Virtual Film Market Attack

Kommen wir nochmals zurück auf den 3. April. Als dieser Text über die erste Nummer 1 im Pop-Musik-Geschäft gerade veröffentlicht worden war, war am Abend des gleichen Tages aus den USA zu erfahren, dass nun die Grossen der Filmindustrie nach-machen wollen, was vor ihnen bereits viele "seriöse" Inhalteanbieter im Netz vorgemacht haben: Wie zum Beispiel: MovieNow .

Wenn man sich aber die jetzt am Markt neu platzierten Angebote anschaut, ist klar, dass es sich hier nur um den einen oder anderen ersten Versuchsballon handeln kann. Eine These, die jetzt der CEO von CinemaNow (s.u.) Curt Marvis, der Los Angeles Times sozusagen "offiziell" bestätigt hat.

Und bei der ersten Durchsicht dieser Angebote hat man den Eindruck, dass dieses Konzept so angelegt ist, um so "bestenfalls" - ganz nach dem Muster einer Self-Fulfilling Prophecy - nachweisen zu können, dass dieser Weg für diese Industrie ein Irrweg ist und bleiben muss...

- Warner Brothers, Fox, Universal und Paramount sind - zunächst nur in den USA [1]- dabei ihre Filme auf der Webseite Movielink anzubieten. *)

Die Preise für einen Film-"Klassiker" liegen bei $10, die für aktuelle Produktionen zwischen $20 und $30 pro Film.

- Sony hat sich mit Lions Gate Films zusammengetan und bietet seine Inhalte unter CinemaNow an.

Auf dieser Seite kosten die "Klassiker" ab $9.95 und die aktuellen Titel ab $19.95 - oder man leiht sie zu Preisen von $2.99 bzw. $3.99 pro Video aus.

Ein solcher Verleihdienst wurde auch schon bei Movielink seit einer Reihe von Jahren angeboten, allerdings ohne allzu grossen Erfolg, da die meisten der dort angebotenen Titel auch in den Videotheken ausgeliehen werden konnten.

Hier nun eine Aufzählung der nach den aktuellen Recherchen zusammengestellten Stolperstellen und Ungereimtheiten:
- die Preise sind nicht attraktiv
- mit dem Preis wird "nur" der Film eingekauft, es gibt keine Extras, "Making of" features, usw.
- in der Software sind stattdessen viele Extras eingebaut, die eine unrechtmässige weitere Verbreitung verhindern sollen
- diese Filme können nur auf dem Rechner gespielt werden, auf den sie heruntergeladen wurden
- die so erworbenen Filme können auf keine DVD gebrannt werden
- diese Filme können auf keinen portablen Endgeräten genutzt werden
- in jedem Fall wird Windows XP und ein Internet Explorer vorausgesetzt
- bei Movielink ist die Portierung auf bis zu zwei PCs möglich, eine Darstellung auf einem Fernsehgerät setzt aber auf einem dieser PCs ein Microsoft Windows Media Center voraus.

Die Kommentare der "Szene" liessen nícht lange auf sich warten und wurden auch sofort in der Presse zitiert: so etwa der Text aus dem "Engadget technology blog" in der "ConsumerAffairs" vom 4. April mit den Zeilen:
"At $20 to $30 a pop, no copy capability and limitations from hell, this thing is DOA! That’s until the hackers find the work around, publish it on the Web and the studios shut it down all together.".

So wird denn dieser 3. April 2006 ein Markstein für die Internet-Download-Content-Strategien mit einem janusköpfigen Gesicht bleiben.

Vielleicht wird es ja in 10 Jahren schliesslich dann doch zu einem Arrangement gekommen sein: und die Majors werden einen "Golden Eye"-Award für die beste Download-Plattform mit den besten Umsätzen verleihen?!

WS.


*) Warum dieses so sein muss wird klar, wenn man beispielsweise am 13. April in die - von uns abonnierte -
Berliner Zeitung schaut. Dort schreibt Anke Westphal unter der Überschrift:

Download.
Legale Ostereier im Netz.

Eine "absolute Weltneuheit" wurde gestern in Berlin präsentiert: die erste deutschsprachige "Download to own"-Internetplattform. Von ihr kann sich der geneigte User zeitgleich zum DVD-Start Spielfilme und Fernsehserien herunterladen und zwar legal, für ab 99 Cent je Fernsehserienfolge und bis zu 14,99 Euro für einen nicht mehr ganz neuen Film. Die anhaltend durch Raubkopierer geschädigte Filmindustrie wird der Start von www.in2movies.de gewiss freuen. Ob ihn die User ebenso freudig begrüßen werden, wie es Plattformbeauftragte gestern prophezeiten, wird indes wesentlich von den technischen Voraussetzungen des Downloads und dem Filmangebot der website abhängen.

Und da hier die offensichtlich projektführende Bertelsmann-Tochter arvato mobile gemeinsam mit der Warner Bros. Entertainment GmbH antritt, werden erst einmal vornehmlich Warner-Filme wie "Sophie Scholl" oder "Harry Potter und der Feuerkelch" zum Download bereit stehen - und zwar nackt, ohne all die Bonusfeatures, die eine gute DVD-Edition so attraktiv machen. Das Angebot von "in2movies" soll natürlich erweitert werden, auf Lizenz-Grundlage. Die Vorteile dieser Plattform lägen aber schon jetzt auf der Hand: Hochwertige Dateien, so die Plattformbegründer, stünden sicher zur Verfügung. Rund um die Uhr könnten sich Leute ohne Ladehemmung Filme und Serien auf die Festplatte ihres Computers packen.

Das können sie leider auch illegal. Im legalen Fall muss ihr Computer entsprechend leistungsstark sein (Einzelheiten siehe Website), und auf CD brennen kann man die urheberrechtlich geschützten Inhalte hier nicht. Und da stellt sich dann die Frage, wie man denn nun seine rechtskräftig aus dem Netz geborgene "Sophie Scholl" heil auf den Fernsehmonitor bekommt. Auch hier ist ein prima ausgestatteter Computer mit aufwändiger Videokarte hilfreich, aber noch besser wäre es, über einen sogenannten drahtlosen wifi-Chip zu verfügen. Oder aber gleich über das allerneueste all-inclusive-Plasma-Multimediagerät.

"Business to Endverbraucher" nennt sich das alles und meint dabei vor allem dreierlei: erstens die Entmaterialisierung der Unterhaltungsmedien, zweitens einen direkten Vertriebsweg und drittens das Sichern von Terrain für eventuelle künftige Großgeschäfte. Natürlich geht es immer um gehobene Einkünfte, wenn Menschen, deren Firmentitel sich aus bis zu fünf Wörtern zusammensetzen (etwa: Executive Vice President Professional Service), "absolute Weltneuheiten" präsentieren. Aber auch so ein EVPPS im Anzug muss den Kunden erst mal ködern. "Harry Potter und der Stein der Weisen" darf bis Ostern kostenlos geladen werden.

[1Hier eine Beobachtung, die nicht ohne Nach-Reiz sein könnte: die Betreibergesellschaft dieser Site, Quova, ist nach eigenem Bekunden auch an einem Projekt beteiligt, in dem es darum geht, möglichst genau die Nutzer in den USA aktuell "verorten" zu können.
Sie dazu einen Artitel aus der Online-Ausgabe der
Military Information Technology vom 28. Januar 2006