Über das Verschwinden der DDR

… aus den Köpfen jener, die in ihr aufgewachsen sind.

Das Leben am Prenzlauer Berg in Berlin spiegelt sich in den Augen der Zugereisten ab als das Dasein in einer immer noch ebenso unaufgeräumten wie aufgeputzten Nachbarschaft. Vorteilhaft, dass noch nicht alles dort zu Tode saniert wurde, aber zugleich auch seltsam anrührend zu sehen, wie von der Geschichte dieses Kiezes in den Alltags-Geschichten der dort Alteingesessenen / Aufgewachsenen nicht mehr viel übrig geblieben ist.

Es ist nicht mehr so recht die Heimat der dort Alteingesessenen und immer noch nicht so ganz die Heimat all jener, die dorthin für oft grosses Geld zugezogen sind. Dabei ist diese Ecke ein Ort, an dem man sich sicherlich durchaus wohlfühlen mag. Sei es, weil man dort sein Leben investiert hat, oder sein Geld.

Und das gilt nicht nur für die sogenannten Privat-Leute. Als der Politologe Werner Schauerte und der Erzieher Ludwig Rieswick vor mehr als 10 Jahren in Neuköln ihren ersten Bio-Mini-Laden eröffnet hatten – ob sie damals schon daran gedacht hatten, am Sennefelder Platz den grössten Bio-Super-Markt Europas zu eröffnen?

Der Name ist Programm und sogleich ein ganz pragmatisches Branding für das zuvor in diesen wenigen Zeilen Beschriebene: die heute aus vier Geschäften bestehende Einrichtung heisst: „LPG BioMarkt“.

Dabei habe „LPG“ „nichts mit der DDR zu tun, sondern heißt Lecker, preiswert, gesund“. So die alte Westberliner Tageszeitung „Der Tagesspiegel“ vom 6. Mai 2007. In der Berliner Zeitung vom 22. Januar 2007 war von diesem Vorhaben noch als einem jener Projekte die Rede, dass dazu führen würde, dass „im Szenekiez […] die letzten Brachen“ verschwinden würden, „Dank“ einen Komplex mit Luxuswohnungen, einem Hotel, einem Ökohaus und eben diesem neuen Bio-Markt.

Die „LPG“ über sich selbst be-schreibt das so: Die LPG versteht sich auch als Kiez-Projekt, das zu sozialen, ökologischen und kulturellen Themen Stellung bezieht. Seit jeher unterstützen wir in unterschiedlichster Form Projekte und Einrichtungen, die Kinder und Jugendliche fördern – und unterstützt auch zu Pfingsten 2007 wieder den Karneval der Kulturen.

Im Rest des Jahre geht es weiter - mit dem all-täglichen Karneval von West und Ost.


PS. Dieser Text entstand nach einer langen Nacht am Kollwitz-Platz in der Remise eines der dort renovierten Häuser, wo sich Ost und West bei einer abendlichen Büro-Einzugs-Party auf das wohlgefälligste trafen und sich "von beiden Seiten das Beste" im geselligen Miteinander zu unterbreiten verstanden.

Besonders beeindruckend - und offensichtlich auch hilfreich für diese neue Form der Verständigung - die in der fortgeschrittenen Nacht neben der verglimmenden Grillkohle kommunizierte Selbsterfahrung, dass man sich kaum noch an die selbst erlebten Initiationsrituale bei den Jungen Pionieren und der FDJ erinnern konnte. Besonders beeindruckend auch, dass besonders "typische Handbewegungen" und Handlungsrituale immer noch besser vergegenwärtigt werden konnten als die dazugehörigen Worte und damals eingeübten Phrasen und Losungen. Das - auch an sich selbst angesichts "der Anderen" - zu entdecken gab Anlass zu vielerlei Gelächter - über sich selbst und über die Zeit, die man so selbst-vergessend erlebt hat.