Strand-Leben

Den nachfolgenden Beobachtungen vom Strand in Sesimbra ist folgende Vorbemerkung voranzustellen.

0.

Dieser Text ist für das Datum Montag, den 9. Juli 2007 eingestellt worden, da der für das Wochenende, den 07.07.2007 vorgesehene Platz bereits mit einem anderen, diesem Datum gemässen Notat belegt worden ist.

Nun ist allerdings festzuhalten, dass es sich mit diesem an einem Arbeitstag eingestellten Text dennoch um eine Aufzeichnung vom Strandaufenthalt vom vergangenen Wochenende handelt.

Diese Vorbemerkung ist notwendig, nachdem vor einigen Jahren von der Steuerprüfung eine Dienstreise nach Brasilien zu einer ITU-Tagung nicht anerkannt wurde, da diese in die deutsche Osterzeit fiel – und damit nach deutschem Steuerrecht als zeitweiser Privataufenthalt bewertet wurde. Privates Verhalten und sich Aufhalten, das sei aber nur an den Wochenenden gestattet und die Osterfeiertage hätten sich aber über eine längere Zeit als ein Wochenende erstreckt.

I.

Und nun doch. Hier soll nicht über die Arbeit geredet werden, sondern über die Zeit des Wochenendes am Strand. Am kommunalen Strand von Sesimbra, einer kleinen Gemeinde mit vielleicht 25 tausend Einwohnern im Süden von Lisboa, in der sich klassischer Fischfang und moderner Tourismusbetrieb gegenseitig die Hand gereicht haben.

Sicherlich, am Freitagabend als auch am Sonnabendvormittag stehen die Wagen stadtauswärts dreispurig Schlange, um nach und nach über die Brücke des 25. April auf der A2 in Richtung Süden zu gelangen. Aber wer lange in Paris oder anderen grossen Städten gelebt hat weiss, wie das ist. Man hat sich darauf eingestellt und mehr und mehr Autos sind entweder als Cabrios geöffnet worden oder haben die Klimaanlage in Betrieb gesetzt. Temperaturen von über 30 Grad sind keine Seltenheit und man hofft – zu Recht – dass sich solch gutes Wetter am Wasser und umgeben von den Atlantikwinden besser wird aushalten – ja, geniessen – können.

II.

Der Strand ist schon früh belegt. Mittseits der auslaufenden Festungsmauern des alten Hafens erstreckt sich zu beiden Seiten ein eher schmaler aber weit ausufernder Strand. Die linke Seite ist für diejenigen Herrschaften vorbehalten, die sich für den Tag einen festen Platz mit einem vorinstallierten Sonnensegel anmieten. Die rechte Seite ist die für das gemeine Volk. Daran anschliessend finden sich eine Mole mit Jacht und benachbartem Fischerei- und Militärhafen.

Die Entscheidung ist schnell getroffen. Auf der rechten Seite des Standes gibt es mehr Platz für die Auswahl eines eigenen Ortes, an dem man sich gerne niederlassen – und als Erstes seinen eigenen Schirm aufspannen möchte. Der Sonnenschirm ist an diesem Strand, was in Deutschland – früher einmal? – die Strandburg war. Mit dem Aufspannen des Sonnenschirms – natürlich reicht im Prinzip auch das Ausbreiten eines Badetuchs – wird der eigene Sitz- und Verweilort markiert. Das Ganze erfolgt erfreulich unaufwendig und jeder findet so einen Platz – neben all den anderen schon Anwesenden.

III.

Das ist sowieso das Beeindruckendste an diesem ganzen Arrangement der – am Wochenende – vielen, vielen Leute, die sich zum Badestrand begeben haben. Sie sind sich alle offensichtlich einig in dem gemeinsamen Ziel, eine gute Zeit des Urlaubs und der Entspannung verleben zu wollen. Und sie verhalten sich allesamt so, dass jeder andere dieses Ziel – auf jeweils seine ganz individuelle Art und Weise – so erleben kann, wie man es selber auch möchte.

