Die Zweitverwertung des Zweiten Lebens

I.

Jetzt ist es soweit: nachdem aus der achten Ausgabe von „DER SPIEGEL“ vom 17. Februar 2007 zunächst einmal all die eingelegte und eingeheftete Werbung herausbugsiert worden war - 12 Seiten von Peek& Cloppenburg, vier Seiten von dem IBM-Aufkäufer lenovo und zwei Seiten und Antwortpostkarte „Das Porto zahlen wir für sie“ von der Frankfurter Allgemeinen Zeitung GmbH [1] - stand sogleich der Text des Spiegel-Titels im Mittelpunkt

Der digitale Maskenball
Zweites Leben im Internet

In der Internet-Plattform "Second Life" - so die Ankündigung im Internet - treffen sich Millionen, um fremde Rollen zu übernehmen - und um ganz reale Geschäfte zu betreiben.

In der Druckausgabe lautet der Titel auf Seite 150: „Alles im Wunderland“:
Mehrere Millionen Menschen haben sich in der Internet-Plattform „Second Life“ eine neue Wirklichkeit geschaffen. Sie schlüpfen in erfundene Identitäten und leben unter ihren Masken ihre Träume aus. Jetzt mischt sich die künstliche Parallelwelt immer stärker in die Realität ein.

Die Idee, diese Avatar-Welt aus Anlass der nun erneut über uns hereingebrochenen Welt des Faschings zum Anlass der Berichterstattung zu machen ist vorgerdründig gut gelungen - im inneren Sinnzusammenhang nicht wirklich ausgeführt. Es bleibt bei einer fotografischen Ansammlung von Masken aus dem Karneval in Köln, von den Protesten in Calgary, vom Klu-Klux-Clan in Indiana, vor Frauen in Pakistan mit einer Burka vor dem Gesicht, mit Polizeimasken in Shanghai und weissen Masken, die auf einem Protest in Madrid getragen wurden. Die wirklichen, sich miteinander bestimmenden und durchdringenden Hintergründe - beschrieben in der Serie über "Die Deutschen" ab Seite 52 und im Artikel über den Rosenmontags-Zug-Philosophen Jacques Tilly auf Seite 69 - werden aber nicht weiter miteinander in Bezug gesetzt. [2]

II.

Eben diese These, schon vor weit mehr als einem Jahr vorgetragen, kostete damals noch einen Preis, der den Verkaufspreis des Journals heute um mehrere Nullen vor dem Komma überrundete. [3]. Diejenigen aber, die sich damals dieses Rates bedient haben, sind heute mit dabei - und schon Gegenstand der SPIEGEL-Berichterstattung auf S. 151:

„Second Life“ beherbergt mittlerweile die Dependance der Nachrichtenagentur Reuters und Filialen der Modehäuser Adidas und American Aparell. Toyota und Nissan haben hier Verkaufs und Ausstellungsräume“ und die Deutschen, so ist auf Seite 152 nachzulesen, haben hier sogar das erste Arbeitsamt gegründet.

Andererseits gibt es auch die GewinnerInnen der ersten Stunde: auf der gleichen Seite wird das Beispiel von Ailin Gräf genannt, die sich noch bis vor kurzem als Sprachlehrerin an einer Volkshochschule in Hessen durchgeschlagen hat und jetzt als „Anshe Chung“ in der „Business Week“ auf den Titel gekommen ist. Und die, wie DER SPIEGEL auf S. 163 in einem "EPILOG" berichet, eigentlich vor der Presse nur noch in dieser zweiten Natur angesprochen werden wolle: als Anshe Chung im Chat auf Dreamland in Plush City.

Interessant ist die Kurzwiedergabe eines Gesprächst mit Ailin Gräf, in dem es heisst: "Auch psychisch werde es immer schwieriger, mal Gräf und mal Chung zu sein - die este schüchtern und aus der hessischen Provinz, die zweite frech, sexy und mächtig. Man komme durcheinander." [4]

Vielleicht, so die These, haben viele der Wirtschaftsführer auch deshalb Probleme mit einer Präsenz im Internet, da es ihnen dann genau entgegengesetzt so gehen könnte wie der Frau Gräf: ihr Status und ihre Macht in der realen Welt werden im Netz durch nichts repräsentiert, was nicht auf jede(r) Andere für sich in Anspruch nehmen könnte. Die Insignien der Macht sind zu Symbolen erstarrt, die wie Masken getragen werden können. Sie sind der Phantasie geschuldet, käuflich und austauschbar - und insoweit haben sie dann doch wieder etwas mit dem wirklichen Leben gemeinsam. Oder?

