Familienpflichten

Es gibt im Rückblick auf diese Woche gleich mehrere Ereignisse, die nicht Gegenstand der Berichterstattung und Reflexion sind: die Einladungen der ARD in das Hauptstadtstudio und die von Bertelsmann in ihre Repräsentanz unter den Linden von Berlin, die Fahrt in den Sinkkasten nach Frankfurt und zum letzten Tag der Documenta nach Kassel.

Und es gibt im Rückblick auf diese Woche auch die Begegnung mit einem seit vielen Jahren bekannten Mann, der sich noch nach seiner Lebensmitte von seiner Frau hat trennen lassen und jetzt mehr denn je davon lebt, überall dorthin zu fahren, wo – die von ihm selbst oft mit angezettelten Ereignisse – „angesagt“ sind.

Und es gibt die Begegnung mit einem Freund, der nach seinen Wohnsitzen in Hannover und jetzt Stuttgart nach zwei Tagen in der Hauptstadt meint, dass Berlin sein eigentlicher Lieblingsaufenthaltsort sei. Zur Begründung gibt er an, dass es hier ständig so viele Dinge gäbe, an denen sich eine Teilnahme lohnen würde. Und dass selbst dann, wenn man dieses nicht tun würde, dieser Umstand ein unwahrscheinlich grosses Plus darstellen würde.

In all diesen drei Reflexionen aus dieser Woche geht es immer wieder um das gleiche Thema: „dabei“ sein zu wollen – und zu können. Und dass dieses überhaupt Gegenstand einer öffentlichen Reflexion ist, ist der Umstand, dass sich mehr und mehr zwei ganz unterschiedliche, ja, widersprüchliche Tendenzen abzeichnen, die sich beide in der letzten Zeit immer weiter verstärkt haben und Gefahr laufen, immer weiter auseinanderzudriften.

Zum Einen ist es in der Tat die Notwendigkeit, zur Erreichung bestimmter persönlicher als auch wirtschaftlicher Ziele das Gespräch zu suchen – und Empfänge und andere Einladungen zu Events dieser Art sind dafür ein guter Anlass. Zum Anderen ist es die Erfahrung, dass oftmals „weniger“ „mehr“ ist: die Begegnung mit einer weniger grossen Anzahl von Menschen bei gleichem Zeiteinsatz zur Folge hat, dass die einzelnen Gespräche wesentlich „bedeutungsvoller“ werden und die Möglichkeit in sich bergen können, nachhaltiger zu wirken.

Als dritter Punkt kommt die Frage hinzu, ob und inwieweit es sinnvoll oder sogar notwendig ist, dass Gespräch nicht auf bilateraler interpersonell zu führen, sondern auch öffentlich: vor Publikum. Solche, wie oben angedeutete „Events dieser Art“ schliessen immer auch die zuvor genannten Möglichkeiten mit ein: von einer Vielzahl von Menschen als – potenzieller – Gesprächspartner wahrgenommen zu werden und zugleich auch die Chance zu haben, von Personen angesprochen zu werden, die einem zuvor noch nicht bekannt waren und die sich aufgrund der eigenen öffentlichen Darstellung von Person und Meinung an einen wenden.

In dieser Woche nun fielen fast alle der hier diskutierten möglichen Formen der Begegnung - mit Ausnahme der Begegnungen mit Chuck Leavell [1] und Steve Jobs [2] – unter den Tisch, da es als Wichtiger angesagt war, sich auf die Erledigung von Aufgaben zu konzentrieren, die einem von Seiten der Familie an einen herangetragen worden sind. Dass die Erfüllung der selben oft in ihrem „Ranking“ weit weniger bedeutend sein mochte als die eine oder andere für die berufliche Fortentwicklung entscheidende Begegnung steht auf einem anderen Blatt.

Jetzt, nachdem diese Aufgaben aus dem persönlichen Umfeld ohne Fehl und Tadel haben ausgeführt werden können, soll nochmals ein Moment Zeit für die Frage eingeräumt werden, ob es sich auch im Nachherein um die richtige Prioritätensetzung gehandelt haben mag. Vordergründig lautet die Antwort: „Ja“ – zumal die im persönlichen Umfeld gesetzten Aufgaben alle abgearbeitet, erledigt und damit auch bewältigt werden konnte.

Und dann wird bei längerem Nachsinnen klar, dass es nicht einmal gelungen ist, in den vergangenen Tagen neben den "Haus-Aufgaben" all jene Kontakt mit jenen Personen weiter ausgiebig zu pflegen, mit denen schon zuvor ein ausführliches persönliches Gespräch stattgefunden hat: Also wird anstatt weiterer Reise- und Terminplanungen zunächst einmal dieser Text fertiggestellt und all jenen gewidmet, mit denen es auch heute gut gewesen wäre, das aufgenommene Gespräch fortzusetzen.

WS.