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In der Nacht vom Donnerstag auf Freitag wurde unversehens das Fehlen des Familienrings auf der Rückfahrt von Potsdam-Babelsberg nach Berlin am rechten Ringfinger bemerkt, als die Hände auf dem Lenkrad des Wagens aufgelegt waren.

Nun gehört es zu den Grundregeln, dass "DaybyDay" alles Andere sein soll als ein persönliches Tagebuch. Und doch war dieser - zeitweise - Verlust das wichtigste Ereignis nicht nur des Tages, sondern dieser Woche. Und wird von daher dann doch an dieser Stelle dokumentiert.

Denn es ist beeindruckend und sicher auch für Aussenstehende nachvollziehbar, was so alles im Kopf abgeht, wenn ein solcher Verlust bemerkt wird: ganz genau werden die letzten Orte und Situationen rekapituliert, an/bei denen dieser Verlust hätte stattfinden können; es wird geprüft, ob man noch im Nachherein andere Menschen an diesen Orten auf die Suche nach dem Ring schicken könnte; es stellt sich auch ganz konkret die Frage, ob die Reinigungskräfte auf einer Toilette wirklich den Fund eines solchen goldenen Ringes melden und diesen abgeben würden, würden sie ihn gefunden haben.

Aber die Gedanken gehen viel weiter, zurück an die, die ihn früher in der Familie getragen haben: an den Bruch der Kontinuität, der sich mit diesem Verlust plötzlich anzuzeigen scheint; es kommen Bilder mit ganzen Haufen von Schmucksachen die abgestreift werden mussten, bevor der Gang in die Lager angetreten wurde.

Kurz zusammengefasst: die Summe der Eindrücke und Assoziationen war erstaunlicher Weise eher noch beeindruckend denn beängstigend: vor allem stellt(e) sich die Frage, welche Bedeutung dieser Verlust in sich birgt, was er dem Unglücklichen signalisieren solle.

Und dann, dann findet sich der Ring wieder an. Zufällig, beim Griff in die eigene Ledertasche.

Offensichtlich war am Abend zuvor während des Einräumens der Tasche der Ring bei einem Griff darin an der Innenwandung abgestreift worden und dann auf den Grund der Tasche gerutscht. An die Stelle, an der er nun beim Ausräumen wiedergefunden worden. Ganz und gar zufällig. Unerwartet. Denn an eine solche Möglichkeit des Verlustes war bei allen zuvor angenommenen Szenarien überhaupt nicht gedacht worden.

Selbst ein Satz wie "da fällt mir ein Stein vom Herzen" ist zu schwach um das zu beschreiben, was einem in diesem Moment der Retrouvaille alles durch den Kopf ging.

Da Bilder mehr sagen können als tausend Worte kam es zu der Entscheidung, diesen Ring nochmals und in vollem Bewusstsein abzustreifen, ihn auf den Scanner zu legen und abzulichten.

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Jetzt, beim Schreiben - beim Springen und Gleiten der 10 Finger über die Tastatur - liegt er immer noch auf der Glasplatte. Aber damit soll nun Schluss sein, der Text beendet und der Ring wieder aufgesetzt werden. In memoriam.