INSIGHT OUT: out of Potsdam

I.

Am Montag, den 19. März 2007 begann in Postdam-Babelsberg die Veranstaltung INSIGHT OUT.

Heute unternimmt die gesamte Gruppe der Teilnehmer einen Ausflug nach Berlin an das Heinrich-Hertz-Institut um sich die Möglichkeiten einer im Sommer letzten Jahres [1] erstmals öffentlich vorgeführten 5-K-Film-Präsentation erläutern zu lassen.

5k-Brunch @ Heinrich-Hertz-Institute, Berlin
- 9:00 Multiprojection -5K and beyond, Dr. Ralf Schäfer (D)
- 11:00 Standardization in Digital Cinema, Dr. Siegfried Fößel (D)

II.

Am Abend zuvor gab es eine öffentliche Veranstaltung, die im Rahmen dieses Seminars ebernfalls in Berlin ausgerichtet wurde. Das Ziel sei, wie Prof. Weinberg in seiner Eingangsbemerkung erklärte, im Jahr 2008 mehr Teilnehmer aus der Region zur Teilnahme an dieser Fortbildungs-Veranstaltung gewinnen zu können.

II.1.

Der Hauptvortrag kam von Herrn Prof. Thorsten Hennig-Thurau von der Bauhaus-Universität in Weimar [2]. [3]

Die Hauptfragestellung, ob es "profitable ways of alternative Cinema distribution" gäbe wird in der Folge seiner Ausführungen wie folgt beantwortet:

These 1: Ein Film der in 10 Jahren veröffentlicht werden wird, wird auf allen Kanälen gleichzeitig veröffentlich werden.

These 2: Käme es dazu, dann sei dies "der Tod des Kinos", so wie wir es in der bisherigen Form (noch) kennen würden.

Tatsache: In 1990 haben die Filmrechteinhaber an der DVD ebensoviel verdient wie an der Kinokasse. Heute wird mit der DVD knapp das Dreifache verdient.

Für die Zukunfts-Verteilungs-Szenarios werden nicht nur die folgenden Modelle untersucht - wie zum Beispiel ein DVD-Release nach 3 Monaten oder die sofortige Öffnung aller Distributions-Kanäle - sondern über 800 potenziellen Modelle getestet, immer unter der Annahme, dass der Konsument an einem bestimmten Moment eine bestimmte Entscheidung trifft (und nicht wartet, bis der Film im TV gezeigt wird).

Dieser Moment, so Hennig-Thurau, werde im wesentlichen von drei Faktoren beeinflusst: der Wahl des Distributionskanals, dem Zeitpunktes und der Höhe des Preises.

Um das ganze Modell noch realistischer zu machen, wurde weiterhin angenommen, die Leute wollten sich den Film ansehen, weil es auch andere tun, weil andere es ihnen empfohlen haben oder weil sie sich den Film - ggf. nochmals - zu Hause ansehen wollen.

Insgesamt 1700 Kinobesucher wurden befragt: in Japan, in den USA und in Deutschland. Hier einige der Ergebnisse:

- Man könnte als Studio in den USA am meisten Geld machen, wenn man zu Anfang neben dem Kinostart auch zugleich den Verleih und den Download-Service starten würde und - drei Monate danach - mit dem Verkauf des Films beginnen. Dabei würde man allerdings im Kino eine Einbusse von 40% in Kauf nehmen müssen - und dennoch so den besten Schnitt machen.

- In Deutschland - und ähnliches gilt auch für Japan - könnte man am besten verdienen, wenn man zu Anfang den Film nur in den Kinos zeigen, drei Monate später mit seinem Verkauf und erst 1 Jahr danach mit der Möglichkeit eines Downloads oder des Verleihs beginnen würde. Die Verlierer würden in diesem Szenario nicht die Kinos sein, sondern die Videoverleiher.

Auf der Basis dieser beiden Grundanalysen wurde danach versucht herauszufinden, ob es auch eine bessere win-win-Situation geben würde. Diese lautet
- für die USA: exklusiver Start im Kino, Verkauf nach 3 Monaten, Verleih und Download nach 6 Monaten.
- für Deutschland: exklusiver Start in den Kinos, Verkauf nach 3 Monaten, Verleih nach 6 Monaten, Download nach 12 Monaten.

Könnten diese Modelle also so wie hier skizziert eingeführt werden? Theoretisch ja: aber die Partikularinteressen bei jedem dieser einzelnen Partner können dominieren und dieses Modell damit wieder ausser Kraft setzen.