Dabei herrscht um einen herum alles andere als „eiserne Disziplin“. Es wird viel gespielt, geschwätzt, gegessen und getrunken, telefoniert, sich geneckt und gejagt, gesurft und sogar Fussball gespielt – und doch ist nichts von diesen kleinen und grösseren Aufregungen und Anregungen von der Art, dass sie in irgendeiner Weise als Störung und gar Belästigung empfunden werden könnte. Auch der Aufenthalt der vielen Kinder und Jugendlichen sei im Rahmen dieser Beobachtung ausdrücklich mit erwähnt.

Dass ist es, was als das Besondere an diesem ganzen Wochenende von Beständigkeit ist: Der Respekt vor den Anderen und doch die Freude an dem eigenen Tun - und Lassen zu können, was und wie man will.

IV.

In der Sonne liegen, oder sich vom Schatten des Mittags schützen lassen, und die Augen schliessen und nur hören, was alles um einen herum geschieht. Das ständige vielfältige Reden und Widerreden, ganz selten mal ein Ruf, ein Aufschrei, ein Husten oder Niesen, kaum ein Lautsprecher mit Musik mehr, sodass stattdessen all diesen Hörerlebnissen immer und immer wieder das Rauchen der Wellen am Strand unterlegt ist. Je nach Wind, Tageszeit und Tide mal stärker und mal schwächer, mal dominanter und manchmal fast versiegend und doch ein nicht Endenwollendes da capo der Versicherung, dass man sich wirklich am Strand an der Atlantikküste aufhält.

Es ist wirklich alles da, was man sich wünschen kann, selber wenn man die Augen geschlossen lässt und sich stärker auf den Geruchssinn konzentriert, gibt es ein abwechslungsreiches Spektakel von Gischtgeruch und vereinzelten Schwaden von aufgetragenen Sonnencremes und –ölen, von Fischgeruch und Holzkohlenfeuer, das vor allem mit Beginn der Mittagszeit in den vielen umliegenden Restaurants entzündet wurde.

Gegen Abend dann werden die Eindrücke, die von der Strasse kommen stärker, die Vielfalt der vorbereiteten Speisen, so ist in der Nase zu verspüren, wächst an, ebenso wieder Verkehr auf der Strasse, die oberhalb des Strandes und einer darüber befindlichen Brüstung entlang führt.
Besonders nachhaltig und beeindruckend sind die Subwoofer in den langsam vorbeifahrenden Pkws, oder aber die kurzfristig zum hochtourigen Heulen aufgescheuten Motoren in den mit greller Farbe und Heckspoilern aufgemotzten Kleinwagen. Oder gelegentlich ist auch mal eine Eintausender Yamaha an ihrem unverkennbaren Getöse herauszuhören.

V.

Und doch. Trotz alledem und vielleicht sogar auch deswegen. Diese Tage am Strand lassen nicht den Wunsch nach viel Lektüre oder Unterhaltung aufkommen. Es ist vielmehr dieses Eintauchen in die einen umgebenden Gerüche und Geräusche, das sich darauf Einlassen, das den besonderen Reiz diese Tage ausmacht. Man tut nichts und doch sind die Sinne durchaus beschäftigt. Die Augen sind bedeckt, Ohren und Nase weit geöffnet, die Lippen sind weich und glatt und lassen ahnen, was einem alles widerfährt - die Sonnenstrahlen zupfen an Haut und Haaren und dann kommt immer wieder ein kleiner und manchmal auch etwas heftiger Wind daher und lässt einen spüren, wo man ist und wer man ist.

Wäre man Faustus, könnte man sich durchaus so einen Satz wie „verweile doch, Du bist so schön“ zumindest leise denken – ohne eigentlich dieses Du wirklich in all seinen Dimensionen erfasst zu haben. Es hat einen erfasst – in dem sich alles um einen herum für sich selber da ist – und doch auf gerade eben diese Weise auch für einen selber: Die Menschen und das, was sie tun. Die Natur und das, was sie tut. Ja, selber der Sand und die Steine, die nichts tun und doch auf ihre Weise auch für einen da sind.

So erlebt man – ganz einfach und ohne weiteren Aufwand – das Dasein.