Zeitenwenden im digitalisierten DRadio

Zur Eröffnung:

Als Bert Brecht noch in seiner Mansardenwohnung in Augsburg lebte, da hatte er an seine Tür einen Zettel befestigt auf dem stand: "Legt Eure Vorurteile ab und bringt mir Ideen mit."

Als Brecht die Dreigroschenoper schrieb, kommen ihm Sätze wie diese in die Maschine: "Was ist ein Dietrich gegen eine Aktie? Was ist ein Einbruch in eine Bank gegen die Gründung einer Bank? Was ist die Ermordung eines Mannes gegen die Anstellung eines Mannes?"

In diesem Tagen lautet der Satz so: "Was hilft gegen den Zusammenbruch einer Bank ausser die Verstaatlichung dieser Bank?

18:40:

In der Sendung Hintergrund Politik des Deutschlandfunks geht es um das am Gründonnerstag diesen Jahres in Kraft tretende sogenannte
Finanzmarktstabilisierungsergänzungsgesetz.

In der Sendung von Dietmar Reiche "Letzter Ausweg Enteignung" geht es darum, dass nach dem Bundestag heute auch der Bundesrat diesem o.g. Gesetz zugestimmt hat. Die Sprecherin sagt:

"Es ist ein historischer Tag. Erstmals in der Geschichte der Bundesrepublik ist die Enteignung von Aktionären möglich, die an Banken beteiligt sind - gegen Entschädigung!"

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21:05:

An diesem Abend sendet der Deutschlandfunk in seiner Reihe "On Stage" den Mitschnitt einer Aufnahme vom 27.Februar 2009 mit Winnie Böwe und dem Ensemble Piaccordia aus dem Theaterkahn Dresden.

Sie sang an diesem Abend jene Lieder "aus Brechts Theaterwerken, die man nicht unbedingt mitpfeifen kann".

Zu diesen gehörte auch das Lied: "In Erwägung" [1]

Welch ein Welten- und Wertewandel: Hatte sich einst der preussische Staat im Verein mit seiner staatlichen Bank mit der grossen französichen Bourgeoisie gegen die aufständischen Einwohner von Paris verbündet, so verbündet sich heute die Grosse Koalition mit der Justiz um sich jenen Kräften zu entledigen, die sie einst selbst gerufen hatten: Hier des Großaktionärs J.C. Flowers. [2]

20:15:

Inmitten dieses Welten- und Wertewandels wird im Feature der Autorenproduktion von Helmut Kopetzky:
"Das Radio als Welterzähler"
 [3]
"Ein Nachruf auf die Magnetbandzeit"
zelebriert:

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Zum Schluss:

Alle hier angesprochenen Themen reflektieren schlaglichtartig lebens-geschichtliche Zeit-Punkte: von der Beschäftigung mit Brechts Drama über den deutsch-französischen Krieg 1870/71 und den "Tage[n] der Commune" bis hin zum heute im Radio als historisch apostrophierten Tag des dritten Aprils Zweitausendundneun.

Nachdem die Beschäftigung mit diesem Thema das AUS der politischen Anerkennung zur Folge hatte - und damit die Entscheidung, sich für die Teil-Privatisierung und Digitalisierung des Rundfunks zu engagieren - treffen sich diese Linien an dem Schnittpunkt des heutigen Tages im Spiegel dieses DLF-Programmauszuges.

Wenn Brecht wüsste, dass heute - zwanzig Jahr nach dem Zusammenbruch der DDR - die BRD-Regierung beschlossen hat, sich die rechtlichen Mittel anzueignen um eine Bank verstaatlichen zu können...

WS.

[1_ In Erwägung unsrer Schwäche machtet
Ihr Gesetze, die uns knechten soll’n.
Die Gesetze seien künftig nicht beachtet
In Erwägung, daß wir nicht mehr Knecht sein woll’n.

[Refrain:]

In Erwägung, daß ihr uns dann eben
Mit Gewehren und Kanonen droht
Haben wir beschlossen, nunmehr schlechtes Leben
Mehr zu fürchten als den Tod.

2

In Erwägung, daß wir hungrig bleiben
Wenn wir dulden, daß ihr uns bestehlt
Wollen wir mal feststelln, daß nur Fensterscheiben
Uns vom guten Brote trennen, das uns fehlt.

[Refrain:]

3

In Erwägung, daß da Häuser stehen
Während ihr uns ohne Bleibe laßt
Haben wir beschlossen, jetzt dort einzuziehen
Weil es uns in unsern Löchern nicht mehr paßt.

[Refrain:]

4

In Erwägung: es gibt zuviel Kohlen
Während es uns ohne Kohlen friert
Haben wir beschlossen, sie uns jetzt zu holen
In Erwägung, daß es uns dann warm sein wird.

[Refrain:]

5

In Erwägung: es will euch nicht glücken
Uns zu schaffen einen guten Lohn
Übernehmen wir jetzt selber die Fabriken
In Erwägung: ohne euch reicht’s für uns schon.

[Refrain:]

6

In Erwägung, daß wir der Regierung
Was sie immer auch verspricht, nicht traun
Haben wir beschlossen, unter eigner Führung
Uns nunmehr ein gutes Leben aufzubaun.

[Refrain:]

In Erwägung: ihr hört auf Kanonen -
Andre Sprache könnt ihr nicht verstehn -
Müssen wir dann eben, ja, das wird sich lohnen
Die Kanonen auf euch drehn!

[3Redaktion: Ulrike Bajohr. Das Manuskript ist als PDF und im Texformat einsehbar - und das fertige Hörspiel als Podcast unter "http://ondemand-mp3.dradio.de/file/dradio/2009/04/03/dlf_20090403_2010_66287722.mp3" nachhörbar.

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