STRICTLY BERLIN

Wenn man gut die Hälfte [1] der ausstellenden Künstler kennt und die beiden Kuratoren noch dazu, sollte kein Weg zu weit sein, um auf die Einladung zur Eröffnung auch als persona grata zu reagieren.

Die Entscheidung an diesem - Freitag - Abend war, den Wagen stehen zu lassen und stattdessen - trotz Kälte und Dunkelheit - dem Fahrrad den Vorzug zu geben.

Der Weg von Charlottenburg nach Mitte zur Galerie der Künste , " GDK ", war zwar subjektiv lang und beschwerlich, aber objektiv ganz "ok". Immer noch versprerrten Eisreste so manchen Fahrradweg, aber auch Bauzäune oder Frauen, die selbst bei diesen Temparturen herumstanden um endlich und immer wieder von neuen Freiern angesprochen zu werden.

Schliesslich vor dem Gebäude in der Potsdamer Strasse 78 angekommen, drängt sich schon vor dem Haus ein Bild auf, das mit der Kamera festgehalten werden will: es ist die Projektion eines weissbewölkten blauen Himmels, die da an einer Art Schaufensterscheibe zu sehen ist. Und darin die schwarzen Schatten von Gästen, die sich mit ihren Gesten scherenschnittartig vor diesem Licht-Bild auf der transparenten Aussenhaut des Gebäudes profilieren. [2]

Daher also der Griff in die Jackentasche: doch die Kamera ist nicht griffbereit. Die ganze Ledertasche fehlt.

Schrecken. Schauer. Das innere Bild gleicht dem eines Gewitterhimmels mit heftigen Gedankenblitzen und kurz vor dem Moment, ab dem die ersten Tropfen herniederprasseln.

[...]

Jetzt kommt die schrecklichste Fahrradfahrt - "zurück nach Los" - ins Büro. Immer wieder hoffend, irgendwo auf diesem Rückweg die schwarze Ledertasche auf dem dunklen Asphalt im Gegenlicht der Autoscheinwerfer doch wieder entdecken zu können. Immer wieder anhaltend, die Chronologie des Hinwegs rekapitulierend. Selbst zufällig vorbeigehende Passanten werden angesprochen, eine Polizeistreife und auch jene Damen, die nun gewiss eine andere Ansprache erwartet hätten als die meine.

Mit aller Akrebie der Verzweiflung führt der Weg zurück zum Startpunkt. Es ist noch dunkler und kälter als zuvor. Die meiste Kraft kostet aber nicht das Fahrradfahren, sondern der Wille, nicht aufgeben zu wollen: ja, sich zu entscheiden, den gleichen Weg nochmals am Sonnabendmorgen zu machen, wenn sich jetzt unter diesen Licht-Verhältnissen nichts finden lassen sollte.

Warum, so die immer wiederkehrende Frage, warum muss dieses erneut geschehen, nachdem schon eine ebenso wertvolle Kamera auf der Talent Campus Pressekonferenz vor einem Jahr [3] gestohlen worden war, warum nur?

So geht der Weg zurück im inneren Monolog und zugleich mit äusserst wachem Auge bis vor die Tür des Büros. Dabei wird jeder Ort, an dem die Kamera vielleicht hätte besonders leicht aus der Tasche fallen können, nochmals genau in Augenschein genommen.

Dennoch: Nichts.

Die Eingangstür zum Bürogebäude wird aufgeschlossen. Auch dort findet sich nichts in der Eingangshalle. Auch im Fahrstuhl keine Spur von der schwarzen Ledertasche. Die Tür zum Büro wird aufgeschlossen. Auch dort findet sich nichts was auf einen Verlust hätte hindeuten können. Alle Lichter werden angeschaltet. Aber es ist auch jetzt nichts zu finden. Bis auf das Fire-Wire-Kabel, das noch vor dem Einstecken des Gerätes aus der schwarzen Taschen ausgepackt worden war.

Und dann: Dann liegt sie da. Neben der Garderobe im Regal. Die schwarze Ledertasche samt Kamera.

Die Begegnung mit den Werken guter Künstlern hat an diesem Abend nicht stattgefunden - aber sicherlich mit denen von guten Geistern.

WS.

[1die gute Häfte?

[2Dieses Aussenbild wurde am gleichen Abend von der Fotografin Ilse Ruppert "entdeckt", fotografiert und im Rahmen ihrer
Bilder von der Vernisage der Öffentlichkeit auf ihrer Webseite
www.ilseruppert.de
angeboten.

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