VideoFilmFest -> Transmediale (Draft)

Hier ist jener Artikel nachzulesen, der in der dieswöchigen Ausgabe der Wochenzeitung "derFreitag" erscheinen soll.

Wer sich allerdings auf die Online-Seite von derFreitag begibt und dort das Stichwort "transmediale" eingibt, stösst auf die folgenden zwei Artikel:

— von Matteo Pasquinelli: Die produktive Seele vom 31.01.2011, 15:00

— von Joss Hands und Jussi Parikka: Eine Politik der Plattformen vom 31.01.2011, 15:00

Der ebenfalls für diese Ausgabe fertiggestellte Text zum Thema "25 Jahre Transmediale" kann bislang auf diesem Wege nicht eingesehen werden. Und wird daher hier auf dieser Seite als DRAFT zur Lektüre angeboten.

Der hier zitierten Entwurf ist mit zahlreichen Fußnoten versehen, die auf prägnante Ereignisse in der abgelaufenen Zeit hinwiesen.

Da diese Form der Aufbereitung aber nicht mit dem Layout der Freitag-Sonderbeilage vereinbar war, mussten die Hinweise umgetextet werden. Oder sie sind der vorgegebenen Anzahl an Zeichen ganz und gar zum Opfer gefallen. [1]

6000 Zeichen für 25 Jahre.
VideoFilmFest -> Transmediale & beyond

6000 [2]: Textzeichen für ¼ Jahrhundert Medien- und Kunst-Geschichte? Die Zeit der Elektrifizierung der Medien-Kunst ist noch jung. Während eines ¾ Jahrhunderts wurde der Film um Ton und Farbe erweitert. Jetzt kann er sogar dreidimensional wirken, ist dafür aber seines Datenträgers verlustig gegangen. Video-„Filme“ gehörten bis 1988 nicht auf die Berlinale. Die Videoaktivisten der Medienoperative, später unter dem Namen „Mediopolis“ als Verein emanzipiert, ersetzten auf ihrem VideoFilmFest das Zelluloid durch Magnetbänder.
Schon damals, bevor mit der Digitalisierung selbst die Dimension des Bildraumes gesprengt wurde, konnte schier endlos gedreht und geschaut werden. Die Freaks bekamen mehr und mehr Follower , zogen von der Ladenwohnung in der Pallas- in die Fabriketage in der Potsdamer- und dann in das Podewilsche Palais in der Klosterstraße: dem „Haus der Jungen Talente“ 2.0. Sie emanzipierten sich mehr und mehr jenseits des klassischen Films und der Berlinale mit ihrem eigenen, alsbald auch zunehmend internationalen Festival. Im Zentrum des Berliner Ostens blühte und verblühte der Video-Film als diese neue Kunstrichtung. Mitte der 90er Jahren kamen die ersten Multimedia-Projekte, und spätestens dann wurden die permanenten finanziellen und Identitäts-Krisen virulent.
10 Jahre nach der Gründung gab es die erste transmedial angelegte Veranstaltung, die wieder in die zeitliche Nähe zur Berlinale gerückt wurde. Die Videoten hatten ihre Ziele erreicht, aber blieben auf ihren Träumen sitzen. Jetzt erkundeten die Nerds die Welt neu, die EDV und IT wurden zu einem unverzichtbaren Bestandteil der neuen Produktions- und Rezeptionsmittel.

4494: In diesem neuen Jahrtausend war das „klassische“ Video „out“. Die nachwachsende Kunst gönnte sich im Jahr 2000 ihren ersten Club. Die nachgewachsenen Protagonisten hatten sich mit der Politik nicht nur arrangiert, sondern ausgesöhnt. Und seit dieser Zeit gab es drei neue Leiter. Und alle drei erfreuen sich, wie auch das Festival, bester Gesundheit.
Andreas Broeckmann hatte nach dem unfreiwilligen Ausscheiden des Festivalgründers und Leiters Micky Kwella dessen Position, nicht aber dessen Philosophie übernommen. Als erstes wurde die Referenz auf das Thema Video aufgegeben, danach traf es dann auch all die anderen “post-modernen“ Produktionsmittel. 2006 lautet die neue Zielvorgabe: „Wir wollen heraus aus der Nische ’Medienkunst’ und sagen, dass es um Kunst geht, nicht um irgendeine technologisch determinierte Form von Kunst; und es geht um das Feld der ’digitalen Kultur’, also um den Bereich der Gegenwartskultur, in dem elektronische und digitale Technologien zunehmend wichtig werden.“ [3]
Stephen Kovats nimmt diese Position als dritter Festivalleiter auf und sagt 2008: „Es geht wirklich darum zu sehen, was die Kunst ausmacht, die unserer allgemeinen digitalen Kultur entspringt. Das beinhaltet erst mal eine gesellschaftliche Überlegung, nämlich, wie wir von Technologie beeinflusst werden, die tatsächlich mehr digital als mechanisch ist.“ [4]
Kristoffer Gansing spricht 2011 auf und von dem Festival als einer „immaterial entity“, bewirbt sich mit einem Fax um die neue Festival-Leitung „as a kind of anachronistic relation to the new media“ [5] und wird auf der 2010LAB.tv-Seite mit der Fotountertitelung präsentiert: „… has intentionally no Facebook profile.“ [6] Mehr von und über ihn daher auch auf diesen Seiten und an anderer Stelle.

