Reise nach "Digitalien" (3)

Warum eigentlich noch schreiben? [1]. Solange wir keine Fotoapparate hatten: Ja. Solange wir keine Camcorder hatten: Ja. Aber jetzt, wo alles sofort und ohne Materialverbrauch aufgezeichnet werden kann - und wiedergegeben?

Des Nachts am Strand von Tel Aviv. Der Betonpfad entlang der sechsspurigen Strasse wird verlassen, der Weg führt in den Sand. Die Schuhe werden abgestreift, die Zehen fühlen, was der Fuss tritt.

Bis hin zur Waterfront stehen Plastiktische und –Stühle in Reih’ und Glied. Die Bedienung lächelt, dass man es selbst im Dunkeln sehen kann. Ob es gestattet sei, sich zu setzen, auch wenn man kein Geld habe? Ein kurzes Zögern – und die Antwort ist ein „Ja“.

Es wird ein Platz in der zweiten Reihe gewählt. Auch wenn nichts in der ersten Reihe reserviert war. Aber vor sich noch eine Stuhlreihe zu sehen, direkt am Strand, vor den anbrandenden Wellen, das hat was. Von dieser zweiten Reihe kann man den ersten Eindruck von etwas geniessen, was bisher dem Schreibenden an seinem kleinen Arbeitsplatz in der achtzehnten Etage der Executive Loung verborgen gebleiben war: Das Meer.

Jetzt liegt es vor Dir. Mit feinen Wellenkämmen die sich bis an den Sandboden herankräuseln, dort verebben und schon ihrer Nachfolgerin Platz machen [2].

Warum nur, hast Du Deine Kamera nicht mitgenommen - lohnt es sich, noch mal ins Hotel zurückzukehren und sie zu holen? Vielleicht lohnt es sich. Aber für wen? Der Betrachter entscheidet zu bleiben, diese Bilder nicht nur auf seiner Iris zu belassen, sondern sie in sein Inneres zu geleiten. Und es so gut sein zu lassen. Und mitzuerleben, wie die Bewegungen der im Kreis umhergeschleuderten Fackellichter selbst auf der eigenen Netzhaut zu verschwimmen beginnen: Die in Momente aufgelöste Bewegung bekommt so eine Kontinuität, das die Geschwindigkeit des bewegten Lichtes höher ist als die Absorptionsfähigkeit derselben im eigenen Kopf.

Hatten wir darüber nicht vor nur wenigen Tagen bei der 3D-Film Präsentation auf der Cinema-Expo in Amsterdam mit dem Ballett des Royal Opera House’ gesprochen und darüber, dass die Kamera bei den schellen Bewegungen auf der Bühne nicht mehr mitkommt, sie nicht so aufzuzeichnen in der Lage ist, dass sie noch in aller Schärfe und Präzision wiedergegeben werden könnten, und dass es dringend an der Zeit sei, das 25p-Paradigma in den Zeiten der Digitalisierung des Films hinter sich zu lassen?

Jetzt wo die Bühne als Raum in Kino erfahrbar werden kann. Jetzt, wo das Spiel mit der Zeit im digitalen Abbild erfahrbar werden kann, jetzt, wo einmal mehr durch die Kunst unter Beweis gestellt werden kann, dass in ihren besten Momenten die Zeit keine Rolle mehr spielen muss?

Am Ende dieses in den dunklen Horizont versunkenen Pan-Scans bleibt der Blick hängen an der Mondsichel, die ihr eigenes [3] Licht auf die ganze Szenerie wirft, immer wieder von neuem gespiegelt auf den Wasserschaumkronen, die in weissen Steifen immer wieder neu an den Strand wandern. Egal, ob der Betrachte dort nun verweilen mag oder nicht. Verweile doch, Du bist so schön?!

Aufgestanden, ein nochmaliger stiller Dank an die Kellnerin. Und der Gedankenblitz, dass in den Stunden des Shabbats das Mitsichführen von Handys ebenso „out“ ist wie das von Geld. Jemand, der also nichts will, als sich auf einem Stuhl zur Ruhe zu setzen der ihm nicht gehört, hat also in diesen Stunden objektiv eine höhere Chance erhört zu werden als im Verlauf irgend eines anderen Tages – oder einer anderen Nacht.

