Welcome to America LH/UA

Frankfurt Flughafen. Mit Verspätung am Finger A angedockt. In Berlin waren die Sicherheitskontrollen so schleppend verlaufen, dass ein Start „in time“ unmöglich geworden war. Ausgestiegen aus dem Lufthansa-Airbus, sogleich die Suche nach der neuen Abflugadresse aufgenommen. C8. Immer den Pfeilen lang. Und die führen einen zu einem Fahrstahl. Und dieser bleibt auf der dritten Ebene stehen und der Pfeil weist auf eine weiter in die Höhe führende Treppe. Wohin nur? Richtung C, sagt der Pfeil. Und noch eine Treppe höher. Und noch einen Gang weiter. Das Gepäck an schmerzenden Handgelenk, da es keine Rolltreppe gibt. Schliesslich geht es nicht mehr weiter hoch. Stattdessen einen erneuten Gang entlang. Und dann kommt man auf eine Art Bahnhof. Auf der irgendwann ein Schienenzug einfährt. Wie von Geisterhand gesteuert. Und eine Lautsprecherstimme lädt dazu ein, den Wagon zu betreten, um in Richtung C zu gelangen. Das ist schon der nächste Halt, an dem es wieder auszusteigen gilt. Und dann wieder zwei Ebenen weiter nach unten, dieses Mal mit Rolltreppen. Und dann stehst Du ganz und gar von allen guten Geistern verlassen inmitten der Haupthalle – und suchst nach dem Finger C. Eine Chinesin schreit einen Mann in Uniform an und sein hilfloser Blick erlaubt es aufgefangen zu werden um nach „C“ zu fragen und eine Richtung angezeigt zu bekommen. Und dann geht der Weg weiter. Wie in ein Nirwana. Mit kaum noch Leuten um einen herum. Vorbei an einer Bordkarten- und dann an einer Passkontrolle. Und weiter geht’s und immer noch weiter. Nach C1 geht es rechts ab, alle weitere C-Nummern: links halten. Und dann wieder recht. Und wieder links. Bis zu einer Rolltreppe, die eine Eben weiter nach unten führt. An vielen Glasbarrieren vorbei bis zu einer kleinen silbernen Terminal, an dem erneut das gesamt Gepäck – und man selber – untersucht wird. Alles ist leer. Ein riesiger leerer Wartesaal. Ein Russe tritt einem deutschsprechend entgegen, während am Schalter der Sitzplatz mit einem anderen getauscht wird. „Nicht die Adresse vergessen“, sagt er zur Frau, die den neuen Sitzplatz neu ausdrucken lässt. Und dann verstellt er einem mit seinem breiten Rücken den Weg, bis er von einem Kollegen angefahren wird, doch bitte den Weg für den Passagier freigeben zu wollen. Und ein Inder fragt in deutscher Sprache, ob das Gepäck die ganze Zeit mitgeführt und von niemand Fremdes etwas angenommen worden sei. Und dann – schlussendlich – geht es mit einem Lift wieder eine Ebene höher und erneut durch einen Gang… bis schliesslich ins Flugzeug nach San Francisco.

Noch gar nicht richtig eingestiegen wird klar, hier ist etwas anders als auf dem Flug von Berlin nach Frankfurt [1]. Das Personal ist eine viel breitere Mischung von Jung und Alt - und von Weiss und Schwarz. Man wird sofort auf Englisch, genauer, US-Englisch angesprochen und an seinen Platz geleitet. Und da noch einige nicht besetzt sind und man einer der letzten noch zusteigenden Passagiere ist, wird einfach in der Nachbarschaft des eigenen ausgesucht der noch mehr Beinfreiheit zulässt. Bevor der neuen Platz eingenommen wird, ist es gut noch etwas stehenzubleiben. So kann der Schweiss von dem Flughafenparcour getrocknet und Orientierung in diesem Reisenflieger gesucht werden. Wir sind offensichtlich in einer Boeing 777 [2] und das Boarding ist so gut wie abgeschlossen. Aber die zunächst angenehm kühle Luft auf dem Körper macht alsbald Angst – vor einer Erkältung. Und so werden nach und nach wieder die Jacke über das Oberhemd gezogen. Und alsbald auch noch eine gefütterte Weste oben drüber. Aber selbst das reiche nicht aus. Sobald der neue Sitzplatz eingenommen und damit für sich selbst „erobert“ worden war, wurden die Luftdüsen überprüft. Aber sie waren geschlossen, es war die zentrale Klimaanlage, die einen mit fortwährend andauernder Eiseskälte umströmte. Also wird über die Weste schliesslich auch noch eine gefütterte Windjacke übergezogen – und alsbald danach die Beine und Füsse mit einer wollenen Decke eingepackt. Es ist kalt. Und das ist Luxus. Willkommen in America.