2640: Mitte Dezember anno 2011 werden auf http://www.facebook.com/transmediale knapp 9000 „gefällt das“ – Reaktionen gelistet und die „gefällt mir“ Liste mit gut und gerne 200 Links liest sich wie das „who’s who“ all der Einrichtungen und Einzelpersonen, die sich als Sympathisanten zu erkennen gegeben haben.
„Gerade in Krisenzeiten“ so wird jetzt gesagt, sei es wichtig, „das produktive und erneuernde Potenzial von Unterbrechungen, Lücken und anderen „In/Kompatibilitäten“ zu erkennen und „Krise“ somit auch als eine Möglichkeit des Einhalts und der Neustrukturierung zu verstehen.“ Und: „ Aus Anlass seines 25. Geburtstags bietet das Festival zudem eine umfassende Rückschau auf die einzigartige Medienkunst- und Kulturgeschichte Berlins“. [7]

1880: Es gibt eine Reihe von offensichtlichen Brüchen und Unterbrechungen im Verlauf der Entwicklungs-Geschichte dieses Festivals: Die be-ständigen Veränderungen des Personals und der Themen, der Veranstaltungsorte und -termine, der Technologien und der Trendsetter. Dazu ist schon in den vergangenen Jahren viel Kernerarbeit geleistet und an Referenzen in Publikationen wie dem „tm*20 register. 20 Jahre transmediale“ [8] zusammengetragen worden.
Aber wer sich des Wagnisses aussetzen will, einst wirklich eine Geschichte dieses Festivals – und vor allem seiner KünstlerInnen, KuratorInnen und KonzeptdenkerInnen – schreiben zu wollen, die mehr sein sollte als eine Ansammlung von Namen und Geschichten, wird über diese Trennlinien hinaus schauen müssen.

959: Hierzu diese Leitfragen
Nach den Brüchen und Kontinuitäten zur Finanzierung des Festivals, zum Umgang mit den Sponsoren und Medienpartnern, zur Vernetzung im nationalen und internationalen Umfeld, zum Verhältnis zu Partnern wie Gegner in Wirtschaft und Politik, zur Aufhebung und Neubestimmung des Kunst-Begriffs in einem digitalen Zeitalter und zur Frage, was auf uns zukommen wird, wenn wir endlich den Irrtum aufgedeckt haben werden, dass „die Digitalisierung“ an sich noch nichts mit „der Zukunft“ zu tun hat.
… und Leitgedanken: Die Transmediale hatte sich mit dem Beginn dieses neuen Jahrtausends einen Namen gegeben, der erst jetzt, Ten Years After, in dem Bewusstsein, zumindest „unserer“ Branche, angekommen ist. Die jetzt bis 2017 arrangierte Finanzierung zwingt geradezu, nun erneut die Herausforderung anzunehmen, in diesem Labor der Lebenskunst herauszufinden, welche Werte und Wege aus der analogen Welt in der virtuellen Bezüglichkeit des Digitalen wieder neu auferstehen – oder neu entstehen – werden.

81: Als alter Freund von Micky Kwella sei dazu mehr als nur Glück gewünscht: Es geht um das Vermögen, aus dem Zufälligen das Sinnfällige und aus dem Sinnlichen das Sinnstiftende herauszudestillieren und in die neuen Bezüglichkeiten unseres Lebens und Arbeitens in digitalen Räumen und Zeiten als permanente Referenz zu stellen.

Wolf Siegert
Changineer  [9] & Publizist [10]

[1Die vorgegebene Zeichenanzahl lautete 6000, was dem Autor wenig erschien für einen Rückblick auf 25 Jahre. Genau deshalb nutzte er die Zeichenanzahl als Stilmittel und zählte von Beginn bis Ende des Artikels rückwärts mit. Das ist die Erklärung für auftauchende Zahlen zu Beginn einiger Absätze.

[2Gezählt wurden auch alle Zeichen dieser Anmerkung, nicht gezählt wurden Leerzeichen und der Titel.

[8Herausgegeben von Andreas Broeckmann und Thomas Munz, Berlin 2007, ISBN 978-3-88331-108-1.
Leider wurde das Versprechen, die Errata-Hinweise und Korrekturen, aber auch andere Hinweise und Vorschläge auf http://www.transmedial.de/tmx20 zu dokumentieren und zu publizieren, nicht – oder nicht mehr – erfüllt.

[9Wolf.Siegert[at]IRIS-Media.com