Traum Welten

Ist es nicht toll, wenn während des Schlafes Dinge passieren, die nichts, aber auch gar nichts mit dem bisherigen eigenen Leben zu tun haben: Und die – zumindest im eigenen nächtlichen Erleben – dennoch stattgefunden haben? Es sind Stücke aus dem Tollhaus, das wir selber noch nie betreten haben, und die sich dennoch vor uns als Teil unserer eigenen Lebenswelt entfalten.

Nun mag man meinen, dass Träume, selbst wenn man sich ihrer noch am nächsten Tag erinnern kann, überhaupt nicht alltagsrelevant sind. Dass das, was man an diesem anderen Ort in dieser anderen Zeit erlebt hat, eben nur in den kühnsten Träumen denkbar ist – zum Beispiel: dass man seiner Liebsten hilft ein Kind zu Welt zu bringen, das dann mit dem Namen Leo (als Junge) oder Lea (als Mädchen) für das Fortleben des eigenen Geschlechtes in seinem Königreich einstehen wird – und nichts zu tun haben mag mit dem Hier und Heute der eigenen Lebensgeschichte.

Was aber, wenn man den Besuch auf der alten Burg - andere sprechen von einem ehemaligen Schloss - Castelo de São Jorge auf dem höchsten der 7 Hügel Lissabons auf diese Weise „verarbeitet“ hat? Wenn einem die Stadt und das Leben dort so sehr gefallen hat, dass man angesichts dieser alten Mauern mehr erlebt hat, als einem das Auge, der Reiseführer und die Multimediainstallation anzubieten haben? Was wäre, wenn Steine hätten sprechen können und wir nur keine Möglichkeiten (mehr) hätten, ihnen zuzuhören?

Vielleicht waren diese nächtlichen Bilder auch wie eine Reaktion auch auf das, was in den wieder hergestellten Räumen an Exponaten ausgestellt worden war: Eine grosse Bilderwand war dort zu finden, aus vielen Vierecken zusammengesetzt, in der in artistisch hoch sensibler Form die Geschichte der Stadt als „Son et Lumiere“-Event dem Publikum vorgestellt wurde. Und an anderer Stelle waren gleich am Eingang viele Monitore aufgestellt und kaleidoskopartig hinter einer grossen Glaswand miteinander technisch wie bildästhetisch verknüpft worden, um die grosse Geschichte vorzuführen, in der dieses Riesenbauwerk eingebunden war. Das Interessante und in gewisser Weise verstörende an diesen Eindrücken war, dass all diese wohl inszeniert mit ihrem eigenen Informations- und Unterhaltungswert daherkamen – und doch irgendwie „total daneben“ lagen.

Dieses war der Ort, der – nach den Phöniziern und Römern – eine „Hochburg“ des muslemischen Lebens war, bis dass die Burg 1147 von den Truppen des ersten portugiesischen König Afonso Henrique erobert wurde. An eben diesem Ort ward später Vasco da Gama von König Manuel dem Ersten empfangen, als dieser von seiner Seereise bis nach Indien zurückgekehrt war. Und hier – jetzt kommt’s - kam es zu einer der ersten grossen Theateraufführungen des Stückes „Auto do Vaqueiro“ von Gil Vicente aus Anlass der Geburt jenes Kindes, das der zukünftigen Königs João der Dritte sein würde.

Dieses letzte Detail wurde erst bei der Vorbereitung dieses Textes nach dem nächtlichen Traumerleben entdeckt – und macht die ganze Geschichte noch umso toller, da in einer zweiten nächtlichen Traumsequenz Bilder und Szenarien einer Wiederbegegnung mit vielen Theatermenschen – unter ihnen Werner Rehm, Jutta Lampe, u.v.a.m. – aus der Zeit der eigenen Theaterarbeit im Mittelpunkt gestanden hatten: Und das in einem Theater, dass sich in Grösse und Weiträumigkeit weit von den selbst erlebten Häusern in Bremen, Berlin, Frankfurt, selbst Mailand und Paris deutlich unterschied. Das aberwitzigste an diesem Traum aber war die Begegnung mit einem Schauspieler, der mich mit seinem „Auto“, einem alten offenen Fiat 700 Cupé, innerhalb des weiträumigen Areals mit auf Tour genommen hatte…

Cut – Schnitt – Finito: Schluss – Aus – Feierabend !

Was sollen denn solche Geschichten und Zusammenhänge in einer Publikation die sich schon mit ihrem Namen „DaybyDay“ ganz und gar ausserhalb und jenseits solcher „Spökenkiekerei“ angesiedelt hat.

Solch eine Aufzeichnung soll zumindest von der Aufrichtigkeit zeugen – und dazu Mut machen - all das selbst Erlebte, sei es vom Tage oder aus den Zeiten des Schlafs, als Teil der eigenen Wahrnehmung zu akzeptieren. Auch wenn natürlich ein Theaterstück mit dem Namen „Auto de Vaqueiro“ in einem portugiesischen Burghof anlässlich der Neugeburt eines zukünftigen Königs mit Namen João (und nicht Leo) mit der extrem oberflächlichen Verknüpfung der eigenen Theatererfahrung und einem Schauspieler, der ausgerechnet in einem offenen „Auto“ des Weges daherkommt nun objektiv wahrlich nichts damit zu tun haben mag, so sei zumindest dieser Impetus der Offenheit gegenüber der eigenen Beobachtung dieser Aufzeichnung angerechnet – wohlwissend, dass Andere eine solche Sicht der Dinge als schieren Unsinn werden disqualifizieren wollen.

Den Seinen, so heisst es so schön, gibt es der Herr im Schlaf.
Das heisst weder, dass man die ganze Wirklichkeit schlicht und einfach verschlafen solle, noch dass man glaubt mit traumwandlerischer Sicherheit handeln zu können, nur weil man die Stimmen aus dem Jenseits gehört zu haben glaubt. Gesagt wird damit vielmehr nur, dass es mehr gibt zwischen Himmel und Erde, als uns dieser schmale Streifen am Horizont zu erschliessen bereit ist.
Jeder Horizont kann für den Einen des Ende einer Welt bedeuteten und doch für den Anderen als Herausforderung verstanden werden, sich die Welt jenseits ihrer aktuellen Grenzen untertan zu machen. Wer dieses wie Vasco gewagt hat, muss in die Sterne schauen können und wissen, wie man sich eines Sixtanten bedient. Um in den Sternen lesen zu können, muss es Nacht sein und es bedarf eines klaren Himmels. Und auch um sich in der eigenen Welt jenseits des Alltags verorten zu können, bedarf es der Nacht, eines guten Schlafes - und eines klaren Kopfes.