Fahnen, Frische Fahnen!

Heute ist Markttag. Wie jeden Sonnabend. Dieses Mal wird der Besuch bei Gabi und ihrer Helferin am Currywurststand auf die Morgenstunden vorverlegt. Stelldichein zu einem zweiten Frühstück.

Es ist Sommer-Sonnen-Wetter. Überall sind Tische und Stühle auf und vor die Geschäfte gestellt worden. Man kann sein Essen an vielen freien Plätzen zwischen Haus und Strasse verzehren. Das Leben findet wieder ein Stückchen mehr im Freien statt.

Der Blick muss sich erst an das Gewusel gewöhnen. Das "öffentliche Leben" im Allgemeinen und hier im berliner Kiez im Besonderen muss erst wieder als Teil des eigenen Er-Lebens aufgenommen werden. Müssiggänger und Möchtegerne, Milchgesichter und Moralinsaure. Alle und ein jeder findet sich hier auf dem Marktplatz ein.

Der Coup des Tages aber sind die vielen Fahnen, die von heute an einen allerorten anflattern. An vielen Häusern und Geschäften. Und selbst als Deko in deren Auslagen.

DIE Fahne, sie ist überall dabei. Sie feiert mit:

Foto: dpa
all rights reserved
Herunterladen (10.5 kB)

Am Brandenburger Tor.

Und: Überall auf der "Fan-Meile".

all rights reserved
all rights reserved

Und: Als Wimpel auf vielen Autos.
Diese werden als die "auto-mobile jubelhilfe:
jubilo 2006 " angeboten.

all rights reserved
Herunterladen (14.3 kB)

Mobile "Jubelhilfe". Auf so ein Un-Wort für das Wort "Fahne" [1] muss man erst einmal kommen. Da verblasst ja selbst der "Viertopfzerknalltreibling" für das Wort "Automobil".

Es ist gerade so, als ob der Fussball als befreiender Vorwand genutzt wird, um endlich mal in einem mental akzeptierten Umfeld den Patriotismus wieder erproben zu können.

all rights reserved

Müssen wir also rückblickend auf die Zeit vor dieser Weltmeisterschaft von der Zeit einer "klammheimlichen nationalen Vorfreude" sprechen?

Und wann wird es nach dieser Weltmeisterschaft wieder eine Gelegenheit geben, die Fahnen erneut auszupacken? Wer wird dann die Veranlassung dafür geben: Wieder die FIFA - oder ein anderer einflussreicher Verein?


ADDENDUM I: Unter dem Titel Deutsche Tugend Fußball hier ein Auszug aus dem Berlin Bericht "des WM-Korrespondenten Jesus Muller" aus den FotoStories von Norbert Kron, der zugleich an die eigene Begegnung mit Günter Grass auf dem Empfang zum diesjähringen PEN Kongress in Berlin erinnert [2].

Jesus Muller macht sich auf die Suche nach Günter Grass und trifft ihn im schleswig-holsteinischen Dörfchen Wewelsfleth.

„Ich hab hier einmal Fußball gespielt“, sagt Grass. „Mein Sohn, der in den Fußballverein eingetreten ist, kam eines Tages an und sagte: Die Altherrenmannschaft spielt gegen die Werft - die brauchen einen Linksaußen. Und völlig untrainiert hab ich Idiot bis in die zweite Halbzeit mitgespielt. Hinterher hab ich vier Tage in der Badewanne gelegen.“

Grass ist zu einer Podiumsdiskussion in die Mehrzweckhalle gekommen, wo ihm aus zwei Bierkisten ein Stehpult aufgebaut worden ist. Auch hier, in seinem früheren Heimatort, überall Deutschlandfahnen.

„Das ist ein Nachholeffekt, den soll man nicht dramatisieren. Das Nationale hat ja auch was Gutes, wenn es nicht in Nationalismus ausartet. Habermas hat den Begriff Verfassungspatriotismus geprägt, den ich für sehr brauchbar halte - da soll man sich nicht für schämen und ruhig auch mal Flagge zeigen.“

Während der Nobelpreisträger Gedichte vorträgt, wird im Hintergrund auf dem Wewelsflether Fußballplatz trainiert. Strandfußball sieht anders aus, denkt Jesus Muller - aber gewinnt Brasilien seine Spiele derzeit nicht auch mit deutscher Ökonomie?

