Buten und Binnen

I.

Eine Einladung zur Durchführung der Abschlussmoderation eines Pannels mit „Prominente[n] Gästen[n] aus Kultur, Wissenschaft und Wirtschaft“ im Rahmen der Veranstaltung „eCUTLTURE TRENDS 06“ lenkt die Aufmerksamkeit seit langen Jahren erstmals wieder auf die Heimtatstadt Bremen.

Das Datum ist absolut gut gewählt - für den Neugierigen, nun zugreisten Gast: Es ist Freimarkt. Und am Sams-Tag nach der Veranstaltung gibt es den Freimarktsumzug - und dazu noch das Spitzenspiel Bayern München gegen Werder Bremen (siehe unten).

Eigentlich der absolut geeigneter Moment für eine Fotoreportage.

Wann hat man schon die Möglichkeit, aus dem Gebäude der Bremer Bürgerschaft heraus einen Blick auf den Marktplatz zu tun, auf die dort aufgestellten Fahrgeschäfte und Buden - und auf den Wagen einer Theatertruppe, der gegenüber dem Eingang zum Ratskeller aufgestellt worden ist.

Nein, trotz oder vielleicht sogar wegen dieser prägenden Eindrücke kommt es nicht zum Griff nach der Kamera. Das Schauen mit der Seele des jungen Menschen, der dort viele Jahre und Augenblicke seines Lebens in dieser Umgebung verbracht hat erlaubt es nicht, dass diese Bild mit dem Objektiv einer Kamera geteilt wird.

Eine seltene und seltsame Erfahrung, und doch interessant: Sich selbst als Wahrnehmenden zu erleben, der eine „Objektivierung“ und eine Fixierung des Erlebnisses in diesem Moment des Erlebens nicht will.

Die Zeit wird zeigen, ob sich gerade diese Momente besonders eingeprägt haben und damit zu den wenigen Gehören, die sich nicht allzeitlich schnell wieder verflüchtigt haben: Der Stadtführer von Bremen, mit Brille und weissem Seemannsbart, der seiner Gruppe berichtet, dass er schon dreimal auf dem Marktplatz gestanden habe, als Werder Deutsche Meister geworden sei, der einbeinige Philosoph, der mit seinem Rollwagen und der Spendenbüchse in der Hand den Marktplatz abklappert, die Theatertruppe auf dem Tespiskarren, die sich in der Manier der Alten den Themen des Hier und Jetzt annimmt, die Betreiberin des Kinderkettenkarussels, die mit Profistimme die Unterbrechung der Fahrt ankündigt, als einer der kleinen Mitfahrer fürchterlich zu weinen anfängt... diese inmitten der Vorbereitung der eigenen Moderation des Abends aufgefangene Panoptikum hat eine seltsame, ungewöhnliche freundliche und doch in keiner Weise freundschaftliche Ausstrahlung, die - wie der Abend zeigen wird - ihre Auswirkungen hinterlässt.

Am Ende des Abends kommt es zum Gespräch mit mehreren bis dahin unbekannten Personen, die sich so sehr und so gut von dem Erlebten angesprochen gefühlt hatten, dass es ihnen offensichtlich ein Bedürfnis war, dieses dem hierfür eingeladenen Zeremonienmeister dieser Veranstaltung nochmals persönlich mitzuteilen. Schliesslich kam beim Einpacken der Unterlagen auch der Tontechniker nochmals an und fragte, ob es denn wahr sei, dass das in der Moderation mit erwähnte Ertönen der Domglocken als Hinweis auf das bevorstehende Ende der Diskussion wirklich auch wahrgenommen worden sei: als dieses bejaht wird, folgt den vorangegangenen Komplimenten ein weiteres. Der Mann hat es nicht glauben wollen, dass es inmitten diese konzentrierten Gesprächs dem Moderator möglich gewesen sei, solche „Nebensächlichkeiten“ mit zu erfassen. - Vielleicht wäre das auch nicht geschehen, wenn sie nicht die vorangegangenen Erlebnisse so deutlich eingeprägt hätten.

II.

Der Abschied von Bremen am darauf folgenden Samstag hatte schon etwas Besonderes.

Schon die Erfahrung, in der Heimatstadt in einem Hotel aufzuwachen hatte etwas Befremdliches und doch auch durchaus angenehmes. Endlich hatte es jemanden gegeben, der sich für einen engagiert und bei der Aufwendung von Kosten für Honorar und Übernachtung für die Wiederkehr in die Heimatstadt eingesetzt hatte. Und erstaunlich genug, dass diese Menschen keine Bremer waren, sondern Zugreiste: So wie all die erfolgreichen Grenzgänger, die am Abend zuvor auf dem Podium versammelt worden waren.

Der kurze Blick in die nun vermietete Wohnung des Vaters, die nun von einem befreundeten Mitmenschen bewohnt wird und dann die Entscheidung, die Zeit für den Besuch des Grabes der Mutter vorgesehene Zeit stattdessen zu nutzen, um nochmals ein Evaluierungsgespräch mit der Auftraggeberin zu nutzen: All diese Bezügen zeigen, dass es vielleicht richtig war, diesen Besuch in der alten und sich runderneuernden Heimat nicht zu sehr mit Privatem zu verbinden sondern auf der Ebene zu belassen, die für die Erfüllung der gestellten Aufgabe notwendigerweise einzuhalten gewesen war.

