Da Capo al Fine: "Öko! Logisch?"

ZUM ABSCHLUSS EINES "Öko! Logisch?" GETITELTEN NOTATES VOM 8. OKTOBER 2005 HEUTE DIE GESCHICHTE NOCHMALS "DA CAPO AL FINE":

Einer der grossen Standortvorteile unseres Bueros ist die direkte Anbindung an alle zentralen U- / S-Bahn- und Bus-Tangenten. Ein weiterer, dass es in unmittelbarer Nähe alles finden kann, was man so in einem "Kiez" braucht. Auch Bäcker.

Die Verkaufsstellen in unmittelbarer Nachbarschaft sind "Outlet-Center" grosser industrieller Bächereien. Ihr Vorteil ist nicht nur der Preis, sondern auch die Öffnungszeit: ab 6 Uhr morgens.

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Aber es gibt ein der gleichen Strasse auch einen "richtigen" Bäcker. Ein Familienbetrieb. Dort wird noch hinten in der Backstube gebacken - Öko pur - und vorne am Tresen verkauft. Morgens wird aber nicht vor 7 Uhr geöffnet, auch wenn drinnen schon Betrieb ist.

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An diesem Morgen gibt es ein richtige Schlage vor dem Tresen. Der Einkaufswert beträgt fünfundsiebzig Eurocent. "Wollen Sie es klein haben?" ist meine Frage. "Aber gerne!" Die Antwort. Ein schneller Griff in die Geldbörse fördert aber nur vierundsiebzieg Eurocent zu Tage - und einen Euro.
Ich lege beides auf den Glastresen und biete zur Wahl an: 74 Cent in kleiner Münze oder 100 Cent mit Wechselverpflichtung.
"??????????" Der strafende Blick, der mich ob dieser Zumutung treffen soll, ist unbeschreibbar. Wie ich mir denn so etwas ausdenken könne - scheint er sagen zu wollen. Die sonst immer fröhlich einherlachende Dame scheint sich gar nicht wieder einkriegen zu wollen. Dann nimmt sie - zu meiner Überraschung - die 74 Cent und wendet sich unter dem nochmaligen Abschiessen giftigster Blicke dem nächsten Kunden zu. Mehr noch, der ganze Weg an der Schlage vorbei in Richtung Ausgang wird wie ein echter Spiessrutenlauf.

Was war hier in der ökologisch heilen Welt ökonomisch nicht korrekt? Das Frühstück im Büro ist schon wieder inmitten einer dieser paradigmenbehafteten Themen: Ökologie und/oder Ökonomie gefangen. Hätte ich nicht bei "Meisterratz" eingekauft, sondern bei "Thoben", wäre das nicht passiert - aber es hätte auch nicht so gut geschmeckt.

WS.


Da Capo - Al Fine (I):

Beim Betreten des Ladens am Morgen des 13. April 2006 ist es schon nach 7 Uhr. Gerade wird die Backstube ausgefegt und so ist Warten angesagt.
Die auf dem Tresen aufgestellte Klingel wird nicht betätigt, denn beim Warten fällt auf, dass die Geldbörse nicht mit dabei ist.
Als man meiner Person gewahr wird, ist die Bestellung mit der Frage verknüpft: "Sind Sie bereit, mir zwei Schrippen ’auf Pump’ zu verkaufen?" Und die Antwort ist klar und knapp: "Nein".
So wie diese Antwort kam, klar und hart, klang sie sie ein "Nie".
Hatte die - oben schon zitierte - Dame meinen Text gelesen und so eine Chance verspürt, sich endlich revanchieren zu können?
Oder war das einfach nur die deutliche Haltung einer Angestellten, die auf ihre Weise zum Ausdruck bringt, wie unnachgiebig man auch und gerade in einem Familienbetrieb mit seinen Kunden umgehen muss, damit man selber nicht unter die Räder kommt?


Da Capo - Al Fine (II):

Beim Betreten des Ladens am Morgen des 9. Mai 2006 ist es schon nach 7 Uhr. In der Backstube wird kräftig gearbeitet, heute ist die jüngere Verkäuferin - die Tochter? - hinter dem Tresen.

Nach dem Einkauf von Brötchen und Croissants wird beim Bezahlen das Thema nochmals von mir angesprochen. Warum man denn selbst als Stammkunde nicht einmal einen Kredit von 50 Eurocent eingeräumt bekäme? Ja, die Antwort: das sei richtig so. Es würde überhaupt nicht mehr Kredit gewährt. "???".

Ja, es habe schon zu viele Fälle gegeben, dass Leute - auch sogenannte Stammkunden - danach überhaupt nicht wieder aufgetaucht seien. Und wenn, dann sei es oft genug der Fall gewesen, dass man sich gar nicht mehr an diesen Vorfall habe erinnern wollen, ja geradezu erzürnt gewesen sei, dass man sie an die noch ausstehenden Zahlung vom "letzten Mal" erinnert habe... nein, Kredit würde nach solchen Erfahrunen überhaupt nicht mehr gewährt.

Wir verabschieden uns beide, lachend, und mit nachdenklicher Mine gehts die letzten paar hundert Meter bis zum Buero - um dort als erstes diese Zeilen zu fixieren, um damit das Notat zu diesem Thema zu beenden: Noch vor dem Frühstück...