„Wirkliche Kulturleistungen entstehen immer aufgrund eines Mischverfahrens. Andere Kulturen sind zu uns gekommen, das hat uns umgänglicher, lockerer, offener für ausländische Einflüsse gemacht. Zum Beispiel geht mein literarisches Herkommen auf den pikaresken Roman zurück. Und der pikareske Roman ist ein Produkt der moslemischen Zeit auf der hispanischen Halbinsel.“

Pikarismus also, die vierte neue deutsche Tugend. Ein Trainer, der in Kalifornien lebt, und Stürmer, deren Familien aus Polen oder der Schweiz stammen.

„Ich war in Dortmund im Stadion“, sagt Grass. „Ich hab den Neuville immer für einen guten Spieler gehalten. Gut, dass er ihn reingenommen hat.“

Neuville, richtig. Jetzt fällt Jesus Muller wieder der Name des Ortes ein, aus dem seine Großmutter kommt: Neustadt.


ADDENDUM II: Unter dem Titel Unabhängigkeitstag. Die Deutschen und der Fußball." schreibt Alexander Osang im Magazin-Teil der Berliner Zeitung vom 8. Juli 2006 [3]:

Nach dem Ekuador-Spiel fuhr ich für drei Tage nach Berlin. Es traf mich wie ein Schlag. All die Fahnen. Vor allem die kleinen an den Autos, die alle gleich groß waren. In New York sieht man so viele beflaggte Autos eigentlich nur am puertoricanischen Nationalfeiertag. Aber die Fahrer in den Autos wirkten nicht begeistert oder leicht, sondern wie immer. Sie fuhren ihr neues deutsches Selbstbewusstsein wie Chauffeure durch die Stadt. Ich stellte mir vor, wie sie die Fahnen nach der Wagenwäsche aufgesteckt hatten. In einer Mischung aus Stolz und Trotz. Mein Taxifahrer war ein Wolgadeutscher mit sorgsam ausrasiertem Schnurrbart, der über sein Leben klagte, das ihn von Nowosibirsk nach Tempelhof geführt hatte. In meinem Hotel in Berlin Mitte waren nur Italiener, ich hatte das Gefühl, mich auf eine Insel zu retten. Ich las in den Zeitungen über die neue deutsche Leichtigkeit, sah das Spiel Italien gegen Tschechien im italienischen Restaurant "Brot & Rosen" und fuhr anschließend mit dem 200er Bus quer durch Berlin, auf dem ersten Sitz im Oberdeck, wie ein Tourist in meiner eigenen Stadt. Am Abend sah ich Brasilien gegen Japan in Charlottenburg, trank später noch ein Bier mit den Italienern in Mitte und fühlte mich wohl. Ich mag Berlin. Nach sieben Jahren New York mag ich die sauberen Busse, die kleinen Sommerwolken, die vollen Parks, die langsamen Kellner und die Spargelzeit. Es gibt keinen weißen Spargel in New York, und ich vermisse das sehr. Ich sah nichts von dem neuen deutschen leichten internationalen Gefühl, aber alle, mit denen ich sprach, versicherten mir, dass es existiere. Alles sei ganz neu und leicht. Ich las es auch am nächsten Morgen wieder in der Zeitung. Reporter wurden in verschiedene deutsche Regionen geschickt und brachten kleine Geschichten mit, die alle klangen, als entstammten sie einem Reinhard-May-Song. Zusammengenommen lasen sie sich wie eine Reinhard-May-Oper. So also klang die neue deutsche Nationalhymne.

[1hier in der Funktion eines "Standers", aber, anders als dieser nicht dreieckig

[3... und berichtet so ganz nebenbei, dass ihm ein kalifornischer Sportjournalist gesteckt habe, Jürgen Klinsamnn würde "unter falschem Namen für ein Drittligateam in Orange County" spielen.

Portfolio