Geburtstag von O.E.Hasse vor 100 Jahren

Heute vor 100 Jahre wurde O.-E. Hasse geboren. Einer jener "großen" und schwierigen Schauspieler, den ich noch als junger Mann bei ihrer Arbeit kennengelernt habe: 1969 bei den Freilicht-Festspielen in Bad Hersfeld, wo ich mein erstes Theater-Engagement hatte: als Volotär, Assistent, Statist und Tonmeister.

Als Statist erlebte ich ihn fast hautnah auf der Bühne als Caesar in "Caesar und Cleopatra" - und er mich. Als einer der Negersklaven, die die Szenerie mit der entsprechenden "Folklore" zu beleben hatten, musst ich ihm allabendlich laut Regie Speisen und Getränke an sein Ruhelager bringen.

An einem Abend hat er mir mit einem extemporierten Text zu einem frühzeitigen Abgang verholfen, für den ich im heute noch dankbar bin. An diesem Abend hatte es so sehr zu regenen angefangen, dass über dem Zuschauerraum mittels aufwendiger Mechanik, Motorkraft und Gewinden ein überdimensionaler Regenschirm über dem gesamten Zuschauergefiert aufgespannt werden musste. Das Bühnenpersonal dagegen hatte im Regen stehen zu blieben und weiterzuspielen.

Was wir aber nicht bis in letzter Konsequenz durchdacht hatten: mein nur von schwarzer Farbe bedeckter ansonsten aber weitgehend unbekleideter Körper begann sich zunehmend zu entfärben. Die schwarzbraune Wasserschminke hielt dem Regen auf Dauer nicht stand und so drohte aus der attraktiven jungen schwarzen Männerschönheit eine Karikatur ihrer selbst zu werden. Die herablaufenden Wassersträhnen hinterliessen mehr und mehr weiße vertikale helle Streifen auf meinem Körper. Diese würden auch bald dem Publikum auffallen müssen. Ich schwitzte "Blut und Wasser", was sie Streifenbildung noch verstärkte.

O.E.Hasse auf seiner Ruheliege im Dialog mit Cleo wurde meiner misslichen Lage sehr schnell gewahr und blizelte mir aus seinen Augenwinkeln fröhlich zu. Mag sein, dass er auch an meiner Gesalt gefallen gefunden hatte, hier feixte er sich aber eines aufgrund meiner misslichen Lage. Es bereitete ihm offensichtlich ein klammheimliches Vergnügen, mich währned seines Spiels in dieser zunehmend vertrakten Situaiton beobachten zu können.

Als dann aber der feine beständige Regen nicht nachließ und sich sein Dialog dem Ende näherte - während ich laut Regie noch auf der Bühne hätte verbleiben müssen - hieß er mich mit einigen spontan hinzugefertigten Zeilen die hohen Hallen zu verlassen, indem er mich nach einem neuen Wein schickte, der aus einer der neu eroberten Provinzen angliefert worden sei.

So konte ich ab ins Off, noch bevor es zu spät war. Und so verschaffte er mir trotz, ja durch meine Not, einen ganz besonderen Ab-Gang vorne enlang der hell erleuchteten Rampe. Pudelnass wie ich war, genoß ich ihn dennoch doppelt. Ich war vor einer Blamage rerettet und mein latenter Exhibitionismus konnte viele Fuß lang diskret fröhliche Urstände feiern. "Walking in the rain", quer durch die unendlich lange Bühne, wurde so für mich zu einem unheimlich starken Abgang.

Dafür nochmals "Dankeschön" an O.E. Hasse.