Potsdam privat

An diesem Morgen zum Frühstück in einem grossen Hotel in Potsdam verabredet. Mein Gast ist im Frühstücksraum / Restaurant des Hauses aber nicht anzutreffen. Also: Warten in der Lobby. Erst dann fällt er mir auf: stehend, an einem Internet-Terminal, mit stetem Blick auf den Bildschirm gerichtet und den Händen auf der Tastatur. [1].

Die Aufnahme des Gesprächs mit dem Hotelgast unterliegt zunächst einigen Behinderungen. Es ist kein eigener Tisch mehr frei und der hintere Teil des Restaurants ist schon demonstrativ so abgeräumt, dass klar ist, dass ein Aufenthalt dort nicht mehr gewünscht wird.

Also wenden wir uns an die Bedienung. Und so werden wir schliesslich „platziert“, an einem Tisch, der zwar nicht mehr besetzt, aber noch nicht abgeräumt worden ist. Wir fügen uns dieser Platzierung. Ist einem doch ein solches Ritutal immer noch aus DDR-Zeiten in guter Erinnerung und der Bedienung, wie es schient, ebenso...

Allein, der Zustand unseres Tisches hat sich auch dann noch nicht geändert, als der Gast das Buffet besucht hatte und nun mit seinem eigenen Frühstück wieder an den Tisch zurückgekehrt war. Als sich auch weiterhin nichts tat, wird schliesslich in eigener Initiative das benutzte Geschirr, das Besteck, das leere Glas und die leere Kanne an das Buffet in die Nähe des Kücheneingangs zurückgetragen. Auch danach lässt sich die Bedienung so gut wie nicht blicken und so wird auch die Versorgung mit Tee und Kaffee auf ähnliche Weise arrangiert...

Als sie Umstände schliesslich so sind, dass wir miteinander ins Gespräch kommen können, kommt zunächst von meiner Seite eine Entschuldigung für diesen Mangel an Aufmerksamkeit. Und dann stetzt eine Unterredung ein, die weit über die Morgenstunden hinausgeht, bis dass schliesslich das Reinigungspersonal mit mehreren Staubsaugern unterwegs ist und dabei, zeitweise die Unterredung fast unmöglich zu machen. Wir verbleiben aber dennoch an unserem Platz, zumal sich inzwischen Leute vom Personal eingefunden haben, die das vom Gast genutzte Geschirr wieder abräumen. Wir bleiben so lange sitzen, bis auf all den anderen Tischen schon für den bevorstehenden Mittag eingedeckt worden ist.

Als wir gehen, sind bereits die ersten Mittagsgäste eingetroffen.

Alleine in der Lobby verbleibend, wird der Eindruck dieses Gesprächs nochmals verarbeitet und der weitere Tag geplant.

Danach der Weg aus dem Hotel heraus, an vielen Bauarbeiten vorbei zum Auto. Der Wagen wird aufgeschlossen, Gepäck und Jacke eingestellt und der Schlüssel wird im Zündschloss herumgedreht. Aber nichts geschieht, nicht einmal ein „Mucks“ von einem Geräusch. Die Ursache war schnell gefunden: Von der Autobahnfahrt war auch nach dem Parken das Licht angeblieben und hatte inzwischen in der langen Zeit aus der Batterie alle Ladung abgezogen.

Also: zurück ins Hotel. Auch der Europcar-Schalter war schon geschlossen. Also zurück an die Rezeption. Diese wiederum schickt mich weiter, zurück ins Restaurant, wo nun schon das Mittagsbuffet ausgebaut ist.

Es ist immer noch das gleich Personal da. Und als ich die Damen auf mein Missgeschick anspreche und nachfrage, ob jemand ein Starthilfekabel zur Verfügung stellen könne, wird mir freundlich geantwortet und gebeten, ein wenig zu warten. Jetzt beginnt ein grosses Gerenne und Telefonieren und da noch nicht viele Mittagsgäste anwesend sind, haben viele Zeit, sich um mein Anliegen zu kümmern. Mehrmals gibt es Worte der Vertröstung und die Bitte noch ein wenig mehr Zeit für das Warten aufzubringen. Dann aber wird empfohlen, auf den Hotelparkplatz zurück zu gehen, dort würde jemand aus der Küche herauskommen und mir weiterhelfen „eine junge Frau mit roten Wangen“ wurde mir angedeutet.

