44% sind mit 55 Jahren: Tagesschauler

I.

Heute in der Tagesschau: Vizekanzler Franz Müntefering erklärt in Berlin, dass 44% der 55-jährigen heute keiner Erwerbsarbeit mehr nachgehen würden. [1]

Ja, wo leben wir denn? Was tun wir denn? Ist unser Arbeitsleben so kurzzeitig produktiv, dass wir es uns leisten können, so lange ohne Arbeit zu leben?

II.

Heute im Büro kommt plötzlich das Gespräch auf den Begriff der entfremdeten Arbeit - und darauf, dass ein Wissenschaftlerin geschrieben habe, dass die Idee von der Vollbeschäftigung inzwischen eine Illusion sei.

Dabei so finden wir, sei es doch schon ist es schon ein Luxus mitten in der Arbeitszeit über solche Fragen diskutieren zu können.

Aber warum macht man sich denn selbständig? Doch nicht nur deshalb, weil man nun ständig selbst nach Arbeit Ausschau halten muss, sondern darum, dass man es sich schliesslich leisten kann, seine Arbeitszeit und seine Kunden aussuchen zu können.

III.

Wie heisst es bei Brecht auf die Frage: "wofür leisten wir etwas?" "Dafür, dass wir uns etwas leisten".

Zum Beispiel diesen Text, diese Texte hier in "DaybyDay" zu schreiben: Von dem, von denen dann irgendwann einmal die Rede sei wird - oder auch nicht.

Es sich zu leisten, einen Text entwickeln zu können, noch bevor er für seine un-endliche Bestimmung festgelegt werden kann: Das ist alles andere als entfremdete Arbeit.

Auch dann, wenn es vielen mehr als nur weltfremd vorkommen mag, dass so etwas überhaupt versucht wird: Schreiben als Destination und ohne Ziel.

IV.

Ja, es ist ein Luxus, den Fernseher an- und auch wieder ausstellen zu können, um stattdessen mit Zeilen wie diesen - tagtäglich erneut - der eigene Aus-Sender sein zu können.

Es ist die angesagte öffentliche Beschäftigung mit dem aus eigener Sicht jeweils wichtigsten Thema des Tages. Und heute ist die eben "nur" eine kleine Meldung aus der Tagesschau, die alles bis dahin an diesem Tag Wahrgenommene in den Schatten stellt: Die Hälfte aller Menschen, die das Alter des Autors erreicht haben, haben keine Arbeit mehr.

Fragen über Fragen: arbeitet man denn nicht mehr, wenn man keine Arbeit mehr hat? Wie und wodurch können diese Tagesschauler alle über-leben? Und wie mit ihnen das Land?

V.

Frage: Wenn 44% der 55-jährigen keine Arbeit mehr haben, dann könnten sich bis zu 33% der Wahlberechtigten aus Arbeitslosen, Sozialhilfeempfängern und Rentnern zusammensetzen? [2]


Einen Tag nach diesem Eintrag gibt es gleich mehrere externe Hinweise auf Artikel, die mit diesem Thema im Zusammenhang stehen: insbesondere auf den in der Zeit vom 14. September 2006. Benannt wurde auch der aller Orten übernommene dpa-Beitrag von Jenny Tobien, in dem unter der Überschrift "Aus der Rente zurück ins Büro. Expertenwissen von Senioren in Unternehmen ist wieder mehr gefragt" unter anderem das Folgende zu lesen ist:

Über Jahre haben Unternehmen auf junge Mitarbeiter gesetzt und ältere Arbeitnehmer lieber früher als später nach Hause geschickt. Inzwischen hat in vielen Firmen ein Umdenken eingesetzt: Fachwissen und Erfahrung der über 50-Jährigen, die sonst mit Frühverrentung verloren gingen, sind wieder gefragt. Einer der Gründe ist der demographische Wandel, der die Personalchefs zum Umdenken zwingt. «Spätestens in einigen Jahren, wenn Vertreter der geburtenarmen Jahrgänge ihr Studium abgeschlossen haben, wird der Mangel an qualifizierten Nachwuchs deutlich», sagt Werner Eichhorst vom Institut zur Zukunft der Arbeit (IZA) in Bonn.

