Sonntag. Im Konzerthaus

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Es war eine glückliche Fügung, dass für Sonntag noch Karten für das
Preisträgerkonzert des Grand Prix Emanuel Feuermann 2006 im Konzerthaus am Gendarmenmarkt in Berlin angeboten und sogar vorab ins Büro geschickt werden konnten.

So kam es erneut zu einer kleinen Unterbrechung des sonst auch bis in die Wochenenden andauernden All-Tages.

Es spielten die Kammerakademie Potsdam unter dem Dirigat von Michael Sanderling Werke von Ernst Toch, Paul Hindemith und Joseph Haydn. Und die Solisten waren die Preisträger des diejährigen Wettbewerbes:

JULIAN STECKEL
(Ernst Toch: Violoncellokonzert op.35)

GABRIEL SCHWABE
(Paul Hindemith: Kammermusik Nr.3 op.36,2 für obligates Cello und zehn Soloinstrumente)

GIORGI KHARADZE
[Joseph Haydn: Konzert für Violoncello und Orchester D-Dur Hob VIIb:2 (Kadenz von Emanuel Feuermann)]

Alles im Anschluss an dieses Ereignis Aufeschriebene hat eigentlich mit der Musik und ihren Interpreten wenig zu tun.

Und doch reflektiert es sie auf eine ganz eigene Art und Weise. Geht es doch die Entdeckung der eigentlich fast schon verlernten Aufmerksamkeit.

Um es ganz klar und schonungslos zu sagen, es war trotz aufmerksamen Zuhörens nicht möglich, auch nur einen Satz lang konzentriert und durchgängig wirklich zuzuhören.

Und doch wurde die Präsentation dankbar angenommen - und keineswegs verschlafen oder verhustet. Allein: während des Zuhörens drängten sich immer wieder Bilder und Gedanken aus der Arbeit auf, die sich vor die Musiker und das aktuelle Erleben schoben.

Das Schwierigste war eigentlich, schnell und klar mit und für sich selber zu entscheiden, dass es "legitim" und "erlaubt" sei, auch diese Gedanken zuzulassen und nicht zu versuchen, sich "um jeden Preis" zum Zuhören zwingen zu wollen.

Das führte zu einer sehr eigenartigen Art von Musikgenuss: es gab Passagen, die sehr eindinglich wahrgenommen wurden und andere, an die es schon kurze Zeit danach keine Erinnerung mehr gibt.

Aber stattdessen gibt es plötzlich Lösungen für Aufgaben, die im Kundenauftrag zu bearbeiten waren. Oder zumindest Indikatoren, wie diese Lösungen zu finden sein könnten.

"Den Seinen gibt’s der Herr - in der Musik": Und dass es nach dem Ende der Hayden-Interpretation noch einen Empfang der KPMG gab, schien plötzlich doppelt Sinn zu machen ;-)

PS. Warum mussten eigentlich bei der kurzen launigen Ansprache des "neuen" Innenministers Schäuble in Gegenwart des Alten ("im Gegensatz zu ihm spiele ich kein Chello aber der Herr Schilly hat sicher daran gut getan, heute nicht hier oben zu sitzen um selber spielen zu wollen" [1] seine Beine und sein Rollstuhl verdeckt gehalten werden? Es war, als wenn er vor dem Publikum wie ein Penäler hinter der Schulbank saß, von der er sich dann an die Anwesenden richtete. Hinzu kam, dass nach seinem Ab-"gang" diese zwei quer- bzw. hochgestellten Tische erst wieder von der Bühne abgeräumt werden mussten, ebenso wie das gläserne Stehpult, von dem aus das Publikum vorab begrüsst wurde. [2]
Was ist das für eine "Scham", dass man dem auch auf der Bühne im Rollstuhl verbleibenden Hauptredner eine Sichtblende vor dessem Körper aufbaut, während sein Vor-Redner von einem gläsernen Pult aus seine Zeilen abliest und dabei also in voller Körpergrösse zu sehen ist?

PPS. Am meisten aber hat während des Musikvortrages die Frage nach konkurrierender Aufmerksamkeit verlangt, wie es sich denn nun verhalte mit den tradierten virtuellen Welten in dem ausklingenden analogen Zeitalter. Ist nicht auch der vielgepriesene "Musikgenuss" eine Aufladung von sublimierter Empathie für das Wohl in einer Warhnehmung von virtuellen Werten? Kann nicht auch das geradezu kisternde Schweigen kurz vor dem Auftritt eine Form der kollektiven Interaktion sein? Und wie verhält sich das Einstimmen des Orchesterns vor dem Auftritt von Dirigent und Solist zu einem Flash-Intro auf der gerade aktivierten Website?

Absurd, diese Fragen und Vergleiche? Im ersten Blick vielleicht schon. Aber dann doch nicht: Denn es zeigt sich immer mehr, wie gerade von jenen jungen Menschen, die schon ganz und gar mit dem digitalen Medien aufgewachsen sind - und nur noch mit diesen - wie gerade ihnen der Sinn danach steht, aus dem Künstlichen die Kunst als die Möglichkeit der Rezeption des Artifiziellen für sich zu entdecken. In der mit ihren "pings" und "tags" und "bots" entdeckten Welt bestimmen sie ihr eigenes "vermessenes" ich unbotmässig und immer wieder neu gebootet suchen Sie nach Rückschlüssen auf und zu sich selber, den Menschen.

Auch mit einem MP3-Player am Revers ist man ein Musikliebhaber. Und wenn Lang Lang demnächst einen Steinway-Flügel mit einer iPod- und Handy-Schnittstelle bauen lassen will - warum denn nicht? Auf die Bühne damit!

Das Konzerthaus ist für alle da, selbst für so unaufmerksame EDV-geschädigte Zuhörer wie mich, die Musik nur noch als Flash erleben, weil sie zu viel mit Flashs zu tun haben, in denen Musik ist.

WS.

[1... sinngemäß zitiert...

[2... seltsam und doch sattsam bekannt: dieser Herr, offensichtlich für die Ausrichtung des Wettbewerbs verantwortlich, tritt auf, ohne sich namentlich vorzustellen, was Herr Schäuble auch nicht getan hatte - der aber stand zumindest auf dem Programmzettel.