Was ist Glück?

Glück ist es, in Wohlstand leben zu können, geliebt zu werden, die Kinder groß werden sehen. Darüber schreiben zu wollen - und dies schließlich gelernt zu haben und es nun tun zu wollen, auch das ist Glück. Dass man mit anderen teilen kann: Die Chance zu haben, darin aufgehen zu können und sich doch nicht davon hinwegtragen zu lassen. Glück ist der Moment, empfinden zu können, dass man lebt und das ist: die Frage nach dem Tod in eine Aufmerksamkeit gegenüber dem eigenen Leben und das der Anderen verwandelt zu haben.

Wohlstand
Dieses Wort ist leicht geschrieben; doch wie schwer ist es, diese Situation herzustellen. Und wie viel schwerer ist es, diese von Dauer werden zu lassen. Und wie viel schwerer noch ist es, sich darauf vorzubereiten, dass dieser Dauerzustand jederzeit wieder beendet sein könnte?
Im Wohlstand zu leben bedeutet auch das Risiko, den Wohlstand nicht mehr erleben zu können. Die viel zitierte Lebensqualität ist auch Erlebensqualität. Und das vielleicht zu allererst.

Liebe
Ist der höchste Grad der Erlebensqualität. Sie ist bekanntlich unabhängig vom Wohlstand und vom Stand der Leute, die sich in ihr begegnen. Sie kann auch dann zerbrechen, wenn es den Menschen wirtschaftlich gut geht und sie kann halten, auch wenn die Verhältnisse eigentlich keinen Wohlstand zulassen. Und doch ist die Liebe nicht nur ein himmlisches Gut. Sie ist auch ein ganz und gar hiesiges Vergnügen. Sie zu erleben kann höllische Qualen bedeuteten, wenn sie nicht gemeinsam erlebt werden kann. Und es gibt Menschen, die froh sind, sie verloren zu haben, weil sie sonst das Leben nicht mehr glauben aushalten zu können.

Kinder
Sind das Ein und Alles! In der Weihnachtsgeschichte wird davon berichtet, dass der Herrscher Herodes alle neugeborenen Kinder von seinen Truppen suchen und abschlachten ließ - soviel Angst habe er vor dem Gerücht gehabt, dass jemand geboren worden sei, der ihm seinen Thron streitig machen könnte. Um Kinder drehen sich ganze Religionen - und wir, so scheint es, sind angesichts des Streites dieser Religionen bis heute noch nicht aus den Kinderschuhen wirklich herausgekommen.

Schreiben
Dieser Text ist, wie er ist. Und er entsteht, wie er entsteht. Ist der erste Absatz geschrieben, folgte alles Weitere daraus. Ich schreibe jetzt, also bin ich. Ist das Glück? Oder ist das der Luxus mit der Zeit so umzugehen dürfen, dass sie es einem erlaubt in ihr anhalten und sich während ihres Verlaufs an ihr festhalten zu können: ihr mit dem Schreiben ein Schnippchen zu schlagen, sie zu nutzen, um sie einen Moment verweilen zu können. Beim Schreiben - und beim Lesen.

Sich Verlieren
In dem hingebungsvollen Tun läge die wahre Gnade des Menschen. So der katholische Bischoff in seiner Weihnachtsansprache. Dieses, so der Religionshüter, verschaffe dem Menschen das wahre Wohlsein. Aber auch Wohlstand? Wohlstand ist oft erst die Voraussetzung für jenes Tun, das über den Tellerrand der aktuellen Bedürftigkeit hinwegzuschauen vermag. Nur wer alles wegzugeben in der Lage sei, werde das Himmelreich für sich gewinnen. Schon auf Erden? Was ist zu tun, wenn einem die Bank ein Jahr lang den Zugang zu einer Kreditkarte verweigert hat und die Dienstreise in die USA ohne eine solche Karte durchgeführt werden muss?

Hier und Jetzt
Das erleben zu können, dass man jetzt ist, dass man da ist, für sich da sein kann und für andere, dass Andere für einen selber da sind, Manche einen besser kennen als man selbst und dass sie sich dieser Macht mit Charme bedienen ohne in ihrem Angesicht in Scham und Schande versinken zu müssen! Freunde zu haben und sich selbst zum Freund zu machen. Freude erleben und mit-teilen zu können. Den Augenblick erleben zu können, der nie vergehen möge und sich mögen zu können auch in alle den Augenblicken, in denen einem das Glück nicht hold ist. Das Hier und Jetzt ist ein absoluter Luxus, wenn es ohne Not erlebt werden darf: alleine, gemeinsam, als Kollektiv, als Nation.

Tod
Der Tod ist das Leben. Der Gevatter Tod (D)ein Freund und Helfer. Und die Freunde und Helfer sind die besten Verbündeten gegen den Tod: den Tod der Sinne, der Werte, der Unterhaltung und der Unterhaltsgewährung. Freunde sind Menschen, die ihre Schulden zurückzahlen. Der Tod ist unser Freund, wenn uns das Leben nichts mehr schuldet. Wir lassen ihn kommen - und gehen.

Amen
Der Pfarrer verkauft sein Pferd einem Cowboy. „Es ist ein sehr frommes Pferd“, erläutert er. „Wenn du ,Gott sei Dank’ sagst, läuft es so schnell es kann. Und wenn du ,Amen’ sagst, bleibt es stehen.“ Der Cowboy schwingt sich aufs Pferd, sagt „Gott sei Dank“ und das Pferd saust los.
Leider genau auf einen Abgrund zu. Der Cowboy will es stoppen, aber ihm fällt das richtige Wort nicht mehr ein. Da hilft kein wütendes „Brr“ und kein Ziehen am Zaumzeug, das Pferd will einfach nicht stehen bleiben. In letzter Verzweiflung reicht die Zeit gerade noch für ein kurzes Gebet. Als er das Wörtchen „Amen“ sagt, stoppt das Pferd - direkt vor dem Abgrund.
Erleichtert hebt der Cowboy die Hände zum Himmel und ruft „Gott sei Dank!“

WS.


Nachtrag
Nach der Verfertigung dieses Textes am 26. und seiner endgültigen Platzierung an diesem 30. Dezember 2006 hatte sich auch die "Berliner Zeitung" dieses Themas angenommen und gleich zweimal aufbereitet:
- In der letzten Ausgabe Nr. 303 des alten Jahres vom 29. Dezember 2006 in der Abteilung Wirtschaft auf Seite 10 mit einem Text von Stephan Kaufmann unter dem Titel: Wie misst man Glück?. Wirtschaftswachstum allein reicht nicht. Weltweit konstruieren Ökonomen neue Inidizes zur Messung der menschlichen Zufriedenheit.
- Und in der Sonderbeilage der ersten Ausgabe des Jahres vom 2. Januar 2007 unter dem Thema: Das Jahr 2007 mit dem Titel: VORBILDER. Was man zum Glück braucht - in der Rubrik: VERMISCHTES auf Seite J06.