Der Lücke bei jungen Arbeitskräften steht eine große Zahl von Rentner gegenüber, die über ein umfangreiches Fachwissen verfügen und auch im Alter neue Herausforderungen suchen. Allein im Internetportal «Erfahrung Deutschland» bieten derzeit etwa 2000 rüstige Senioren ihre Fachkenntnisse an.
[...]

«Den Ruheständlern geht es weniger um Geld, als um das Gefühl, gebraucht zu werden», sagt Steffen Haas, der das Online-Portal vor sieben Monaten ins Leben rief. Bis Jahresende rechnet er mit 5000 Vermittlungswilligen, deren Kontaktdaten sich Unternehmen gegen Bezahlung freischalten lassen können. Die Arbeitsverträge verhandeln Firmen und die Senioren dann unter sich aus.

Gänzlich auf Bezahlung verzichten dagegen die Mitarbeiter des Bonner Senior Experten Service (SES), die rund um den Erdball tätig sind. «Seit unserer Gründung vor über zwanzig Jahren haben wir etwa 16 000 Einsätze vor allem bei kleineren und mittelständischen Unternehmen organisiert», sagt Julia Haun vom SES. So half etwa der 62 Jahre alte frühere Speditionskaufmann Volker Deising das Marketing einer Brandenburger Logistikfirma zu verbessern.

Wie wichtig das Wissen und die Erfahrung älterer Arbeitskräfte besonders bei weniger großen Firmen ist, zeigt eine von der Deutschen Senioren Liga in Auftrag gegebene Studie. Die Hälfte der 400 befragten Unternehmen aus dem Mittelstand fühlt sich schlecht auf den demographischen Wandel vorbereitet. Gleichzeitig schätzten die Firmen Zuverlässigkeit, Verantwortungsgefühl und soziale Kompetenz bei älteren Mitarbeitern deutlich höher ein als bei jüngeren.

Zudem ergab die Untersuchung, dass bereits jedes zweite Unternehmen die Daten langjähriger Mitarbeiter erfasst, um diese nach ihrem Ausscheiden um Rat fragen zu können. Aber auch Großkonzerne wie Siemens oder das Pharmaunternehmen Pfizer setzen auf den befristeten Einsatz ehemaliger Angestellter. «Dabei handelt es sich um Führungskräfte, die uns mit ihrem fachlichen Know how oder ihrer interkulturellen Kompetenz bei bestimmten Projekten mit Rat und Tat zur Seite stehen», sagt Siemens-Sprecher Michael Scheurer.
[...]

[1Der nachfolgende Link auf die damit verbundenen Nachrichten wurde am 14.9. per Mail angeboten und lautet
http://www.tagesschau.de/aktuell/meldungen/0,1185,OID5901436,00.html

[2Diese Zahl wirklich qualifiziert zu verifizieren steht noch aus. Auch der Rückblick auf die frühen 30 Jahre des letzten Jahrhunderts wäre hier noch genauer abzubilden.
In Donny Glucksteins Buch "The Nazis, Capitalism and the Workung Class", London 1999, wird für Wahlen in Deutschland im Juli des Jahres 1932 die folgende Aufteilung genannt: 48% Arbeiter, 18% "Neue Mittelklasse" und 32% "Alte Mittelklasse". Und die soziale Zusammensetzung der Wähler der NSDAP sei: 39% Arbeiter, 19% "Neue Mittelklasse" und 42% "Alte Mittelklasse, also überproportional Angehörige der "Alten Mittelklasse". - Mit der "Alten Mittelklasse" ist vor allem das "klassische", weil Teils noch im Feudalismus verhaftete Kleinbürgertum gemeint, mit "Neue Mittelklasse" die Gruppe der höheren Angestellten.