Weisst Du noch…

Wenn man es nicht selber erlebt hätte, so gibt es keine wirklich einprägenden Bilder, die heute noch die Stadt Lissabon als ehemalige EXPO-Stadt auszeichnen. Selbst der Pavillon Portugals oder der „Grosse Bahnhof“ – die sich auch heute nach als Zeichen dieser Zeit in ihrer Umgebung herausheben, sind für einen neu zugereisten Unwissenden nicht unmittelbar erkennbar.

Keine Logos mehr, keine Fahnen, kein Maskottchen, keinerlei Anzeichen mehr all jenen „bunten Treibens“, das damals dieses neu erbaute Gelände beherrscht hatte. Statt dessen noch die jetzt ständig wiederkehrende Frage: „weißt Du noch, als …“ und dann wird eines der vielen, vielen Ereignisse zitiert, die damals im eigenen Beisein auf diesem Gelände stattgefunden haben.

Das erste, was angesichts dieses Ortes nach fast einem Jahrzehnt wirklich prägt, ist, wie wenig die Prägungen dieses Ortes die Zeit im eigenen Erinnern überlebt haben. Es braucht einer echt freundlichen Animation, die einem wie einem Fremden erklärt, was sich damals auf diesem Gelände abgespielt hat – und das – obwohl man selber aktiv daran beteiligt war.

Um vor diesem Erschrecken über solch ein „trou noir“ hinwegzukommen [1] wird dieser Eindruck verglichen mit dem Eindruck vom Messegelände in Hannover. Und festgestellt, dass es dort ein vergleichbares Phänomen festzustellen gibt: die für diese Gelegenheit neu errichteten Gebäude stehen zwar noch da, auch in Hannover sind sie heute nicht mehr als offen-sichtliche Botschafter dieser Zeit erkennbar.

Interessant in diesem Hintergrund der Besuch in Sevilla. Im Gegensatz zu Lisboa und Hannover ist das Gelände bei dem letzten Besuch eher als eine Geisterstadt in Erscheinung getreten. Und gerade ihr beginnender Verfall und die weit weniger gelungene Nachnutzung geben ein deutlicheres Zeichen auf das Vergangene ab, als an den anderen besuchten Orten.

Vielleicht ist es zu harsch, von der Investitionsruine in Spanien zu sprechen, aber dieses Wort gefällt in soweit, als mit dem Begriff der Ruine eine ganz eigentümliche Attraktivität verbunden ist: Als ein Ort, in dem das Erinnern an eine vergangenen Zeit organisiert und kultiviert wird. – Es ist das erste Mal, dass im Rückgriff auf diese Erfahrung ein „gewisses Verständnis“ dafür entwickelt wird, dass auch andernorts – selbst in Berlin – neue Gebäude in der Gestalt einer Ruine erreichtet worden sind.

Früher wurde in der eigenen Sicht solch ein Tun als Ausdruck eines morbiden, ja perversen Geistes abgestempelt und keiner weiteren Beachtung geziehen – heute machen diese hier kurz skizzierten Beobachtungen vielleicht den Weg frei für eine andere Betrachtung dieser Form von Architektur: Als Inszenierungen für die Wiedererweckung einer kollektiven Erinnerung, auf die sich die Einzelperson nicht mehr re-aktiv beziehen kann.

Vielleicht kann mit solchen Bauinszenierungen nur das „haut-gout“ einer vergangenen Zeit, ja vielleicht auch nur über die Vergänglichkeit der Zeit in die aktuelle Wahrnehmung gezerrt werden. Vielleicht ist ein solcher zusammengesetzter Steinhaufen wirklich nur der Höhepunkt des Kitsches und als solcher die unflätigste Opposition einer wahrhaft historischen Reminiszenz. Vielleicht gebührt ihm kein höherer Wert als das „Classic“-Label auf der Dose mit dem seit Längerem auf dem Markt eingeführten Pulverkaffee. Und dennoch: die Frage bleibt die Frage wie Geschichte anders vermittelbar bleibt als durch die dreidimensionale Inszenierung von Geschichten, die durch „Mark und Bein“ gehen.

[1Vielleicht ist der tiefer liegende Grund auch auf den Umstand zurückzuführen, dass es zwar im Zusammenhang aller Weltausstellungen der letzten Jahrzehnte immer wieder Ansätze zur Zusammenarbeit mit den Organisatoren gegeben hat und diese auch in das eine oder andere Projekt gemündet sind, dass es aber bei keiner dieser hier genannten Veranstaltungen, sei es in Sevilla, in Portugal, in Hannover oder zuletzt in Japan wirklich zu einer kontinuierlichen Zusammenarbeit gekommen ist, die zu einem Element, Bauwerk oder Ereignis geführt hätte, das sich als wirklich bahnbrechend in die kollektive Erinnerung der Besucher eingenistet hätte. – Die bitterste Erinnerung geht auf die frühen Verhandlungen mit der Planungsgesellschaft der Expo in Hannover zurück, in deren Verlauf die Mail-Adresse expo2000@t-online.de eingerichtet und dann mit einer anwaltlichen Abmahnung beantwortet wurde…