Multi-Medialer Mara-Ton

Bert-Donnepp-Preis für einen
„medialen Marathonläufer“

Jörg Wagner erhält den Deutschen Preis für Medienpublizistik
für das „radioeins“-
Medienmagazin (rbb-Hörfunk)

Die Jury hat entschieden: Der Bert-Donnepp-Preis geht für das Jahr 2006 an Jörg Wagner,
Redakteur und Moderator des „radioeins“-Medienmagazins im rbb-Hörfunk. Die mit 5000 Euro
dotierte Auszeichnung - 1991 vom Verein der „Freunde des Adolf-Grimme-Preises“ als
Deutscher Preis für Medienpublizistik gestiftet - wird am 13. Februar 2007 im
Regierungspräsidium in Düsseldorf vergeben. Monika Piel, die als designierte WDR-Intendantin
im April die Nachfolge von Fritz Pleitgen antreten wird, hält die Laudatio auf den Preisträger.

Das Medienmagazin der rbb-Radiowelle „radioeins“ bezeichnet die Jury in ihrer Begründung als
„funkische Spitzenleistung des deutschen Medienjournalismus“. Tabus gebe es dabei nicht,
auch der eigene Arbeitgeber - das öffentlich-rechtliche System - werde kritisch widergespiegelt.
Wagner, der einen sehr persönlichen Stil der Präsentation pflege, sage „klar und deutlich, wenn
eine hochmögende Medientagung mal wieder nichts gebracht hat“. Dass sich in der Sendung
regelmäßig die Großen der Branche äußerten, verschaffe der rbb-Sendung auch einen
Nachrichtenwert.

Der in Ostberlin geborene Jörg Wagner (Jahrgang 1959) wirkte schon als Kind im DDR-Kinderfunk
mit und fand später als diplomierter Theaterwissenschaftler zum Radio zurück. Hier,
so die Jury, sei er „hörbar mit Leidenschaft und guter Laune bei der Sache“. Er gebe sein eigenes
Interesse glaubhaft an die Hörer weiter und achte akribisch auf eine radiophone Gestaltung des
Medienmagazins. Dass es im Internet-Angebot des rbb überall als Podcast gehört werden kann,
bezeichnet die Jury als „Glück und keine Kleinigkeit“.

Weitere Informationen:
ADOLF - GRIMME - INSTITUT
Katrin Jurkuhn
Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Tel. 02365 - 91 89 29
Fax 02365 - 91 89 89
E-Mail jurkuhn@grimme-institut.de

UND HIER NOCHMAL ALS "DAYBYDAY"-ZITAT VOM 6. MAI 2006:
Die erste IP-based On-Air-Radio-Show auf "radioeins".

UND HIER IM ORIGINAL-ZITAT DER TEXT VON JOERG WAGNERS ANTWORT AUF DIE LOBREDE DER WDR-INTENDANTIN MONIKA PIEL [1]:

„Schweigen ist Untergang“

Liebe An- und Abwesende,

ich übernehme bewusst die Begrüßungsformel von
Albert Einstein in seiner Rede vor dem Berliner Funkturm
1930, um ein bisschen von meiner Person abzulenken.
Radiomacher sind es nicht gewöhnt, in dieser
geballten Form Lobesworte zu hören. Ihr Alltag ist das
sich verflüchtigende Wort, das zur Eitelkeit wenig
beitragen kann. Die Zeiten sind vorbei, als man sich
wichtig machen konnte mit dem Zusatz: „Das haben
sie eben im Radio durchgegeben.“

Beim Kampf um Interviewpartner muss man sich
hinten anstellen auch wenn man Erster war. Das
Wirken im Unsichtbaren wird für Außenstehende zum
Wirken im Unwichtigen. Wer möchte da mittun?

Selbst einige, die es besser wissen, flüchten zuweilen
vor der Unauffälligkeit des Mediums Radio. Es war
bestimmt kein Zufall, dass mir zwei ARD-Vorsitzende
unabhängig voneinander Interviews verweigerten mit
der Bemerkung: alles, was zu sagen sei, könne man in
Kürze im „Focus“ nachlesen.

