Schlafen ist gut fürs Gedächtnis

Wie war das noch mal im Mittelteil?

Katja Seefeldt 12.10.2003

Der Volksmund rät, über dies und jenes erst einmal eine Nacht zu
schlafen. Das klingt sympathisch und ist sogar sehr weise und richtig,
wie die Wissenschaft gerade wieder bewiesen hat. In der aktuellen
Ausgabe von Nature [1] stellen zwei amerikanische Forscherteams ihre
Ergebnisse zur Untersuchungen von Schlaf und Gedächtnisleistung vor.

Das Forscherteam um Daniel Margoliash vom Institut für Psychologie der
Universität Chicago [2] trainierte bei seiner Studie 84 Probanden
darauf, bekannte Wörter wiederzuerkennen, die jedoch durch die
"Aussprache" eines Computers schwerer als natürliche Sprache zu
verstehen waren. Je länger die Testpersonen allerdings übten, um so
besser verstanden sie den Sprachroboter, der bei jeder Testrunde neue
Wörter von sich gab, die sich nie wiederholten. Dabei machten die
Forscher folgende Beobachtung: Wenn morgens Gelerntes, abends geprüft
wurde, zeigten sich zwar Lernfortschritte, doch waren die erzielten
Ergebnisse erheblich besser, wenn zwischen Übungseinheiten und Test ein
Schläfchen lag.

Das Überraschende: Auch Personen die morgens trainiert und abends
schlecht abgeschnitten hatten, zeigten bei einem Test am nächsten
Morgen eine deutlich bessere Leistung. Dabei schienen Faktoren wie ein
durch den Biorhythmus bedingtes Leistungshoch am späten Nachmittag
keine Rolle zu spielen, denn es stellte sich heraus, dass es egal war,
ob die Trainingseinheiten am Morgen oder am Abend stattfanden,
ausschlaggebend für die Erinnerungsleistung war die Schlafpause
zwischen Übungs- und Testphase. Nur über Nacht regenerierten sich die
Sprachfähigkeiten wieder, die im Verlauf des Tages verloren gegangen
waren.

Die Wissenschaftler aus Chicago schlossen daraus, dass Schlaf zwei
unterschiedliche Auswirkungen auf den Lernprozess hat. Er konsolidiert
einerseits die Erinnerung und schützt sie so vor nachfolgenden
Eindrücken. Gleichzeitig sorgt er dafür, dass Erinnerungen aufgefrischt
werden. Aus welchem Grunde jedoch die Tests ohne eine Schlafpause zu
einem schlechteren Ergebnis führten, konnten die Wissenschaftler nicht
ergründen. Sie vermuten lediglich, dass der Schlaf wichtige
Assoziationen stärkt und weniger wichtige aussortiert.

Matthew Walter und seine Kollegen von der Harvard Medical School [3]
ließen 100 Freiwillige Rechtshänder verschiedene einfache Fingerübungen
durchführen. Sie wollten herausfinden, wie Wissen im Gehirn gespeichert
wird und welche Rolle der Schlaf bei diesem Prozess spielt. In acht
Testgruppen wurden ihre Probanden unterschiedlichen Übungs- und
Testeinheiten unterzogen, bei denen die Aufgabe darin bestand, mit den
Fingern diverse Zahlenkombinationen auf einer Tastatur zu klopfen,
jeweils zu verschiedenen Zeiten und in unterschiedlichen Intervallen.
Auch das Bostoner Wissenschaftlerteam konnten belegen, dass Schlaf die
Erinnerung verfestigt: Nach einem ordentlichen Nachtschlaf waren die
Testpersonen deutlich besser in der Lage, sich an die Zahlenabfolgen zu
erinnern. Walker und seine Mitarbeiter machten drei Phasen des Lernens
dingfest.

Sie stellten fest, dass das Kurzzeitgedächtnis etwa sechs Stunden
benötigt, um sich zu stabilisieren und weniger störanfällig für
konkurrierende Informationen zu werden. Im Schlaf wird dann das
gesicherte, aber noch ungeordnete Material konsolidiert. Danach war bei
den Getesteten eine Verbesserung ihrer Gedächtnisleistung zu
beobachten. Wurde dieses Wissen jedoch später in einem neuen
Zusammenhang (einer neuen Übung) erneut abgefragt, stellte sich heraus,
dass die Erinnerung wieder "labil" wurde erneut verfestigt werden
musste. Gleichzeitig wurde das Gelernte damit aber auch formbar, es
konnte durch neue Erfahrungen sozusagen verfeinert werden.

Die Botschaft, dass Schlafen notwendig für Lernprozesse ist, kommt zu
dieser Jahreszeit wie gerufen. Da kann man getrost ausgiebig in die
Matratze horchen und sich damit trösten, dass man ja gerade ein
bisschen Wissen konsolidiert.

Links

[1] http://www.nature.com
[2] http://psychology.uchicago.edu
[3] http://www.hmcnet.harvard.edu/psych

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