Stern’s Taler tell more

Heute wird es ein Zitat geben. Gewissermassen als stellvertretender Kommentar zu anderen Ereignissen, Erfahrungen und Gesprächen, die es sich leider verbieten, an dieser Stelle offen wiedergegeben zu werden: und doch den einen und gleichen Grundtenor haben. Die Corporats sind dabei, ihre bisher freilaufenden Mitarbeiter in einen solchen Zustand der Käfighaltung zu verbannen, dass es ihnen Angst und Bange wird, über ihre eigene Zukunft nachzudenken - geschweige denn die ihres Landes.

Wenn in den letzten Telefonaten die Mitarbeiterinnen am "switchboard" eines der grössten deutschen Luftfahrtunternehmen erzählen, wie froh sie darüber sind, nicht bei dem Umzug in das neuen Gebäude in Frankfurt mitgenommen zu werden - "wie gut, dass uns der Chef nicht so recht mag" - und ein leitender Mitarbeiter aus Stuttgart berichtet, dass das neue Hochhaus auf gleicher Fläche nunmehr die doppelte Zahl von Mitarbeitern beherrberge - "aber Gott sei Dank hoch genug ist, dass es sich zumindest lohnt, vom 13.Stock aus im freien Fall abzustürzen" - dann wird plötzlich klar, dass die Entscheidung, einen anderen, eigenen Weg zu gehen - bei allen Entbehrungen und Umwegen - eben doch nicht die schlechteste war.

Schnitt.

Angesichts dieser "Nitty Gritty"-Reports über die persönlichen Befindlichkeiten als Folge der Einflussnahme der Kapitalverwertung ist es umso wichtiger zu lesen, wenn sich ausgemachte Auguren dafür engagieren, die Forderungen der Ökologie mit dem Massstab der Ökonomie abzubilden: gewissermassen die Analysten beim Wort zu nehmen und ihnen mit ihrer eigenen Sprache zu antworten.

Daher heute das Zitat aus der "linken Spalte" der Seite Eins der Berliner Zeitung, in der es um den gestern, am 30. Oktober 2006 in England publizierten Bericht des Beraters von Gordon Brown und ehemaligen Chefökonom der Weltbank geht: Sir Nicholas Stern.

Seine Worte sind - im Gegensatz zu den im eigenen Büro vertraulich empfangenen Nachrichten - öffentlich. Und werden doch ebenso öffentlichkeitswirksam wie folgenlos bleiben.

Wie soll in Zeiten, wo das Motto der Gewinnmaximierung schon die gegenwärtigen Lebensverhältnisse zerstört, wo die Städt in denen wir leben mit immer neueren Einkaufsstrassen versehen und immer höheren Schuldenbergen belastet werden, wie soll in solchen Zeiten das fundierte Wort noch etwas gelten - selbst dann, wenn es mit fundierten Zahlen unterlegt worden ist?

Auch mit den von Sir Stern vorgezählten Talern lässt sich solange kein Scheck auf die Zukunft ausstellen, solange er sie nicht den Finanzgewaltigen hat abnehmen können. Und das wird im - durch Worte allein - nicht gelingen.

Wir zitieren Jörg Michel aus der Berliner Zeitung vom 31. Oktober 2006:

Nicholas Stern untersucht die ökonomischen Folgen des Klimawandels
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KLIMAWANDEL
Ein Ökonom zeigt der Welt die Rechnung

Wenn es um den Umweltschutz geht, sind Ökonomen oft sehr zurückhaltend. Ob sauberes Wasser, gesunde Luft oder intakte Lebensräume für Tiere: Den meisten Standortpolitikern, Managern und Wirtschaftswissenschaftlern ist der Schutz der natürlichen Lebensgrundlagen ziemlich lästig. Sie sprechen dann davon, dass dies ein Investitionshindernis sei, viele Arbeitsplätze gefährde und viel zu viel Geld koste. Der prominenteste Vertreter dieser Spezies ist kein geringerer als US-Präsident George W. Bush. Der stieg bekanntlich aus dem weltweiten Klimaschutzprotokoll von Kyoto aus mit der Begründung, dass zu viel Luftreinhaltung die Amerikaner ihre Jobs und ihre Dollar koste.

Sir Nicholas Stern ist da dezidiert anderer Meinung. Und das, obwohl er ein Ökonom ist. Ein ziemlich prominenter sogar: Von 2000 bis 2003 war der englische Professor Chefökonom der Weltbank in Washington, seitdem ist er der Berater des britischen Schatzkanzlers Gordon Brown. In den Sphären des Weltkapitalismus kennt sich der 60-Jährige also gut aus. Und doch vertritt er in Sachen Umwelt eine Meinung, die bei vielen Kollegen Skepsis hervorruft. Stern sagt, dass der Welt nicht zu viel Umweltschutz teuer zu stehen komme. Sondern zu wenig.

Besonders dramatisch sind nach Meinung Sterns die Auswirkungen des Klimawandels. Im Auftrag der britischen Regierung hat Stern gestern einen 700-seitigen Bericht vorgelegt, in dem er in drastischen Worten die ökonomischen Folgen der Erderwärmung beschreibt. Falls der Kampf gegen Treibhausgase weiter verschleppt werde, könne es zu sozialen und wirtschaftlichen Verwerfungen vom Ausmaß einer Weltwirtschaftskrise kommen, warnt Stern. Seine Begründung: Da die Staatengemeinschaft mit Blick auf die Kosten von Klimaschutzmaßnahmen heute zu wenig tue, werde sie eines Tages ein Vielfaches mehr dafür zahlen müssen - und so eine weltweite Rezession auslösen. Um dies noch zu verhindern, verlangt Stern Sofortmaßnahmen zum Schutz der Erdatmosphäre. 350 Milliarden Dollar seien nötig. Für eine sparsamere Energieversorgung. Für sauberere Autos. Für die Filterung von Industrieanlagen.

Der Bericht Sterns stützt sich auf neue Berechnungen von Klimaforschern. Danach könnte sich die Erde in den nächsten hundert Jahren um bis zu fünf Grad erwärmen. Die Folgen wären ein steigender Meeresspiegel, verheerende Sturmfluten und extreme Trockenheit. Bis zu 200 Millionen Menschen würden durch Naturkatastrophen obdachlos. Stern glaubt, dass dies nur noch mit einem Mentalitätswandel in Wirtschaft und Politik abzuwenden ist: "Wir müssen lernen, dass wir wachsen und grün sein können", sagt er. Ein erster Anfang ist gemacht: Denn die britische Regierung will Sterns Empfehlungen auf die internationale Agenda setzen. Schon in der nächsten Woche. Auf der Weltklimakonferenz in Nairobi.

Foto: U.Orling
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PS. Aus Potsdam:

In den nach Plänen von Karl Friedrich Schinkel in den Jahren 1829 - 1844 erbauten Römischen Bäder befindt sich auf der Innenhof-Dachecke von Eingangs- und Arkadenhalle diese Skulptur vom Sterntaler-Mädchen [1].

[1Das Foto wurde aus einer dierse vielen "unser generated content pages" entnommen, die "aus der Liebe an der Sache" entstanden sind und die zu einem gut bebilderten Besuch der Parkanlagen von Sanssouci in Potsdam einladen.