Ich will hier nicht jammern oder um Mitleid bitten.
Wer im Radio arbeitet, weiß um das fehlende Bild und
flüchtige Wort. Für mich war dieser Umstand sogar
entscheidend, diesen Beruf zu ergreifen. Bei meinen
Praktika in Theater, Fernsehen und Radio bemerkte
ich, dass Honecker und Co. aus Desinteresse am Hörfunk
dort Inseln der Freiheit entstehen ließen.

Die Hörspielabteilung sendete im Schutze der Nacht,
was anschließend als Adaption auf dem Theater nur
durchsetzbar war mit dem Verweis auf die Millionen
Radiohörer. Oder auch Radio DDR II. War man sich im
Politbüro bewusst, dass man dort den Rolling Stones
die gleiche Aufmerksamkeit schenkte wie Robert
Schumann und Langspielplatten in voller Länge nebst
Textübersetzung sendete? Oder DT64, das sich einfach
die Beatles besorgte, als man diese noch für eine
Geheimwaffe des Westens hielt.

„Das Unerhörte“

Natürlich soll die Faszination des offiziell Ungehörten
und damit Unerhörten nicht darüber hinwegtäuschen,
dass das DDR-Radio von der Politbürokratie gesteuert
wurde, zum Glück nicht mit konstanter Aufmerksamkeit.

Nehmen wir nur meine erste Arbeit für das Radio. Ich
war drei Jahre und durfte ein Gedicht vortragen mit
dem Titel „Die Zitrone“. Vielleicht ahnen Sie einen
möglichen Konflikt?

Die Zitrone. Ich bin eine kleine Zitrone. / Weißt du, wo
ich wohne? / Ich wohne am blauen Meer, / dort ist es
heiß und von dort komme ich her. / Fleißige Hände
müssen mich pflücken und in große Kisten legen. / Ein
großes Schiff mit braunen Matrosen bringt mich zu
Dir / und nun bin ich hier.

„Imaginäre Banane“

Ich bin mir nicht sicher, ob Sie die Brisanz der Zeilen
erkannt haben. Zitrusfrüchte gehörten nicht unbedingt
zu den Ladenhütern in der DDR. Und ein Jahr
nach dem Mauerbau zu fragen ’weißt du wo ich wohne?’
war nun auch nicht sehr sensibel. Die meisten
DDR-Bürger wussten noch genau, wo es ist, das Land,
wo die Zitronen blüh’n.

Aber es ging alles glatt. Keiner hatte etwas gemerkt.
Anders 20 Jahre später. Meine zweite Begegnung mit
der Zensur - zur ersten komme ich gleich - wurde
durch eine Banane ausgelöst. Ich verdiente mir während
meines Theaterwissenschaftsstudium nebenher
mit Theaterkritiken die eine oder andere DDR-Mark.
Von der Pantomimen-Inszenierung „Die Höllenfahrt
des Doktor Faustus“ am Deutschen Theater war ich
ziemlich angetan, so dass ich die Hörer ermunterte,
trotz der Klischees über Pantomime die Vorstellungen
zu besuchen. Pantomime sei eben weitaus mehr als
nur das Schälen einer imaginären Banane, wie wir es
von den Clowns aus dem Zirkus kennen würden.

Hätten Sie an meiner Stelle die Falle erkannt, in die
ich mich schrieb? Zu jener Zeit gab es wieder einmal
Engpässe in der Lebensmittelversorgung. Die Anweisung
aus der Abteilung Agitation und Propaganda des
ZK der SED lautete, jeden Bezug in den Beiträgen zum
Thema Essen zu vermeiden. Es wurden Kochrezepte
gestrichen, Veranstaltungstipps wie „Lukullische Reise
durch die sowjetische Küche“ und Lieder für Sendungen
gesperrt wie „Dicke Bohnen“ von der Magdeburger
Gruppe „Reform“. Und ich schrieb von Bananen!
Erschwerend kam hinzu, dass ich von ’imaginären’
Bananen schrieb, die einzigen, die dem DDR-Bürger
noch geblieben waren.