Wichtig sei festzuhalten:
- Entscheidungen über die Veränderungen des Modells müssen gut überlegt werden.
- Sind die Veränderungen einmal implementiert, können sie oft nicht mehr rückgängig gemacht werden.
- Das optimale Distributionsmodell ist von Land zu Land anders.

II.2.

Aus der anschliessenden Diskussion - fröhlich und kompetent moderiert von Georgia Tornow, Generalsekretärin film20 [4] - seien von den folgenden Teilnehmern die folgenden Statements festgehalten:

- Prof. Thorsten Hennig-Thurau, Bauhaus-Universität Weimar:
"We do not advocate changes - we just show what we find - we are not consultants." [5] Aber wenn mit der digitalen Präsentation die Qualität des Erlebnisses verstärkt werden würde, dann müsste das Modell neu berechnet werden.
"We Germans are not good in magic. We are academics. Therefore we assume that there is not something like ’magic’ in the theatre".
Nein, das Kino wird kein "Phase-out Model" sein, aber es gibt grosse Gefahren, die man nicht so einfach wegreden kann. [...] Ich kann besseres Popcorn zuhause bekommen und bei mir Leute versammeln, die nicht während des Filmbetrachtens anfangen zu telefonieren.
Mit Grösse und mit Vielfalt kann man (auch neues) Publikum bekommen. Und mit vermehrten Möglichkeiten des Zugriffs auf neue Art-House-Filme.
"The world can live without the video rental stores."

- Gary Goldman, Drehbuchautor & Produzent, u.a. für MINORITY REPORT, NEXT:
"I am the Movie-Magic-Maker, ’blessed’ in the Movie-Temple". Beim Wegfall dieses initialen und initiierenden Erlebnisses würde die ganze Industrie in Frage gestellt werden.
Es bedarf so etwas wie einem "structural imperative", einem "flagship" mit einer "aura" als Basis für die ganze weitere Verwertung.
"If the film is not ’bigger than life’, you may stay at home." Nichts gegen "Home Video" - aber es gibt den Wunsch, dass das öffentliche Leben am Leben bleibt.

- John Graham, General Secretary Digital Cinema Forum:
Es gibt mehr Möglichkeiten als bisher, "to consume content". Dieser Herausforderung haben sich die Kinos zu stellen.
In einem "Digital Cinema Network" können viele Filme gezeigt werden, die sonst aus Kostengründen gar keine Chance gehabt hätten, in die Kinos zu kommen.
"Digital Cinema should mean more Cinema, not less."

- Dr. Andreas Kramer, stellv. Vorstandsvorsitzender des Hauptverbands deutscher Filmtheater HDF Kino e.V.:
Die Vertreter der Branche reden zu wenig miteinander um diese Kino-Kette besser zu nutzen. "There is no communication nighter in Germany nor worldwide".
Das Kino ist kein "Phase-out-Model". Im Kino gibt es in den letzten Jahren immer nur - mit Schwankungen - eine Bewegung nach oben.
"Big Screen, Big Sound, Space & People" ... diese Elemente finden sich in ihrer Kombination nur im Kino. In Deutschland wurden im Jahr 2006 485 Filme gestartet - und es gibt zu wenige von diesen, an die wir uns wirklich erinnern können.
"Cinema - that are what films are made for."

II.3.

Summa summarum:
- Das Kino ist und bleibt eine "Religion" und eine kollektives Erlebnis.
- Und als solches wird es bestehen bleiben, solange es die "Entertainment-Industry" geben wird.
- Aber in einem digitalen Zeitalter wird es nicht mehr das Gleiche sein können, was es im analogen Zeitalter war.
- Wir müssen neue Dinge wagen - und dies unter den ganz besonderen Bedingungen eines jeden Landes.
- Das Publikum ist und bleibt der König.
- Das "Phase-out Model" gilt, wenn überhaupt, eher für das Fernsehen, zumindest solange es noch vorschreiben will, wann was gesehen werden kann.

[2Auf die Frage, wer diese Studie bezahlt habe, kommt die Antwort:
Niemand. Man habe sich an dieses Thema herangewagt, weil man darin einen Sinn gesehen habe, es zu untersuchen. Die weitergehende Begründung ist einleuchtend: "As you and we are looking for fame, this may make us at least more popular."

[3Und Mark Houston von der Universität Missouri-Columbia, einer seiner Mitautoren.

[4Und die in ihrer Abmoderation auch nicht die "screenig-people" wie den hier Schreibenden ausser Acht gelassen hat.

[5Was, wenn man sich die Webseite "www.moviesuccess.org" mal genauer ansieht, so nicht stimmt.