Absolute Heaven @ Berlinale

Das "Highlight" des gestrigen Berlinale-Sonntages wurde am 17 Uhr im Saal Nummer Sieben der CineStars-Kinos [1] entfacht: es war die Vorführung des Films "ABSOLUTE WILSON" der Regisseurin und Autorin des Buches "Life is Work" Katharina Otto-Bernstein. [2]

Dieser Film, so die Berlinale-Dokumentation, sei in einem Zeitraum von fünf Jahren entstanden. Dabei stünden nicht allein die berühmten Inszenierungen wie „Einstein on the Beach“ (1976) und „The CIVIL warS“ (1983) im Mittelpunkt, sondern zum ersten Mal auch Einsichten in die Person von Robert
Wilson. Er berichte "von seiner Jugend in
Waco, Texas, und davon, dass er lern- und sprachbehindert war, sowie von anderen Schwierigkeiten, die er auf seinem außerordentlichen Lebensweg
zu überwinden hatte
." [3]

Es war nicht nur eine Premiere für fast alle der Versammelten, sondern auch für Robert ("Bob") Wilson selbst. Auf die Fragen aus dem Publikum gibt er nach der Vorführung bereitwillig Auskunft: dies sei das erste Mal, dass er den Film in seiner jetzt so zusammengestellten Fassung gesehen habe, sagt er.

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Man kann im Zuschauerraum spüren, wie dieser Eindruck in ihm nachwirkt, während er im Scheinwerferlicht einer Filmkamera über das Mikrofon zu uns spricht: als Person des Öffentlichen Lebens und doch sogleich in einer Stimmlage, in der das Private nicht mehr ausgegrenzt werden kann.

Ursprünglich, so die Regisseurin, habe ihr Film eine Länge von 8 Stunden beansprucht, von der jetzt eine Spieldauer von 105 Minuten übrig geblieben sei. Vieles des hier nicht Gezeigten werde nach und nach als Buch und auf einer DVD veröffentlicht werden - noch in diesem Jahr.

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Diese hier vorgeführte Verdichtung des zusammengetragen als auch des selbst gedrehten Materials - vor allem mit Bezug auf die Zeit der frühen Jahre - ist von ausserordentlicher Prägnanz: "Bravo" Bernadine Colish und für all die, die am Schnitt beteiligt waren.

Selbst für jemanden, der Wilsons Arbeit auf der Bühne nie verstanden haben mag, gibt dieser Film den Schlüssel. Nicht nur zum Portraitierten, sondern auch zu sich selbst.

Die bange Frage vor dieser Premiere, wie es gelingen könne mit der Darstellung von Leben und Leistung eines solchen Mannes durch die Abbildung so weniger Szenenauschnitte, Zeitbilder und Interviews klar zu kommen, verwandelt sich im Verlauf des Filmes zu einer überzeugenden aus vielen wohlsortierten Puzzlestücken zusammensetzten Antwort.

Mit dem - vorläufigen - Ende des Films wird klar, dass hier in der Person des Protraitierten zugleich das Modell einer Antwort auf die Frage angelegt ist, wie es möglich werden kann, eine zeitlebens gesuchte Anerkennung zu finden.

Ohne Scham und falschem Sentiment wird das Wechselspiel zwischen dem sogenannten "Privaten" und dem daraus entwickelten "Öffentlichen" deutlich: Wie das Ringen um die Zuwendung durch die Eltern zu einem Kampf um die Erfüllung der eigenen Neugier am Leben wird. Und das Ganze gespiegelt in den Persönlichkeiten Anderer die aus einer anderen Welt kommen: einer Welt jenseits der Herrschaft der Hellhäutigen und der Hellhörigen, einer Welt des Blues und der Bilder.

Gerade in seiner Diskretion eröffnet der Film Türen zur Person Robert Wilsons, deren Weg sogleich über ihn hinausweist. Wir werden zu Vertrauten. Und eingeladen miterleben zu dürfen, wie schliesslich auch der Vater zum Zuschauer seiner Werke wird, die Grossmutter zur Mitwirkenden und die Schwester zum stolzen "Groupie".

