Grosser Bahnhof für den Tod

BERLINER ENSEMBLE Theater gegen das Vergessen - Zur Erinnerung an die Deportation der Berliner Juden
Abfahrt 18. Oktober Bahnhof Grunewald

Weitab von den Berliner Zentren und Szenevierteln liegt der Bahnhof Grunewald, eine S-Bahn-Station zwischen gepflegten Wilmersdorfer Villen einerseits und der schnellen Avus andererseits, nicht weit vom Teufelssee. Nur die weitläufigen Gleisanlagen weisen darauf hin, dass er in früheren Zeiten als Güterbahnhof genutzt wurde.

Von hier aus wurden zur Zeit des Nationalsozialismus Zehntausende Berliner Bürger, allein weil sie jüdischer Herkunft waren, mit Güterzügen in die Konzentrations- und Vernichtungslager deportiert. Zwischen dem 18. Oktober 1941 und dem 27. März 1945 hat man hier insgesamt 55 000 Menschen verfrachtet.

Die Reichsbahn erhielt für jeden Juden vier Pfennig pro Kilometer und bei einem Transport, der über 400 Personen beförderte, wurde ein Gruppentarif gewährt. Der erste "Sonderzug" - so der Fachjargon jener Zeit - verließ den Bahnhof Grunewald mit 1 251 Personen. Die SS, welche zwei Tage zuvor, am 16. Oktober 1941, diese systematische "Ausschleusung" - noch so ein Wort von damals - zu organisieren begonnen hatte, zahlte pünktlich.

Heute ist der berüchtigte Bahnsteig 17, auf dem die "Umsiedler" mit Peitschenhieben zusammengepfercht auf ihren Abtransport warteten, eine eindrucksvolle Gedenkstätte. Der Besucher wird hier unmittelbar mit der ausweglosen Situation der Opfer konfrontiert. Dazu trägt zum einen die geschichtliche Dimension des Ortes bei, vor allem aber die schlichte Symbolik des Mahnmals: An der Bahnsteigkante sind nacheinander 42 Metalltafeln angebracht. Sie listen ebenso nüchtern wie deutlich die Zahlen und Zielorte der monatlich Deportierten auf, die an dieser Stelle in die Viehwaggons gescheucht wurden. Beim Abschreiten der Gleise bekommt man eine Ahnung davon, wie viele Transporte und wie viele Menschen es gewesen sind. Die abstrakten Zahlen konkretisieren sich. Beispielsweise ist zu erkennen, dass stets im Dezember die Anzahl der Deportationen rapide sank - das Weihnachtsfest wurde gefeiert. Im Januar stiegen dann die Zahlen überdurchschnittlich.

Das BERLINER ENSEMBLE erinnert - wie in jedem Jahr aufs Neue - an jene Zeit vor über 60 Jahren, als der organisierte Völkermord von Berlin aus seinen Anfang nahm.

"JUBILÄUM" VON GEORGE TABORI

Die Ermordeten sind auferstanden, wenn auch nur für eine Nacht. - Über die Wechselwirkungen zwischen einem alten und einem neuen Antisemitismus, zwischen 1933 und heute. Am 16. Oktober um 20.30 Uhr.

Auszug aus der BERLINER ZEITUNG vom 29.09.2006