Ein Ost-Seh-Bild sehen

Warnung eins: dieser Text ist einer aus dem Genre: „Clayderman für Kunsthistoriker“ und sollte von daher von allen gemieden werden, die sich ernsthaft mit und/oder in diesem Metier auseinandergesetzt haben.

Warnung zwei: Wer sich nur für Texte interessiert, in denen in „DaybyDay“ über elektronische Medien geschrieben wird, sollte die weiter Lektüre gleich an diesem Punkte abbrechen. Denn heute geht es um die Darstellung von Bildern, die ohne jegliche elektronische Hilfe erstellt werden könnten – oder schon erstellt wurden. Es geht um Malerei.

Das Sujet ist abgeleitet von dem Satz: „so schön wie gemalt“ und bezieht sich auf Eindrücke während eines Spaziergangs an der Ostseeküste.

Was hier beschrieben wird ist vielen bekannt und bedarf keiner langen Einleitung. Es sind die Farben, die sich beim Gang entlang des Wasser aufdrängen, obwohl keine Sonne scheint, obwohl der Nebel fast den ganzen Tag in ein seltsame Samtheit eingepackt hat, obwohl selbst die Reste des Tageslichtes kaum noch in der Lage sind, drn Horizont aufzuhellen – selbst dann, als am frühen Abend die Schwaden schliesslich aufreissen und den Blick freigeben auf das Ende der Welt, an dessem Horizont mit dem sich aufbäumenden Nachtgewölk die ersten Lichter eines Leuchtturmes den Blick in die Ferne in einem hellblinkenden Rhythmus verdingen.

Aber noch ist es nicht Nacht, noch können die Spuren im Sand ausgelesen und selbst welche gezeichnet werden, von Menschen, Tieren, von einem Trecker und einem Fischerboot, das aus den Buhnen herausgezogen worden war. Alles ist in mit einander verwandten Farben zu sehen und doch wäre es banal, hier einfach von einer sandfarbenen zum Wasser hin leicht abschüssigen Ebene zu sprechen. Würde man diese Farben malen wollen und es nicht können, wäre es doch mögliche, von den vielen feinen Partikeln am Strand einige typische Teile aufzusammeln um sich danach auf eine Leinwand als eine Art konkreten Vordergrund aufzubringen.

Wir alles kennen Sandburgen, und ganze Schlösser und viele andere dreidimensionale Werke, die vor allem in den Sommertagen auf grossen Wettbewerben entworfen werden, So wie im Winter diese gleiche Plastiken aus dem Eis herausgemeisselt und dann dem staunenden Publikum vorgeführt werden. In beiden Fällen sind aber Wasser wie Sand zunächst nur als Material für die Gestaltungen von drei dimensionalen Gegenständen von Bedeutung.

In dem hier avisierten Bild aber geht es um was anderes, um die Aufgabe, einen Sandstrand malen zu wollen, der sich nur in den feinsten Farben und Nuancen von gelb und grau, von ocker und braun darstellen lässt und der – wir merken es sehr schnell – auch nicht dadurch wird realistischer, beeindruckender gestalten lassen, indem man kleine reale Partikel solchen Sandes mit auf die Leinwand streuen würde.

Und dabei ist das erste der Anfang einer noch viel gewaltigeren Aufgabe: zwischen dem Sandstrand und dem Wasser hat sich die ganzen Wasserkante entlang eine ganz eigene grauweisse Hügellandschaft aus gefrorenem Wasser – oder Gischt? – gebildet, die den Strandläufer auf seinem Sandstreifzug vom anbrausenden Wellengang trennt.

Hier gilt es, gefrorenes Wasser malen zu müssen, das zwischen einst hellweissem kirstallinem Blinken und einem schmutziggrauem Schleier chargiert, der diese noch herausragenden Reste eines heftigen Winters überzogen hat. Wir reden hier also noch nicht einmal über die Aufgabe, das bewegte mit leichten Schaumkronen überzogene Wasser des Meeres zu malen, Und wir stellen uns noch nicht einmal der Herausforderung, diesem Bild auch noch einen Himmel aufzusetzen, in den gerade ein absolut diffuser Nebelschleier entwichen ist und der sich jetzt in vielen Wolkenformationen auf den nächtlichen Abgesang des Tages vorbereitet, ohne dass wir auch nur die Chance hätten, diesen Wolken irgendeinen Charakter – von Cumulus bis Zirrus – zuzuweisen.

