Lischka lesen "wie gedruckt"

Konrad Lischka schreibt in der Spiegel-Online Netzwelt wie in Zukunft "eine Welt ohne Journalismus klassischer Prägung aussehen" würde.

Er fasst seine Ausführungen in den Folgenden "Fazit"s zusammen:

- Wenn Mittler wie MySociety so etwas wie Massenmedien werden, könnten sie eine ähnliche Kontrollfunktion erfüllen wie die Massenpresse heute. Nur würde gerade das ihrem extrem lokalen und individualisierten Prinzip widersprechen.

- Der Grundkonsens, was relevant ist, entsteht heute im Web im Prinzip nach dem alten Massenpresse-Prinzip. Es gibt keinen Mechanismus, der die Relevanz frei verfügbarer Informationen erkennt - das übernehmen Menschen. Und sie finden Gehör, wenn sie sich in einem Medium vor einem leidlich großen, unbestimmten Publikum äußern. Ohne Massenpresse hätte so schnell niemand die Brisanz der Facebook-AGB erkannt oder von der umstrittenen Entfernung einer israelischen Fahne bei einer Demonstration in Duisburg erfahren, über die zuerst das von Journalisten betriebene Blog Ruhrbarone schrieb.

- Zur Verbreitung von Veranstaltungshinweisen, Vereinsnachrichten und Verlautbarungen gibt es bessere Kanäle als die traditionellen Medien. Was immer weniger Menschen unmittelbar und kaum jemanden mittelbar betrifft oder interessiert, ist in einem Medium für ein großes und heterogenes Publikum fehl am Platz.

Dennoch bleiben die folgenden wichtigen Fragen offen:

- ist "Online"- per se - wirklich der "bessere Medienwächter", weil es schneller ist und weil es sich noch eher der Zensur zu entziehen weiss? [1]

- sind diese Vorteile auch "Werte von Dauer"? Von einer Nachhaltigkeit, die schon den Nachrichten mit dem Satz abgesprochen wird, nichts sei älter als die Zeitung von gestern.

- ist die "Relevanz" einer Meldung über die Attraktivität und Popularität, die ihr zugemessen wird, wirklich adäquat definiert?

- was sagt ein noch so hipper Hype über die Bedeutung der Wertigkeit einer Nachricht "wirklich" aus? Mit dem Wort "wirklich" wird nach der aktuellen Wirkkräftigkeit ebenso gefragt wie nach der Qualität im Sinne der Bedeutungsstiftung.

- helfen Online-Medien-Informationen und Meinungen bei der Urteilsbildung als Referenzcluster oder sind sie nichts anderes als der elektronische Schnee von Morgen, dessen Attraktivität eher in seiner alsbald dahinschmelzenden Vor-zeitigkeit liegt als in seiner auf Dauer wirkenden Vorzeigbarkeit?

[1Dazu Jimmy Wales " Ich denke nicht, dass eine Enzyklopädie als eine Quelle in einer akademischen Arbeit vorkommen sollte." in der FAZ.net vom 20. Februar 2009: "Das Internet zu zensieren ist unmöglich."