Kunst auf’m ZKM-Balkon

Gestern um 19 Uhr war die Eröffnung der Ausstellung von Lisa Schmitz’ InVerse Bibliothek auf dem ZKM Museumsbalkon der Mediathek der Bibliothek des ZKM Karlsruhe [1], kuratiert von Peter Weibel.

Lisa Schmitz hat in den letzten Jahren eine eigenstaendige Methode entwickelt, Bibliotheken zu fotografieren. Waehrend die bekannten Bibliotheksfotografien von Candida Hoefer eine getreue Wiedergabe der Realitaet in der Zeit des fruehen Dokumentarismus sind, stehen die Bibliotheksfotografien von Lisa Schmitz im Zeichen einer Post-Fotografie, Dokumentation im Anschluss an die konstruierte und inszenierte Fotografie, wie sie in den 1970er und 1980er Jahren entwickelt wurde. Die Kuenstlerin hat diese Erfahrungen aufgegriffen und daraus ihre eigene Lehre entwickelt. Sie interveniert in den Bibliotheken, bevor sie fotografiert und zwar an der zentralen Stelle, naemlich der Information. Sie dreht alle Buecher um, sodass nur das weisse Papier zu sehen ist und nicht die Buchruecken. Sie bedeckt alles beschriftete Papier mit weissem Papier. Sie loescht gleichsam die Schrift, das Wesen des Buches und negiert damit das Archiv, das Wesen der Bibliothek. Die Fotografien zeigen die Bibliothek im Zustand der Informationslosigkeit, im Zustand der weissen Leere. So bleibt uns die Bibliothek allein als Bild einer aesthetischen Erfahrung. In einer labyrinthischen Installation allerdings, die aus tausenden von Lochstreifen besteht, die ihre Information auf kodierte Weise beinhalten, und auf die Buchseiten, Wortketten, Textflaechen projiziert werden, praesentiert sie uns das Gegenprinzip: einen Ueberfluss an Information, so maechtig, dass wir in diesem Ueberfluss wie in einem Malstrom ertrinken. Bilder von Buechern und Bibliotheken an die Wand gehaengt, Bilder von Buechern und Bibliotheken statt Buecher auf Bibliotheksdispositive gelegt, auf eine labyrinthische Struktur projiziert, repraesentieren und reduplizieren bzw. publizieren einerseits die Realitaet der Bibliothek, andererseits erweitern sie den Raum der Bibliothek ins Imaginaere, in den unendlichen Raum des Denkens.

So, und hier die gleiche Presserklärung nochmals in englischer Sprache:

Over the past several years, Lisa Schmitz has developed a unique method for photographing libraries. Whereas the well-known library photographs by Candida Höfer are genuine reproductions of reality in the era of early documentarism, the library photographs by Lisa Schmitz are in the constellation of post-photography, a form of documentation following from the constructed and staged photography developed in the 1970s and 1980s. The artist has taken on these experiences and developed her own theory from them. She intervenes in the libraries before taking photos and does so at the central point, namely, the information. She turns all of the books around so that only the white paper is visible rather than the book spine. She covers all of the printed papers with blank paper. She erases, as it were, the writing, the essence of the books, and thereby negates the archive, the entity of the library. The photographs show the library in a state of informational void, a state of empty white. In this way, remaining as the sole image of aesthetic experience is the library. In a labyrinthine installation comprising thousands of punched tapes holding information in coded form, and chains of words, text surfaces projected onto the pages of the book, she presents a counter principle: an excess of information so powerful that we drown in this surplus as though it were a maelstrom. Images of books and libraries hang on the wall, rather than books themselves, images of books and libraries are superimposed onto library dispositifs. Projected in a labyrinthine structure, these images represent and reduplicate or publish the reality of the library on the one hand, and on the other, they extend the space of the library into the imaginary, into the endless space of thought.

[1ZKM = Zentrum für Kunst und Medientechnologie Karlsruhe,
Lorenzstrasse 19, 76135 Karlsruhe