Die Aufhebung des Wertes des Geldes. Aliza Olmert spricht in ihrem Buch „Ein Stück vom Meer“ (Aufbau Berlin, 2009, Seite 109) von ihrer Mutter, wie es ihr gelingt, an die Wurstreste und Hühnerbeine zu gelangen, die beim Einkauf der wohlhabenden Leute übergeblieben waren: „Mutter schiebt eine Hand in die Tiefe ihres Büstenhalters, fummelt nach den Münzen, die sich zwischen ihren Brüsten festgesetzt haben. Der Metzger schließt träumerisch die Augen, genießt die Wärme, die von den Münzen ausstrahlt, und wirft sie in eine leere Sprottenbüchse, ohne nachzuzählen.“

Einen ganzen Tag lang ohne Geld leben und dennoch überleben zu können, ja, davon noch seinen Vorteil zu haben, dass ist nur in diesem Land an diesem Meer möglich. Auf der ersten Reise hatte schon die Ankunft in Jerusalem in den Stunden des Shabbats das Fahren des Autos notwendig gemacht, was ebenso einen Regelverstoss dargestellt hätte, wäre man Mitglied dieser Glaubensgemeinschaft gewesen. Kommt man aber als Goy [4] am Nachmittag im Hotel an, wird einem bedeutet, dass das angemietete Zimmer immer noch nicht frei sie – nicht frei sein könne: Denn erst nach dem Ende des Shabbat sei es den Bewohnern der letzten Nacht möglich, dieses auch bezahlen zu können.

Heute am Eingang zur Lounge nachgefragt, ob diese denn zu Zeiten dieses besonderen Tages geschlossen sei, ist die Antwort: „aber nein, wir haben wie immer bis 11 Uhr abends geöffnet.“ Und auf die Nachfrage, was die kleinen Textapplikationen an jeder Hotel-Tür zu bedeuten habe, kommt die Antwort, dass das „just a religious thing“ sei und man diese Mezuza, diese Fürbitt-Streifen strenggenommen vor dem Betreten des Raumes mit einem Kuss zu bedenken habe.

Auf der Empore des achtzehnten Stocks des Hotels gleitet der Blick vom Meer nochmals über die ganze Stadt und hält diese fest im Griff des eigenen Auges. Schon wieder dieses „warum hast Du jetzt nur Deine Kamera nicht dabei“-Gefühl. Und wiederum die Antwort, ja fast die Verpflichtung, diesen Anblick auch ohne diese Apparate im Kopf und in der Seele fest zu halten. Und darüber zu schreiben.

Während dieser Text so fertig [5] gestellt wird, verlässt dem Wanderer von der Meeresfront die Frage nicht, wie es von dem Meer bitteschön nur „ein Stück“ geben könne? Ist das Meer nicht ungeteilt. Wer bitte können sich denn überhaupt einbilden davon ein „Stück“ für sich in Anspruch zu nehmen – und sei es nur in seinem Buchtitel? Dieser kleine Gang vor die Tür des Hotels hinterlässt den Eindruck, als ob das Meer zur Fassade geworden sei, zu einem Beiwerk, das den Touristen erfreut, dessen Dynamik und Omnipräsenz überhaupt nicht mehr in Erscheinung treten will.

Können Bilder in einem Meer von Worten untergehen – oder Wort in einem Meer von Bildern? Zeigt uns die Sprache ein Stückchen mehr vom Leben, das einst im Meer geboren ward und jeder Zeit wieder von ihm verschlungen werden kann?

WS.

[1Dieser Text ist die „Erfüllung“ eines Versprechens, ein Bild vom Meer mitbringen und zusenden zu wollen.

[2ja, ja: es ist DER Wellenkamm, aber DIE Welle]. Die Bewegungen des Wassers mischen sich mit den Chill-out-Tönen von der „Chinkey Bar“. Wenn ein Track ausgespielt ist, kommt ein neuer. Denn hier am nächtlichen Strand ist der Strom trotz des Shabbat nicht abgestellt. Und selbst in den kurzen Pausen zwischen den Stücken ist keine Ruhe. Das Meer bleibt. Unüberhörbar.

Der schweifende Blick fängt alles ein: die Lichter der Standpromenade, die rot-weissen Warnhinweistafeln auf die Gefahren die am und im Wasser drohen, die Kinder, die jetzt noch einen Schwimmreifen in die Wellen werfen und seine Wiederkehr erwaten, und die Jugendlichen, die sich mit brennenden Fackel mit vielen Kunstfiguren um die Wette eifernd in Bewegung halten [[um das Ganze dann, wie später beim Näherkommen zu sehen war, mit einer Videokamera als Doku festgehalten zu haben

[3ja, hier steht jetzt nicht das Wort „fades“

[4oder "Goi" – auch unsere jüdischen schriftgelehrten Freunde sind sich an diesem Punkt nicht einig, legen aber auch keinen Wert darauf diese Frage ernsthaft zu recherchieren oder zu debattieren – schliesslich sei das Ganze ja nur eine lautmalerische Transkription aus dem Hebräischen und die würde eh’ einen breiten Spielraum zulassen.

[5ins Netz