Der W. zu Gast bei Freunden

Dieses ist ein besonderer Tag. Das Büro ist auch an diesem Sonnabend besetzt. Es wird über die Umsetzung eines Projektes diskutiert, das bereits in einem Monat fix und fertig auf den Rechnern des Kunden - und dessen Kunden - laufen soll.

Am späten Nachmittag beginnt das Wochenende. Und es geht ab mit dem W123 gen Osten. Der Wagen hat auch nach 25 Jahren wiederum neuen TÜV und eine neue ASU-Zertifizierung erhalten. Und nach der Durchsicht des Motors erstaunlich günstige Verbrauchswerte für einen 280E. - Dennoch ist es die vielleicht letzte "gemeinsame" Fahrt ...

Bei der Ankunft vor dem Haus der Freunde steht dieses leer. Und es ist klar, dass dieses Mal nicht bei ihnen gefeiert wird, sondern an einem anderen Ort, in einem weit grösseren Rahmen.

Wie aber diese Adresse finden? Weder die Einladungskarte liegt vor noch ein Adressbuch. Schliesslich findet sich auf dem "Handy" einer der Namen der Freunde und dahinter auch deren mobile Telefonnummer abgespeichert. Aber der Versuch einer telefonischen Kontaktaufnahme schlägt fehl.

Es ist schon dunkel. Die Scheinwerfer des Wagens erhellen nur ein Stück des asphaltierten Weges. Auf dem Nachbargrundstück schaltet eine Bewegunsmelder ohne erkennbaren Grund eine Aussenlicht immer wieder an und aus. Was tun - nach den mehr als 100 Kilometern Anreise?

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Ein Mann kommt auf den Wagen zu. Er erinnert sich meiner und bittet darum, noch zwei Mitglieder aus der Familie an den Ort der gemeinsamen Feier mitzunehmen. Diese seien soeben aus Österreich vom Skifahren gekommen um noch mit dabei sein zu könnnen. Und so steigen sie aus ihrem Wagen in den eigenen um und fahren gemeinsam an den von ihnen benannten Ort der abendlichen Feier: Sie kennen den Weg.

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Dieser Abend ist beeindruckend. Es ist der gemeinsame Lebensraum von Freunden und Bekannten, Mitabeitern und Verwandten, der hier aus Anlass eines runden Geburtstages zu einem festlichen Getümmel zusammengerückt sind. Vom Buffet bis zu einer männlichen Bauchtanzgruppe ist alles da, was Leib und Herz erfreut. Jeder kann so viel essen und zu trinken bestellen, wie er will. Der Plattenaufleger spielt sein volles Programm. Auch dass "Anneliese" und der "Holzmichel" an diesem Abend nicht mit dabei sind, wird von Einigen durchaus mit besonderem Wohlwollen quittiert.

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Auch nach Mitternacht wird noch getanzt. Jemand bittet um die Herausgabe meiner Brille. Und so gebe ich sie her. Von dem, was dann geschieht gibt es ob der eigenen Kurzsichtigkeit nur noch akkustische Klangfetzen, die in Erinnerung bleiben. Eine ist dabei, die das besonders aufregend zu finden scheint, dass einem beim Tragen dieser Brille, gekoppelt mit den Tanzbewegungen, ganz irre im Kopf zu werden scheint. Und das geschieht dann - ganz ohne eigenes Zutun.

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PS. Am Montagmorgen, wieder in Berlin, fällt eben diese Brille beim ersten morgendlichen Zugriff auf den Boden - und zerbricht.

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Die Fage die sich stellt ist nicht der Vorwurf: "Warum musste Dir das denn passieren", sondern eher die Frage: "Warum gerade jetzt? Warum ist sie dir nicht am Sonnabendabend auf der Tanzfläche zerbrochen (worden)?" Auf der Suche nach einer Antwort will mir der Name eines Mannes nicht aus den Sinn, der genau heute vor zehn Jahren verstorben ist. Für ihn war das Sehen von Bildern und das Erkennen ihrer Qualitäten von einer für sein Leben entscheidenden Bedeutung.

Auf der Suche nach einer anderen Sehhilfe gibt es in der Wohnung nur noch einen anderen Ort, an dem sich noch eine weitere Brille befinden könnte, eine die noch aus der Schulzeit stammt und die bislang nur aus Gründen der Sentimentalität aufgehoben worden war.

Sie ohne eigene Brille zu finden war schon schwer genug, sie aufzusetzen dann aber nicht mehr möglich. Nach so vielen Jahren wurde das alte Etui wieder geöffnet. Und es war gleich zu sehen, wie sich das Material schon von selbst in seine Einzelteile zerlegt hatte.

Diese Zeit ist vorbei.

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WS.