Zeit zur freien Verfügung

Dieser Satz findet sich zumeist in Reiseprospekten in denen Gruppenreisen zu bestimmten Orten verbracht und dann dort alleingelassen werden – auf sich selbst gestellt.

Meistens sind solche Sätze eher ein Ausdruck dafür, dass der Reiseveranstalter Kosten oder Mühen gespart hat, um sein Programm vollständig durchzuplanen.

Aber zum Zeitpunkt der Abreise aus Los Angeles gab es plötzlich einen solchen Moment der freien Zeit. Wenige Stunden vor dem Abflug war plötzlich alles getan, alles gesagt, alle Texte waren verfasst und alle Anrufe getätigt. Und es „Zeit zur freien Verfügung“.

Eine interessante Situation. Gab es jetzt am Ende der Reise nach zwei Wochen erstmals einen Zeit-Punkt, der nicht vorgeplant oder von fremdbestimmten Einflüssen vorbestimmt war. Die einzige Verpflichtung war um 11 Uhr das Hotelzimmer zu verlassen und nachmittags um 15 Uhr am Gate zu sein.

Also doch noch etwas Ungeplantes unternehmen? Die Antwort war: Nein. Vielmehr wurde dieser Moment genutzt, um sich Zeit zu nehmen – für sich selbst. Alles, was es zu tun gab, konnte ohne Eile erledigt werden, die Route zum Flughafen nochmals überprüft, die Liste der letzten Aufgaben vor dem Abflug mit Leichtigkeit bewältigt werden. Bei strahlendem Sonnenschein und nicht allzu hohen Temperaturen war auch noch genug Zeit den Wagen aufzutanken und darauf zu achten, dass wirklich alle Sachen auch richtig verpackt waren.

So wird die Zeit nicht vertrödelt, sondern einfach mal das ganze Prozedere der Abreise einen bis zwei Gänge weiter heruntergefahren. Dabei fällt auf, wie selbstverständlich all die Dinge geworden sind, die zu Beginn der Reise noch Irritationen ausgelöst haben:
- das Hinterlegen der Kreditkarte an der Tankstelle und ihre Bestätigung mit einem Personaldokument, um den Wagen ohne Limit voll tanken zu können. Der Kampf mit den Zapfsäulen, die sich vor lauter Automatik schon wieder anschalten, bevor man sie wirklich in Dauerbetrieb versetzt hat.
- Das Rechtsabbiegen an der Strassenkreuzung, auch wenn die Ampel auf rot geschaltet ist.
- Das Grüssen und „have a good one“ Wünschen gegenüber jedem und jeder Person, die einem über den Weg läuft.
- Das ständige Bereithalten von kleinen Geldscheinen, wann immer auch nur die kleinste Dienstleistung in Anspruch genommen wurde.
- Die Vorliebe für das Einkaufen bei Trader Joe’s [1], die auf ihrer Webseite am 26. April 2007 mit einem alten Flugzeug auf den neuen ab dem 1. Mai gültigen Verkaufsprospekt aufmerksam machen.

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Freundlichkeit und Pfiffigkeit, so haben alle US-Reisende früher oder später gelernt, hat nichts mit der eigenen Person zu tun, ausser dass sie in der Lage zu sein verspricht, Geld auszugeben. Und dann gibt es doch wieder diese Ausnahmen, die diese Regeln zuwiderzulaufen scheinen.

Da ist zum Beispiel das Service-Personal bei AVIS. Zumeist einfache Leute, die oft nicht einmal des Englischen in einer Art und Weise mächtig sind, die es dem Ausländer einfach machen würde, zu verstehen, was man ihnen an Freundlichkeiten oder Informationsangeboten zu sagen hat. Für diese Leute gab es in diesem Jahr keine Kleingeld, sondern eine ganze Batterie von Cola-Classic-Dosen – und eine Flasche Perrier-Wasser für den Busfahrer. Der Erfolg war überwältigend. Die so beschenkten hatten sich echt über die kleine Anerkennung gefreut und sich sofort ihrer bedient.
Und als einer der Angestellten, Andy, einen Fund in einem der ausgescheckten Wagen gemacht und ihn mit heiterem Spieltrieb zur Zentrale getragen hatte, war er dem Ansinnen durchaus aufgeschlossen, dieses eigentlich wertlose Zeug dem AVIS Preferred Gast als Geschenk zu überlassen. Nicht wegen seiner besonderen Status-Karte, sondern wegen seines Verhaltens, das in den kleinen Dingen vermochte Brücken zu schlagen.

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Amerika zu verlassen fiel dieses Mal schwerer als sonst, trotz der nach wie vor unerträglichen TV-Programme [2] samt alle ihrer Werbung in der es um das Schlankwerden geht, trotz der nach wie vor konservativen moralinsauren Positionen der Protagonisten der nationalen Heilslehren, trotz der nicht enden wollenden Berichte über das Virginia Tec Massaker und seine Folgen [3].

Es muss ja nicht gleich Santa Barbara sein, um einen neuen Fixpunkt in den Staaten zu fixieren.

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Ein Haus am Wasser in Oxnard und mit einem kleinen Flughafen in der unmittelbaren Nachbarschaft würde es auch schon tun.

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Und für die Hinterbliebenen in Deutschland wird der IRIS-Serendipity-Preis gestiftet und alljährlich verliehen, damit zumindest der Heimflug von der Steuer als Betriebskosten abgesetzt werden kann.

[1Das nach einem nicht verifizierten Bericht der Aldi-Gruppe gehört.

[2Selbst in dem hochgelobten Discovery-Channel-Programm wird ein Film über die Austreibung von Dämonen durch einen dafür qualifizierten Laienpriester als Teil des Vormittagsprogramms der Serie „Haunted“ gezeigt.

[3Während die all-täglichen Toten im Irak in keiner Weise in einer vergleichbaren Art und Weise gewürdigt und in das Licht der Öffentlichkeit gestellt werden