Dass die imaginären Bananen trotzdem im Radio
liefen, hatte mit meiner Empörung zu tun, die mir die
nötige Unverfrorenheit gab, das ungeschnittene Band
als korrigierte Fassung zu beschriften.

Ein Trick, der mir bei meiner ersten Begegnung mit
der Zensur nicht helfen konnte. Ich arbeitete als
Schüler in den Sommerferien in der Hörerpostabteilung
bei DT64, wo ich einer heute ausgestorbenen
Gattung diente: den Radiogrüßen. Ich destillierte aus
den unzähligen Karten und Briefen die entsprechenden
Grüße heraus und brachte sie für den Moderator
in eine abwechslungsreiche Form. Klaus grüßte Petra.
Viele liebe Grüße erhielt der Schatz von Gabi. Und
tausend Grüße gingen an den lustigen Uwe.

Mitten in dieser wichtigen Arbeit starb Elvis Presley,
so dass sich bei mir auf dem Schreibtisch mit der
entsprechenden Verspätung des Postwegs zig Beileidsbekundungen
stapelten. Eine Briefkarte fand ich
besonders kreativ und nahm sie in meine tägliche
Grußliste auf. Ein schwarzes Kreuz in dreidimensionaler
Kavalierperspektive mit geschnörkelten Initialen
A B. Dazu der Text: „Wir grüßen die Alice-Bresley-
Gang in der Karl-Liebknecht-Straße.“ Ich korrigierte
unter Beibehaltung des Originaltextes sanft den Namen
des Verstorbenen, ohne Überheblichkeit, weil ich
wusste, dass man nicht überall die „Bravo“ von der
Oma geschmuggelt bekam.

Doch unerfahren wie ich dennoch war, übersah ich,
daß es in der DDR keine ’Gang’ geben könne, die zudem
den Namen eines Sängers trug, der noch nicht
ganz vom dekadenten Image der 50er Jahre befreit
war. Was schließlich in die Kategorie Unverzeihlich
eingestuft wurde, war der Umstand, dass sich dies
alles in einer Karl-Liebknecht-Straße abspielte. Gang -
Elvis Presley - Karl Liebknecht - eine unzumutbare
Wörterkonstellation. Der Gruß flog mit der Verachtung
des Werktätigen Volkes aus der Sendung.

Ich könnte jetzt meine Erfahrungen mit der Zensur
durchnummerieren, die sich weiter auf diesem lächerlichen
Niveau abspielten, die eigentlich nicht der Rede
wert sind, außer sie helfen Ihnen zu verstehen, warum
ich heute so leidenschaftlich Medienjournalismus
betreibe.

Was habe ich elektrisiert gen Westen geschaut, als
„Tagesschau“-Sprecher Jo Brauner einen Protest der
Macher von „Panorama“ gegen Eingriffe in die Sendung
verlas: „Peter Merseburger und die Autoren der
Sendung betrachten die solchermaßen veränderte
,Panorama’-Sendung nicht mehr als eine, die sie präsentieren
und moderieren wollen. Die Moderationstexte
werden deshalb verlesen.“

„Transparenz, Mündigkeit, Kritik“

Wie stark muss ein System sein, dachte ich damals,
das einen Intendanten wie Lothar Loewe in seinem
eigenen SFB-Fernsehen zeigt, wie er von der Belegschaft
ausgebuht wird.

Doch erst mit dem Untergang der DDR verstand ich,
dass der schonungslose Umgang mit den Schwächen
letztlich ein System stärkt. Die DDR hat sich selbst
destabilisiert durch jahrzehntelanges Unter-den-
Teppich-Kehren, mangelnde Transparenz und durch
Selbstbelügen aus Angst vor Fehlern.

Insofern verstand ich - und hier schließt sich wieder
der Kreis - Albert Einstein, der am Funkturm sagte:
„Denket auch daran, daß die Techniker es sind, die
erst wahre Demokratie möglich machen.“

Transparenz, Mündigkeit, Bildung, Kritik, Wettbewerb
der Gedanken ermöglicht via Funkwellen. Daran denke
ich immer, bei meinen zugegeben kleinen Schwierigkeiten
mit dem Medienjournalismus, weil Techniker es
zwar möglich machen, es jedoch allein nicht schaffen.

