Virtuelle PHOTOKINA ?

Die diesjährige photokina startet heute in Köln und geht bis zum 1. Oktober 2006.

1952 sah die Plakat-Ankündigung so aus:

all rights reserved

Und im Jahre 2006 so im Internet.

Da es am 25. September nicht möglich war aufgrund anderweitiger Verpflichtungen schon am Pressetag persönlich in Köln anwesend zu sein, wurde stattdessen die hier zitierte Internetseite befragt.

Dort wird gleich auf der Homepage unterschieden zwischen
Besucher - Aussteller - und: Presse [1]
 [2]

Wer die "Presse"-Verbindung aufruft, erhält zunächst einen ausführlichen Überblick über die Angebote des Presseservice: an die Aussteller. Wichtige und notwendige Informationnen also, aber an der falschen Stelle.

Aber: gleich links auf der Seite gibt es das Angebot, auf die Presseinformationen zuzugreifen. Dort sind von besonderem Interesse:
- ein Überblick über die Rahmenprogramme
- ein Überblick über die Pressekonferenzen

Das Rahmenprogramm wird an dieser Stelle gut und ausführlich erläutert. Interessant ist allerdings, sich die - zum Teil die gleichen Veranstaltungen betreffenden - Informationen auch über den Einstieg über die Besucher-Links anzuschauen. [3]

Informationen über den im Rahmen des zum Eingang der Presse-Seite für die Ausstellerinformationen zitierten Pressetag konnten auf der Presseseite nicht gefunden werden. Vielmehr stösst man dort erneut auf die Hinweise an die Aussteller, sich doch schon am 25. September für Journalistenfragen zur Verfügung zu stellen.

Die Liste der Firmen, die an diesem Tag ab 12 Uhr hätte angesprochen werden können war aber im Pressebereich - zum Beispiel als "photokona-preview" o.ä. - nicht aufzufinden.

Auch eine Liste der Pressekonferenzen war nicht zugänglich. Oder haben wir da was übersehen? [4]

Die hinter diesen Beobachtungen und Recherchen liegende Frage lautet: Wie weit heute über das "Virtuelle Pressezentrum" - so die Überschrift der entsprechenden Seite - heute schon Möglichkeiten einer "virtuellen Teilnahme" ermöglicht werden können?

Wir schicken diesen Text am besten Michael Steiner und dem Team zur Kenntnis zu - allerdings nicht ohne allen Beteiligen hier von Berlin aus ein "Glück auf" mit nach Köln gesandt zu haben.

WS.

[1Es ist nicht möglich, den Leser von hier aus direkt auf diese Seiten zu verlinken, da das entsprechende Script diese immer auf die Hompage verweist: quod erat demonstrandum

Besucher Aussteller Presse

(Auch alle nachfolgend zitierten Links können in diesem Text nicht als echte Links indeziert werden. Wir müssen also versuchen, uns sprachlich so klar auszudrücken, dass sie dennoch mit diesen Verweisen klarkommen - auch keine schlecht Übung ;-)

[2Was wäre "DaybyDay" ohne seine tägliche und interaktiv tätige Leserschaft!
Hier sind sie: Die "echten" Links für das Thema:
- Besucher
- Aussteller
- Presse

[3Wobei hier eine detailliertere Kommentierung dem interessierten Nutzer aufgrund seiner jeweiligen besonderen Interssen und Nutzungsgepflogenheiten überlassen wird.

[4Dass andere offensichtlich diese Zeit der Vorberichterstattung genutzt haben, dafür hier als Pars pro Toto der Bericht von Jochen Stöckmann über Die Dunkelkammer im Computer auf den Frequenzen von Deutschlandradio Kultur vom 25. September 2006:

Die Dunkelkammern stehen trocken. Lange ist es her, dass hier Entwicklerlösungen in roten, grünen, gelben Plastikschalen plätscherten und der Fotograf seine Abzüge unter Rotlicht in der Entwicklung beobachtete und auch noch etwas bearbeitete. Heute, so versichert Rolf Nobel, Professor für Fotografie an der Fachhochschule Hannover, reicht sogar für Museen, also allemal für Pressebilder, was aus den großen, Fotokopierern zum Verwechseln ähnlichen "Printern" kommt, die im geräumigen Kellergeschoß stehen.

