverständnis bis zu heller Empörung: Auf den nationalen Kanälen...

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... wie auf den regionalen Kanälen

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In München versucht sogleich der OB mit seinen zwei Stadien aus dieser Absage Kapital zu schlagen.

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Aber auch auf anderen Regionalsendern ist dies das Thema des Abends und wird sogleich, wie hier beim MDR mit Gerd Delling, aufgegriffen

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Am Abend vedrängt dieses Thema in den Nachrichten fast die Charme-Offensive des US-Präsidenten an die deutsche Kanzlerin.

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Stattdessen sieht man die Artisten unter der Zirukuskuppel in Paris: ratlos

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Nach einem ersten am Nachmittag veröffentlichten
SPIEGEL-Interview lüftet Herr Heller zumindest einen Teil des Geheimnisses um die grüne Spielfläche: der ganze Stadionboden hätte für die Gala aus einer riesigen LED-Licht-Spiel-Fläche bestehen sollen. Und diese hätte dann nach dem Ende der Veranstaltung abgebaut und durch einen neuen Rasen ersetzt werden müssen.

Was kein Problem gewesen wäre, so der berliner Stadion-Chef

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Ob das Ganze nun wirklich wie behauptet das wichtigste Massenereignis im Nachkriegs-Deutschland geworden wäre: ein Sportredakteur der Berliner Zeitung hält die Demos in der DDR in Leipzig nach wie vor für bedeutsamer.

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Und das Publikum?

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Dieser Freitag der Dreizehnte, so werden wir bei RTL aufgeklärt, sei schliesslich der Jahres-Tag des Fleisses!

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Nachträge: gerade diese Seite hat eine Reihe von Reaktionen und Folgen ausgelöst, die hier (noch) nicht alle dokumentiert werden können. Aber es soll hier zumindest aus drei Texten auszugsweise zitiert werden, auf die in diesem Zusammenhang verwiesen worden ist.

1.

Der erste Text stammt aus der auch aus ganz anderen Gründen interessanten ichglaubdran -Seite vom 77. Treber-Tag: Und auf dieser geht es am Montag, den 16. Januar 2006, auch um die Absage der WM Gala:

Ich sehe es so, dass die WM uns allen einen großartigen Impuls geben kann. Vielleicht nicht in Zahlen, Daten, Fakten, aber in den Köpfen der Menschen.

In ihren Herzen ist verdammt viel Gutes, nur der realistische Kopfblick lähmt uns, deshalb meckern wir, doch wir sind mehr als dieser Blick.

Wir haben das Zeug dazu, uns fehlt nur noch das visionäre Ziel, dafür ist die WM ein guter Anfang. [...]

Und dass wir jetzt langsam mal das Ruder in die Hand nehmen sollten, habe ich an der Absage der WM Eröffnungsgala
gemerkt.

Scheiße man, wir können der Welt zeigen, dass wir nicht nur Sauerkraut und Bratwurst sind und jetzt?!?

Na ja, wartet es ab, wir werden spielerisch siegen und zeigen was in uns steckt, mit dem Glauben an uns und dem Vertrauen in die Mannschaft. Denn Parties sind schnell vergessen, Titel behält man das ganze Leben.
Dafür bin ich unterwegs.

2.

Der zweite Text kommt von Ulrich Paul. Er berichtet in der Berliner Zeitung vom 25.01.2006, wie des Szenarium der Eröffnungs-Gala ausgesehen hätte, wenn...

[...] Seit gestern sind wir nun etwas schlauer. Denn das Team um den Künstler André Heller hat den rund 13 000 Freiwilligen mitgeteilt, was geplant war. Um es vorwegzunehmen: Es sollte etwas wirklich Großartiges werden. Unterhaltsam und nachdenklich, lebenslustig und verrückt.