Dazu würde aus meiner Perspektive auch gehören,
dass man weniger die Boten einer Nachricht bekämpft
als ihre Ursachen. Zwei Kollegen von mir warten noch
immer, dass sie wieder für mich tätig werden können.
Darunter auch ein Bert-Donnepp-Preisträger.

„Ausloten des Spannungsverhältnisses“

Wenn ich könnte, würde ich mir für meine heute hier
prämierte Sendung den Titel einer legendären WDRSendung
holen: „Glashaus“. Das beschreibt genau das
Spannungsverhältnis zwischen Nestbeschmutzung
und Transparenz. Was ist man dem Gebührenzahler an
Öffentlichkeit schuldig und was ist rufschädigend
oder illoyal? Beim Ausloten dieses Spannungsverhältnisses
bemerke ich oft, wie letztlich meine DDRErfahrung
das Zünglein an der Waage ist. Schweigen
ist nicht Gold, sondern der Untergang. PR hat ähnliche
Nebenwirkungen wie Propaganda - sie überdeckt
Schwächen, damit Gefahren. Wenn man den Diskurs
nicht befördert, gefährdet man Entwicklung, letztlich
Demokratie.

Wie oft habe ich aus den Pressestellen Absagen gehört:
„Dazu äußern wir uns nicht, wir wollen nicht Öl
in das Feuer gießen, das Thema ist durch, lesen sie
unsere Pressemitteilung, da steht alles drin.“ Wie oft
haben Gesprächspartner, ob öffentlich-rechtlich oder
kommerziell, Angst, Probleme zu benennen. Man
könnte den Eindruck gewinnen, seit die DDR weg ist,
braucht man sich nicht mehr anzustrengen. Das bessere
System hat ja überlebt.

Meine Erfahrung ist: Das, was man selbst reflektiert,
kann nicht mehr gegen einen selbst benutzt werden,
wie z. B. die Schleichwerbe-Affäre sinnfällig zeigt.
Kritik verpufft durch Selbstkritik. Erhöht zudem die
Glaubwürdigkeit. Daher freue ich mich besonders,
dass dem Preisfindungskomitee dieser Punkt in der
Begründung wichtig war. Jedoch ohne den ständigen
Abgleich mit meinen Ex-Journalisten-Eltern Anita und
Martin Wagner und meinen engsten Autoren Vera
Linß, Werner Lange oder Eleni Klotsikas hätte ich
vermutlich nicht die nötige Energie aufgebracht, um
der Routine zu entkommen.

Meinen Kindern und meiner Lebensgefährtin ist es zu
verdanken, dass die inzwischen zehn Jahre währende
Wochenendarbeit überhaupt möglich war.

Dem RBB und seinen Vorgängern sei Dank für das
Vertrauen, die relative Gelassenheit bei meinen vielen
Formatbrüchen und das Verständnis, dass ein Journalist
einen anderen Job erledigen muss als ein Sprecher
der Presseabteilung.

Den Freunden des Adolf-Grimme-Preises danke ich für
die Aufwertung des Mediums Hörfunk. Und ich gestehe,
ich freue mich riesig, dass Sie diese kleine Sendung
ins Licht der Öffentlichkeit gerückt haben. Das
erleichtert die Arbeit schon jetzt spürbar. Bedanken
muss ich mich aber auch an dieser Stelle bei den
Hörern, die jeden Samstag in Olympiastadion-Stärke
an dieser doch sehr speziellen Thematik Vergnügen
haben. Die mich kritisch begleiten und vor dem Abheben
bewahren.

Schließen möchte ich mit einem Spruch aus den Anfängen
der Radiogeschichte, der auch regelmäßig am Ende
meiner Sendung steht. Der im beabsichtigten Doppelsinn
dieses nötige Gefühl der Bodenhaftung beschreibt: „Vergessen
Sie nicht, Ihre Antenne zu erden!“

[1Sie lautet "Poesie des Radios" ist ebenso wie der hier übernommene Text in der Nr 13 von epd medien vom 17. Feburar 2007 im vollen Wortlaut einzusehen