All dieses geschieht so feinsinnig, dass es uns hilft, den Menschen und sein Werk zu verstehen, als primus inter pares, sein Kollektiv als eine immer wieder neu gegründete Familie.

Auch wenn es einer anderen Darstellung als dieser vorbehalten sein wird, detaillierter auf die Aussagen von Wilson und Otto-Bernstein in ihrem Film und im Anschluss daran vor der Leinwand einzugehen, so soll doch eine Frage nicht verschwiegen werden, eine die - aus den dunklen Publikumsreihen gestellt - vielleicht zu intim hätte wirken können und die daher ersatzweise an dieser Stelle gestellt wird.

Dieser Film hat neben vielen anderen Qualitäten den Vorzug, eine "echte" deutsch-amerikanische Ko-Produktion zu sein. Entstanden in der Folge einer "scheinbar" zufälligen Begegnung zwischen Otto-Bernstein und einem interessanten unbekannten Gesprächpartner, der sich später sogar zu einem "Uncle Wilson" entwickeln sollte.

Dieser interkulturelle Blick ist es, der zu der Frage (ver-)führt:
Nach der Dokumentation des langen und schweren Ringens des jungen Wilson um die Anerkennung in der eigenen Familie: wie schwer wird es für ihn noch werden, die Anerkennung des eigenen Vater-Landes zu finden?

Welche Rolle haben "wir", die wir mit unseren Bühnen und Bemühungen in Europa seinen Werken ein Exil geben? [4]

Übernähmen "wir" damit ein Stück weit als gesellschaftliches Kollektiv jene Rolle, die er als der der eigenen Familie Entfremdeter einigen Fremden in seiner unmittelbaren Umgebung hat angedeihen lassen: seinem Freund, der als Schwarzer aufwächst, seinem "zufällig" entdeckten Sprachlosen, von dem er lernt wie es ist, nicht in Worten sondern in Bildern zu denken?

Katharina Otto-Bernstein ist gelungen, in ihren Bilder etwas zu zeigen, was selbst in diesen Worten vielleicht noch unzureichend zum Ausdruck gebracht werden konnte.

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Und Sie hat mit der Bezüglichkeit ihres Titels ABSOLUTE WILSON auf die Werbebotschaften von ABSOLUTE insgeheim durchblicken lassen, wie unheimlich ihr diese so glorreich bewältigte Entdeckung der Welt Wilsons im Grunde immer noch zu sein scheint. [5]

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Bei den Wilsons war die Welt der Familie nie der Himmel auf Erden. Und in Wilsons Produktionsfamilien, so scheint es, sind es immer wieder neue Bühnenbretter, die eine Welt ankündigen wollen, in der der Himmel auf Erden herbeirufen werden soll: Mit Bedacht und mit Begierde, mit Provokation und Professionalität, mit Leidenschaft - und Licht.

Lux eterna est - quod erat demonstrandum. [6]

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WS.

[1Ein besonderer Dank an die tätige Mitwirkung von A. Tosun und F. Ritter, ohne die dieser Text nicht möglich geworden wäre.

[2Wer nicht die Gelegenheit hatte, diesen Film am Sonntag zu sehen, dem seien eine der weiteren Screenings anempfohlen, am:
Montag, den 13 Februar um 14:30, im CineStar 7
Mittwoch, den 15. Februar um 15:30 im Colosseum 1
Sonntag, den 19. Februar um 14:30 im CineStar 7

[4Und dennoch nicht in der Lage waren, "CIVILwarS" so gut zu finanzieren, dass es nicht kurz vor der Olympiade 1984 in LA abgesagt wurde - Bezüge zur aktuellen Lage nach der Absage der Fussball-Vor-Feier, wären diese wirklich zu weit hergeholt?

[5Eine vielleicht gewagte aber dennoch seriös gemeinte These.
Auf das Angebot, diese im Vorfeld "off the record" zum Gegenstand eines Gesprächs zu machen, liegt bislang aber (noch) keine Reaktion vor, so dass dieser Text am Nachmittag des heutigen Montages online gestellt wird.

[6Diese Zeile drängte sich auf, als nach dem Verlassen des Kino-Untergrundes vor dem Sony-Center der Vollmod über dieser ganzen Szenerie erstrahlt war.