Nach Einbruch der Dunkelheit am 7. Juni um 22 Uhr hätte die Opernsängerin Jessey Norman die Gala mit "Dich, teuere Halle, grüße ich" aus dem Tannhäuser eröffnet. Mit Hilfe einer Hebebühne und einem Kostüm hätte sie sich dabei in eine 16 Meter große Riesin verwandelt. Danach hätte eine Parade von Figuren wie Marlene Dietrich, Heino, Struwwelpeter und Ludwig II. an der Hand von Richard Wagner die deutsche Geschichte thematisiert. Jede Figur wäre durch mehrere Darsteller vervielfacht worden. Das Spielfeld sollte zu einem riesigen LED-Bildschirm werden, auf dem das zerstörte Berlin und der Aufmarsch einer Roboterarmee mit Monitorköpfen gezeigt worden wäre.

Im Show-Segment "Surreal Football" hätte Heller den Rasen, der beim Fußball immer nur getreten wird, zurückschlagen lassen. Durch den LED-Bildschirm hätten sich auf dem Spielfeld die Linien wie in einem Traum gebogen.

Für die anschließende Eröffnungszeremonie waren alle sechs lebenden Friedensnobelpreisträgerinnen eingeladen, Wasser aus ihrer Heimat nach Berlin zu bringen. Eine kräftige Fontäne aus diesem Wasser hätte eine sieben Meter große Kugel emporgestemmt. Der schwebende Globus sollte sich langsam in einen Fußball verwandeln, in dem nach einer weiteren Verwandlung der WM-Pokal sichtbar geworden wäre. Dieser hätte so hell geleuchtet, "dass jeder im Stadion die Augen hätte schließen müssen", sagt Heller. Nach der Zeremonie war von Peter Gabriel eine 30-minütige Weltmusikrevue mit 1 500 Percussionisten und Tausenden von Tänzern vorgesehen. Das wilde Trommeln hätte in einem markerschütternden Schrei geendet, gefolgt von minutenlanger Stille. Dann wäre Bob Dylan aufgetreten, und schließlich hätte ein Feuerwerk zur Musik des chinesischen Starpianisten Lang Lang den Himmel erleuchtet. Mit Musik der Black Eyed Peas wäre die Party ausgeklungen. Schade drum.

Aus: Bob Dylan und der Struwwelpeter. Was André Heller für die WM-Gala geplant hatte.

3.

In diesem dritten Text wird von der Begegnung der literarischen "Kopfballspieler" in Berlin berichtet, die sich nach zwei Tagen des Zusammenseins auf dem Podium des berliner Museums für Kommunikation wiederfanden: Wenn auch ohne ihren Gastgeber: André Heller.

[...] Berlin - Eine Vermisstenmeldung, gleich zu Beginn: Wo ist der Mann, der eben noch als Spiritus Rector vorgestellt wurde, auf dessen Initiative hier alle zusammengekommen sind? André Heller ist abwesend im Berliner Museum für Kommunikation. Er kann die von ihm geladenen Literaten nicht begrüßen. Dabei war es doch ein so ehrgeiziges Projekt.

"Kopfballspieler" hat er es betitelt, und der Untertitel preist an: "Ein Gipfel der Weltliteraturen." Zwölf Schriftsteller waren gekommen, um bis gestern Abend zwei volle Tage lang über Fußball zu reden, um die Facetten auszuleuchten, die der Sport bietet und am Ende sogar denen zu begegnen, die tatsächlich auf dem Rasen und am Spielfeldrand stehen. Es ist ein Beitrag im Rahmen des aufwendigen Kulturprogramms zur WM 2006: Auch die Geistesmenschen unter den Fans sollen nicht darben. [...]

Doch Heller, der Gastgeber, hat anderes zu tun. Er hat etwas abzuwickeln, denn sein Lieblingsprojekt ist ihm von der Fifa gestohlen wurden: die WM-Gala im Berliner Olympiastadion. Irgendwo zwischen den Büchern, zwischen Stapeln von Rechnungen und Verträgen, hat der Wiener einen Schmollwinkel gefunden, was den einen oder anderen im Foyer schon zur Eröffnung irritiert. [...]

Der Text von Sefan Osterhaus ist in voller Länge in der
SPIEGEL ONLINE Ausgabe vom 22. Januar unter der Überschrift "Glück im Gestern" nachzulesen.