"Es geht keiner mehr in die Farbdunkelkammer. Wir haben hier die besten Printer, die es zur Zeit am Markt gibt. Die Haltbarkeit dieser Prints ist extrem hoch. Mehr und mehr gehen Prints - also gedruckte Fotos - in die Sammlungen von Museen ein. In den meisten Dunkelkammern wird es nicht mehr plätschern, denn die spielen sich im Gehäuse eines Rechners ab."

Vorbei die Zeit, als jeder Abzug noch ein Unikat war: Je nachdem, wie virtuos oder nachlässig der Fotograf im Lichtstrahl des Vergrößerungsobjektivs "gewedelt", mit Fingern und der ganzen Hand ausgleichende Schatten auf dem Fotopapier erzeugt hatte. Das passiert heute computergesteuert im grauen Gehäuse, unbemerkt - und deshalb sehr viel häufiger:

"Fotografen beim analogen Vergrößern, die haben nicht so stark manipulativ in die Abzüge eingegriffen, sondern die haben sich bemüht, dass das Tonwertspektrum voll ausgereizt wird. Aber die haben nicht großartig Himmel nachbelichtet, Schatten abgewedelt, was heute in der digitalen Fotografie sehr einfach ist. Man macht das alles mit Photoshop, man hat einen Abwedler, man hat einen Nachbelichter - und hat man den Scan einmal fertig bearbeitet, kann man davon soviel Drucke machen, wie man will."

So kann auch Rolf Nobel, der als Mitglied der Hamburger Fotoagentur VISUM mitten in der journalistischen Praxis steht, seinen Kunden wie "Stern", "GEO" oder auch ausländischen Magazinen gleichbleibende Qualität liefern. Entscheidend ist dabei neben dem "idealen" Augenblick der Aufnahme mittlerweile die Nachbearbeitung. Was im Eifer des Gefechts, insbesondere im Gedränge der Fotoreporter bei der brandaktuellen Berichterstattung, daneben gegangen ist, muss noch vor dem elektronischen Versand an die Redaktionen korrigiert werden:

"Sehr viel Objektive im kurzbrennweitigen Bereich führen immer zu einer tonnenförmigen Verzeichnung, das heißt: die parallelen Linien verlaufen ein bisschen gewölbt. Das kann man heute mit dem Photoshop-Programm wunderbar ausgleichen. So etwas hätte man analog niemals korrigieren können."

Die Kosten für aufwendige Computerprogramme und Geräte muss der selbständige, der "freie" Fotograf alleine tragen. Profis partizipieren kaum von der Miniaturisierung digitaler Kameras, die mittlerweile in fast jedem Handy eingebaut werden. Ganz im Gegenteil: Die letzten Reporter drohen unterzugehen in jener Flut flüchtig geknipster Bilder - in der Verlage und Redaktionen preiswerte Zufallstreffer finden:

"Alle Profikameras sind eher noch größer geworden. Schnappschusskameras, die jeder mal so mitnimmt, sind viel, viel kleiner geworden und sind sehr, sehr leistungsfähig. Was aber viel entscheidender ist, dass der Zugang zum Markt heute viel mehr Leuten zur Verfügung steht, denn es gibt kommerzielle Plattformen, da kann man gegen ein geringes Entgelt seine Bilder raufstellen: Für den Einzelnen bedeutet das, dass für ihn über den Archivverkauf sehr viel weniger hängen bleibt."