Wieder auf dem Parkplatz, geht schliesslich hinten bei den Wirtschaftsräumen ein Tür auf und eine junge Frau mit Brille und weisser Kleidung kommt auf mich zu. Nicht nur das, sie erkundigt sich zugleich, wo denn der Wagen stünde und erklärt sich bereit, sich mit dem eigenen Wagen danebenzustellen um sodann die beiden miteinander zu verkabeln.

Die weiteren Einzelheiten dieses letztendlich umkomplizierten und erfolgreichen Versuchs der Starthilfe sollen hier den geneigten Lesern erspart bleiben. Aber es soll berichtet werden, dass es positiv war zu erfahren, wie diese junge Frau ganz und gar nicht jenem Vorurteil entspricht, demzufolge Frauen von Autos keine Ahnung hätten. Positiv war auch, dass es am Schluss echter Überredungskunst bedurft hatte, sich mit dem Transfer eines Geldscheins für diesen aussergewöhnlichen Einsatz zu bedanken. „Sie sind doch schliesslich Gast hier und ich bin eine kleine Angestellte die will, dass es Ihnen hier gut geht.“ Erst der Hinweis darauf, nur Besucher des Hauses und in soweit nur ein sehr temporärer Gast gewesen sei hilft, auch dieses "Problem" zu regeln. So dass es am Ende zu Recht heissen kann: Ende gut, alles gut.

Warum diese Rahmnenhandlung beschrieben wird und nicht das Gespräch, das hier den eigentlichen Anlass gebildet hat.

-  Weil auch dieses Gespräch einmal mehr gelehrt hat, wie wichtig es sein kann, Vertraulichkeit und Diskretion zu wahren: Und warum es die Europäer nicht lernen wollen, gerade ihre Kontakte in und mit Asien nicht immer gleich „an die grosse Glocke“ zu hängen: Siehe der im letzten Jahr letztendlich dann doch noch gescheiterte Versuch von Ruppert Murdock, bei einem regionalen aber nicht ganz unbedeutenden TV-Sender in der VR China einzusteigen.

-  Und weil diese Erfahrung einmal mehr zeigt, dass es unter bestimmten Voraussetzungen wirklich Sinn macht, nicht den grossen oder gekränkten „Macker“ herauszukehren. Eine solche Haltung könnte sich dann doch - früher oder später - als Nachteilig erwiesen, insbesondere dann, wenn sich die Bedarfs- und Bezugs-Verhältnisse in ihr Gegenteil verkehrt haben nach dem Motto: "unverhofft kommt oft".

PS. Am Abend dann eine damit vergleichbare Geschichte: auf Grund der Ankündigung eines späten Besuchs im Rahmen einer geschlossenen Gesellschaft in einem Restaurant in Postdam wurde mir am Nachmittag plötzlich per Anruf auf dem Mobiltelefon bedeutet, dass meine Anwesenheit dort nicht erwünscht sei - "aus Platzgründen" [sic!]. Also werden die für diesen Besuch für einige der Gäste gefertigten CD-ROMs wieder ausgepackt und stattdessen der Fernseher angemacht. Und dieser Umstand vermittelt dem Betrachter Bilder, die zu einem sinn-optischen guten Abschluss der in dieser Woche bearbeiteten Themen und Eindrücke führen:

- da sind sie, die Bilder von jenem BMW im Bond-Film „Golden Eye“, der dann doch nicht zu Schrott gefahren wird [2]

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- da ist sie, die gute und über viele Jahre Bekannte und geschätzten Kollegin, die an diesem Abend dabei beobachtete werden kann, wie sie den Grimme Preis entgegennimmt

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- das ist die vor einer Woche [3] angesprochene Frau Maischberger, die in einer Wiederholung vom 28. März 2006 auch an diesem Abend nochmals deutlich werden lässt, wie vorteilhaft es auch für ihre Sendung wäre, wenn wir in Deutschland eine echte „debating-culture“ hätten.

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[1Ein Arrangement, das sich später auch in einer der Hochschulen in Potsdam wiederfindet: es gibt für bestimmte durch die Lokation bereits eingeschränkte Nutzergruppen - Hotelgäste etwa oder Studenten - zugangsfreie Internet-Terminals, die so aufgestellt sind, das ihre Nutzung nur stehend möglich ist. Eine ebenso diskrete wie effektive Möglichkeit, die Zugangszeit einzuschränken, ohne sie formal beschränken zu müssen