Die Herausforderung, ein solches Bild zu malen ist so alt als wie die Malerei selbst. Und so banal wie spannend zugleich. Wir, die wir nur am Strand entlanggehen und je nach Dichte des Sandbodens mit unterschiedlich schweren Schritten die Weite dieser Welt ausmessen sehen Schattierungen von feinste Güte, die allesamt in unserm Gemüt Platz finden ohne in ihrer geradezu namenlosen Diskretion irgendeinen Anspruch auf unserer Iris einzufordern. Keine Blendwerk, dieses fein ausgewirkte Gemisch all jener Farbtöne, die wir bei normalem Tageslicht als solche kaum noch voneinander würden unterscheiden können. Jetzt aber, in der hereinbrechenden Dunkelheit ist es gerade dieser Zustand zwischen Tage und Nacht, zwischen Wasser und Land, zwischen Gefrorenem und Luftigen, zwischen dem Lebendigen und dem Toten, der die Seele anspricht.

Wir, die wir schon unfähig sind, auch nur ein See-Blick-Bild zu malen würden uns sicherlich weiden an jenen Kunst genannten Artefakten, die uns in ihren kleinen Galerien landauf und landab zwischen Keramikläden und Buddelschiffbauern allerlei See-Stücke anzubieten haben werden. Und einige von uns, die die Chance hatten, schon einmal richtige „See-Schinken“ von in Seenot geratenen Schiffen in einer der grossen Museen in Augenschein zu nehmen, oder aber Kunstwerke wie die Darstellung eines Mönchs am Meer… [1] einige von uns werden aber nach einem solchen Spaziergang dann letztendlich doch wenig Lust haben, sich eines jener Artefakte so sehr anzunähern, dass der Wunsch bestehen könnte, diese käuflich zu erwerben.

Und das wir uns kaum zu-trauen, ein solches Seh-Stück mit nach Hause zu nehmen und in der Wohnung aufzuhängen, hat nicht nur mit der Scheu zu tun, mit einem solchen Akte in einem geradezu vermessenen Rahmen ein Stück Natur an die Wand zu Nageln, das an dieser letztendlich dann doch nicht mehr als glaubhaft an dieser wahrgenommen werden kann. Auch die Tatsache, dass ein gutes Bild zumeist nicht gerade für „Umme“ zu haben ist, ist nicht der alleinige Grund für das Zögern. Es ist vor allen diese seltsame Begegnung mit der Natur, die hinter der Iris stattfindet. Es ist die fast unmögliche Aufgabe, die Natur nicht nur in dieser besonderen Stimmung als in diesem Moment Einmaliges abzubilden, sondern es ist der nur in den aller seltensten Fällen in diesen Bildern gelungene Versuch, über die Sprache der Farben und Formen, der Projektionen und Perspektiven etwas von dem einzufangen und wiederzugeben, was die Seele dieses Momentes ausgemacht hat. Und was jenseits alles das Materiellen und doch mit dessen Hilfe so wieder zum Ausdruck gebracht werden kann, dass es auch jenseits eines solchen Spazierganges die Seele dazu bringt, sich in diese Darstellung ein- und aus ihr wieder herauszuschwingen – und das ganz und gar unsentimental.

Was bleibt – das ist die Entscheidung, dieses Bild mit sich selbst herumzutragen – oder zurückzufahren und erneut diesem Erlebnis hinterherzulaufen – auf einem neuen Strand-Läufer-Weg in die Welt, die uns die Bilder dann letztendlich doch nicht eröffnen können - und das ist die eigene.

[1Siehe dazu auch den DaybyDay-Beitrag: FOLLOW-UP: Kleist on the Beach.