Auf dem Rückweg zum Bahnhof wird der Strassenbahn an der Station „am Dobben“ plötzlich umgeleitet. Dieses wird gerade noch rechtzeitig vom Fahrer angekündigt, so dass ein Aussteigen noch möglich ist. Die in dem Gedränge an der Eingangstür benachbarte Frau auf des Verwunderte Erstaunen des ihr fremden Fahrgastes: „also, dass ab 11 Uhr 15 keine Bahn mehr zum Bahnhof fährt, ist doch schon allgemein bekannt gemacht worden“. Trotz dieses Ansage und angesichts des schweren Gepäcks dann dennoch nochmals einen auf den Schienen den Verkehr regelnden Angestellten angesprochen, wie man dann jetzt am besten zum Bahnhof käme. Und er - wiederholt dann keinesfalls das zuvor von der Mitfahrerin in der Bahn Erklärte sondern verweist auf eine benachbarte Haltestelle, von der sich auch noch Schienenfahrzeuge in Richtung des Zielortes auf den Weg machen würde - was dann auch geschah.

Und so verblieb dann letztendlich doch noch Zeit für ein Foto von dem sich neben dem Bahnhofsvorplatz auflösenden Freimarktsumzuges. Und ein Moment Zeit, den Blick mit der Seeräuber-Schlagzeugkombo mitschweifen zu lassen und ihnen zuzuhören, wie sie - ganz unbehelligt von jeglichem Verkehr - in die Eisenbahnunterführung einbiegen und sich dort an dem hell schallenden Echo ihres eigenen Rhythmus’ erfreuen!

Eine Szene, die sich schliesslich auch noch im Fussgängertunnel unter den Gleisen des Bahnhofs wiederholt. Dieses Mal ist es eine Gruppe von Dudelsackbläsern die sich und ihre Umgebung an dem lauten Echo ihrer Musik erfreut. Selbst die aus den Zügen strömenden Werder-Fans bleiben an den Abgängen von den Geleisen stehen und stellten jegliches Tröten und Tuten ein, bis sich die Musiker wieder entfernt hatten.

III.

Im Zug von Bremen nach München - wo dieser Text auch entsteht - kommt es gleich zu zwei längeren Gesprächen mit den jeweiligen Schaffnern.

Der Erste rekuriert auf den französischen Ausweis, der mit dem Euro-Domino-Ticket vorgezeigt werden muss, erkundigt sich nach dem Leben in Frankreich, erzählt aus dem eigenen und von der Entscheidung seiner Tochter, die trotz eines sehr guten Abiturs nicht studieren sondern sich lieber auf einen sicheren Beamtenplatz bei der Bahn bewerben will.

Der zweite erkennt das in Bremen ausgestellte Ticket und fragt, warum mich denn der Weg ausgerechnet an diesem Tage nach München fahren würde, wo die Münchner doch in Bremen spielten. Schnell wird klar das er eher für die Südlichter plädieren würde und der Fahrgast eher für das Team von Werder. Aber schnell einigen sich beide Parteien, dass am Ende der Bessere gewinnen solle. Und dass es für einen Bremer in München eine sicherlich einfachere Partie sein würde, wenn die Münchner in Bremen gewonnen haben sollten.

PS. Noch im Zug kommt gleich nach Augsburg nochmals der Senior-Schaffner samt Junior-Kollegen vorbei und fragt nach den Spielergebnissen. Da auf dem Telefon noch keine Nachrichten eingegangen sind, wird stattdessen im Zug Dank T-Mobile-Karte der Zugang zum Internet aktiviert. Wenngleich sich auch die Seite nur nach und nach aufbaut und erst nach Minuten die Ergebnisse bei www.fcbayern.de nachgelesen werden können, so hat sich die Warterei doch gelohnt.

In einem sehr sachlichen Spielbericht ist auf der Bayern-Seite zu lesen:

„Der FC Bayern kann in der Bundesliga auswärts nicht mehr punkten. Drei Tage nach dem 1:0-Erfolg bei Sporting Lissabon in der Champions League unterlag der Titelverteidiger im Gipfel-Treffen bei Werder Bremen mit 1:3 (1:2) und hat damit nun drei Punkte Rückstand auf den Spitzenreiter aus der Hansestadt. Für die Münchner war es gleichzeitig die dritte Auswärtsniederlage in Folge.

42.500 Zuschauer im restlos ausverkauften Weserstadion sahen ein über weite Strecken hochklassiges Spitzenspiel, das mit Werder einen verdienten Sieger fand. Diego (11.) und Wome (34.) brachten die Bremer mit 2:0 in Führung, ehe Roy Makaay (37.) seine Mannschaft noch mal heranbrachte. Lucio (62.) mit einem Eigentor sorgte für die Entscheidung zugunsten der Hanseaten.“