III.

Heute geht es aber nicht darum darüber zu schreiben, wer denn schon die Chance genutzt hat und warum - einmal mehr - „Andere“ es erneut versäumt haben, sich angesichts ihrer aktuellen Probleme rechtzeitig auf den Weg nach „Übermorgen“ aufzumachen - das sie schlimmstenfalls so gar nicht mehr erleben werden während es andere heute schon erlebt haben - heute geht es um einen viel pragmatischeren Umstand: nämlich, dass sich die Zeitungen und Zeitschriften immer mehr nicht nur zu Verwertern der Ereignisse von gestern und vorgestern (samt deren Hinter- und Beweggründe machen), sondern immer mehr zu Zweitverwertern von „Wirklichkeiten“ werden, die ihrerseits schon durch ihre zweite Existenz im Netz in das Blickfeld des journalistischen Beobachters geraten sind.

Ganz offensichtlich findet nicht nur die Reportage-Recherche im Netz statt und immer weniger „vor Ort“. Und so finden denn auch immer mehr Netz-Themen Eingang in die Journale.

Im dem SPIEGEL Nr.8/2007 wird das Netz als Gegenstand und Mittel der Arbeit zitiert:

auf Seite: unter dem Titel:
5 Hausmitteilung
17 Panorama Deutschland
25 Berliner Lüftchen
50 Nackt im Netz
61 Witz sells
136 Fingerzeig für Rechner
136 Käse-Show für jedermann

Und - ganz besonders Clever - in der für diese Spiegel-Nummer eingekaufte Werbung wird ein einer Anzeige von TUI das Titel-Thema gleich sinn-optisch umgesetzt. [5]

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Nachtrag:

Bei den Leser-Brief-Reaktionen wurde auch auf einen Text in der TITANIC verwiesen, der in der Online-Ausgabe am 12. Februar 2007 unter dem Titel :
Was ist los in Second Life? Ein Tagebuch aus der "virtuellen Welt"
erschienen ist und hier als Link "zitiert" wird.

An liebsten hätten wir diesen echt coolen Text an dieser Stelle im Wortlaut übernommen bzw. hinterlegt, damit er auch beim Zusammenbruch dieser oft sehr flüchtigen Verweise noch zur Verfügung stünde. Aber das ginge natürlich nur mit Zustimmung der Redaktion. Und die war - zumindest am 22. Februar 2007 um 10 Uhr morgens - in Frankfurt noch nicht erreichbar. Never mind - folks - schliesslich setzt guter Humor ausgeschlafene Typen voraus.

[1wir kommen später noch mals auf diese Publikation zurück

[2Vielleicht wird solches ja dann im nächsten ePaper-Spiegel-Dossier im Netz angeboten werden.

[3Erstmals wurde auf diese Zusammenhänge am Ende eines Beitrags in "DaybyDay" unter dem Titel Die Zukunft - sei JETZT vom 23. November 2006 hingewiesen.

[4In diesem Zusammenhang sei dazu angeraten, sich hier nochmals per Link den Beitrag von Maximilian Schönherr Wem gehört mein Avatar? durchzulesen oder als Mischnitt aus der Sendung vom 20. Januar 2007 ab 16:47 Uhr des Deutschlandfunks in der Reihe "Computer & Kommunikation" anzuhören:


Als Illustration zu diesem Beitrag kann man den Rechtskommentar von Jason Schultz von der Electronic Frontier Foundation nachlesen auf YouTube unter dem Titel Anshe Chung Debacle nachlesen oder das nun wieder nach zwischzeitlicher Sperre freigegebne Video nach einem Login ansehen:

[5Sogar die TUI-Farben stehen in einer zufälligen (?) Synergie zum Titel aus Business Week vom Mai des Jahres 2006.

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