Im weiteren Verlauf wird allzu schnell klar, warum die Agenten am Lufthansaschalter allzu schnell die Augenbrauen unmerklich und doch erkenntlich hochzogen, als sie bei der Auswahl der Flüge mit Bedauern darauf hinwiesen, dass es nur noch United Airlines Flüge gäbe, auf denen Sie noch einen einigermassen finanzierbaren „Holzklasse“-Platz haben anbieten können. Der einzige Service, der vor dem Essen angeboten wird, sind die Eiswürfel in den wenigen ausgesuchten Getränken. Die Frage nach den eiskalten Luftströmen wird mit dem Hinweis abgetan: so ist halt das Leben. Und der Wunsch nach einen Bier respektive einem Glas Wein wurde mit dem Hinweis beantwortet, dass jedes dieser Getränke zum Preis von 5$ realisiert werden könne. Und auch er unerfreulich Rest ist schnell erzählt. Die Ansagen in den Lautsprechern sind einem Krächzen so nahe, dass Nichts davon verständlich ist. Und wenn man die Kopfhörer aufsetzt wird die dort eingespielte Musik von einem Tonträger abgespielt, der so was von „unrund“ läuft, dass von einem „Hörvergnügen“ auch nicht im Entferntesten die Rede sein kann. Schliesslich wir die erste Serie von Filmen gestartet. Und dann wird nach wenigen Minuten das ganze Programm wieder gestoppt, die die gezeigten Programmen mit den zuvor angesagten in keiner Weise identisch waren.

Was also tun? Den Rechner hervorholen und all dieses Aufschreiben. In Momenten wie diesen, in denen man so deutlich auf sich zurückgeworfen wird, ist es wichtig, zumindest mit sich selber im reinen zu sein. Und sich auf die neuen Verhältnisse einzustellen. Also wird auch gleich die Uhr [3] auf die neuen Verhältnisse um- und eingestellt, ostentativ die Bascap mit dem Schriftzug „Digital Cinema Society“ auf dem Kopf gelassen und beim Eintrag in die Formulare für den US-amerikanischen Heimatschutz und den Zoll wird – was sonst so gut wie nie geschieht - der eigene Nachname gemäss deutscher Regeln mit einem „Dr.“ eingetragen – aus Trotz, Rache, Eigensinn???

Willkommen in den USA? Nein, man ist eigentlich nicht wirklich willkommen, wird in diesem Flugzeug nicht wirklich willkommen geheissen. Glücksgefühle werden nicht in kleinen vorkonfigurierten Service-Portionen verpackt übermittelt. Die muss man sich schon selber machen – oder besorgen, ab 5$ aufwärts. Man bekommt das, was man von einem „Carrier“ erwarten kann, den Transport – aber auch nicht den Ansatz desssen, was sogar die Strassenfeger auf ihren orangenen T-Shirts stehen haben: „we kehr for you“.

WS.

[1Dort wurde das Ticket von einem netten jungen Mann aus Siri Lanka ausgestellt, der auch deutsch sprach und es auf gut und gerne eine geschlagene Viertelstunde gebracht hat, bevor die drei Bordkarten ausgestellt worden waren.

[2Was später durch einen leicht zerfledderte Sicherheitsinformationsfolder bestätigt beim Nachsehen bestätigt wird.

[3mit den zwei „Händen“ die eine zeigt die Zeit „vor Ort“ an und die andere die in der Heimat