Dennoch sollte gerade der professionelle Fotograf bei all dem Klicken und Surren, Klingeln und Rattern des Geräteparks kreative Ruhephase einlegen - zum Arrangieren oder gar Komponieren einer Bilderfolge. Denn nichts anderes macht ein guter Reporter mit seinem Material, sei es nun digital oder analog:

"Das normale, ordentliche Pressefoto ist wie Popmusik, ein sehr gutes journalistisches Foto sollte wie Jazz sein. Diese oberflächlichen, in sich perfekten Fotos vergesse ich leicht wieder, weil die auch Dutzendware sein. Aber Fotos, die verschiedene Ebenen haben, die vielleicht auch ein bisschen sperrig sind, die halten mich viel länger - und die behalte ich auch viel länger im Kopf."

Das gute Foto also bietet mehr als nur die technische Ähnlichkeit, es wartet mit einer erkennbar subjektiv gefärbten Interpretation der Wirklichkeit auf - und ist gerade deshalb authentisch, so, wie es Pioniere der Dokumentarfotografie vorgemacht haben. Einen von diesen Heroen, den Amerikaner Lewis Hine, zitiert Nobel besonders gern:

"Lewis Hine hat gesagt, eine Kamera kann nicht lügen, aber Lügner können fotografieren. Es gibt Leute, die die digitalen Manipulationsmöglichkeiten nutzen: Der Fotograf, der das Bild schöner, prägnanter, dynamischer, mehr auf den Punkt bringen will. Oder der Redakteur, der es noch plakativer machen will, die Aussage noch weiter zuspitzen will. Wenn die Hand an das Foto legen, dann besteht wirklich die Gefahr, dass dieses neue Medium völlig entgleitet."

Entscheidend also bleibt der Mensch, ob als Fotograf, als Betrachter oder - wie es heute heißt - als "Medienkonsument". Durch die Digitalisierung allein, nur weil ein Chip den Film ersetzt hat, sieht Rolf Nobel die "Seele" der Fotografie nicht gefährdet:

"Was digitale Fotografie unterscheidet von analoger ist die Schärfe. Fachleute, ich kann das nicht beurteilen, haben das damals auch von der CD gegenüber der normalen Schallplatte behauptet - und mittlerweile gibt es kaum noch jemanden, der die normale Schallplatte hört. Ich denke mir, irgendwann kann man so etwas wie einen Schmelz, einen fotografischen Schmelz auch elektronisch erzeugen."

Entscheidend - und Gegenstand einer sehr viel ausführlicheren Betrachtung an anderer Stelle - ist diese Frage nach der digitalen Wiedergeburt dessen, was hier als "Schmelz" bezeichnet wird.
Dass die Zukunft "digital" sein wird, steht inzwischen ausser Zweifel. Aber die Frage, was denn in Zukunft noch als "Schmelz" der analogen Zeit erhalten bleiben wird, wird derzeit oft noch nicht einmal gestellt, geschweige denn diskutiert, verstanden und zum Ausgangspunkt einer neuen kultur- und mediengeschichtlichen Exegese des 21. Jahrhunderts gemacht.
Dabei wird von ihr abhängen, wie wir in Zukunft mit dem Bild der Geschichte und der Abbildung von Momenten der Geschichte(n) umgehen werden.
Das Ersetzen der Körnung eines Filmes durch die Pixel, die Auflösung der Linearität eines Zeit-Moments durch dessen Fraktalisierung, all das schafft technisch neue Horizonte und verstellt diese doch zugleich auf der lebensgeschichtlichen aber auch der philosophischnen Ebene.
Wo gibt sie, die Plattformen, Institutionen und Industriekreise, Gesprächskreise und Foren, Einrichtungen der Forschung und Lehre, in denen darüber nach- und vor-gedacht werden wird?
Gerade hier und jetzt sind wir gefragt: als "user" und Künstler, als "freaks" und Techniker, als "Dichter" und Denker.

WS.