OoO; Quatorze Juillet

Nachfolgender Text ist der letzte in einer Reihe von Beiträgen, die unter dem Kürzel "OoO" = "Out of Office" im Verlauf des letzten halben Jahres den Prozess des erzwungenen Auszugs aus den Büroräumen in der Kantstrasse 54 in Berlin-Charlottenburg dokumentiert und kommentiert haben. [1]

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Heute ist der 14. Juli.

Es regnet. Mit kleinen Unterbrechungen. Gerade Zeit genug, um in der Umgebung des alten Büros auf dem Markt nach neuem Honig anzufragen.

Der Stand ist nicht besetzt. Wartezeit: Zuschauen, wie die anderen Besucher zwischen den nassen Spuren des gefallenen Wassers ihren Weg suchen.

Ein Frau, die nicht warten will, packt ihre leeren Gläser aus, stellt sie auf der Holzpalette ab und meint, sie wolle später nochmals vorbeikommen.

Die Marktfrau kehrt zurück, steckt den Schlüsselbund mit dem Schlüssel zum Klohäuschen ein und holt sich vom Nachbarstand die blaue Eisenkasse zurück.

Ja, neuen Honig gäbe es noch. Der Imker würde jetzt aber mehr Geld von ihnen verlangen als bisher. Auch für ihn sei alles teurer geworden...

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Nebenan werden schon fleissig Würstchen gegrillt. Und der Mann mit Bauch und langem hinten zusammengebundenem Haar ruft immer wieder: "Hier geht’s um die Wurscht". Und lacht dabei.

Im rollenden Catering-Kiosk werden Fleischspiesse, Currywurst (mit und ohne Darm) und Fritten vorbereitet. Die junge Frau neben der Chefin fragt, was es denn sein solle. Und die Chefin antwortet, noch bevor eine eigene Ansage kommt: "mit Darm und ruhig etwas schärfer".

Dann setzt sie selber einen neuen Korb mit Fritten in das heisse Fettbad und weist die junge Frau an, nur die heisse Wurst in Rechnung zu stellen. - Worauf beim Bezahlen derselben der Betrag auf den nächsten vollen Euro aufgewertet wird.

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An der Hauptstrasse noch einen Sprung vorbei zum Toner- und Tinten-Verkäufer, dafür dankend, dass er den alten HP-M5 LaserJet Drucker noch so gut wieder gereinigt und zum Laufen gebracht habe.

"Aber gerne" entgegnet dieser, diese Geräte seien zwar echt langsamer als die aktuellen Geräte, aber hätten nach wie vor ein tolles Schriftbild in postscript Qualität. Für das gleiche Geld für einen aktuellen Drucker könne eine Kartusche gerade mal für eintausendsechshundert Seiten herhalten, die alten für den M5 würden mindestens für sechstausend Seiten gut sein.

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Auch beim Apotheker mit dem Kauf einer Salbe noch einen Abschiedsbesuch. Ja, berichtet die Verkäuferin, ihr Chef habe zu Beginn der nächsten Woche einen Termin beim Eigentümer des Hauses, bei dem es um den neuen Mietvertrag ginge.

Nach dem, was sich da nebenan in der Kantstrasse 54 abgespielt habe, sei ihr jetzt schon ganz angst und bange vor dem Ergebnis dieses Gesprächs.

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Das Einkaufen in der Nachbarschaft ist alles andere als ein Erlebnis.

Das Fachgeschäft für Haushalts- und Einrichtungsartikel existiert nicht mehr. Daneben ist MacGeiz: die haben auch schon Insolvenz angemeldet, aber verkaufen immer noch: 4 Abdeckplatten für den Elektroherd für weniger als 5 Euro.

Allein die angebotenen Designvarianten legen es nahe, doch noch woanders nachzuschauen.

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Im Durchgang durch das "billigste Kaufhaus Deutschlands", in dem solche Platten gar nicht (mehr) zu finden sind, geht es dann in den so viel besuchten und genutzten Karstadt.

Dort bei den Haushaltswaren sind die Platten auch zu finden. In der fast menschenleeren Abteilung wirst Du von der Verkäuferin direkt an den richtigen Stand geführt.

Das 4-er Set für Euro 14.45 sei leider aus. Dann gäbe es nur noch die Deckel einzeln, aus Edelstahl: Ein grosser und ein kleiner Deckel? Das macht zusammen Euro 14,99.

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In der Nachbarschaft ist inzwischen noch ein kleiner Laden dabei zu schliessen. Das Haus habe zu Beginn des Jahres eine neue Verwaltung bekommen. Und die Folgen dieser Entwicklung würden dazu führen, dass er den neuen ihm angebotenen Nachfolge-Mietvertrag nicht mehr werde akzeptieren, geschweige denn bezahlen können.

Der Mieter hat schon vor einigen Wochen einen Lebenslauf abgesetzt und zur vertraulichen Kenntnis zugeschickt. Zu einer persönlichen Begegnung kommt es aber heute nicht.
Am Samstag ist sein Laden geschlossen. Und der Regen hat bereits seit langem wieder die Lufthoheit im alten Kiez übernommen.

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Im Wagen auf dem Wege zum neuen Büro vorbei an dem Laden des Lampenhändlers, der das neue Büro mit neuen venetianischen Wandlampen ausgestattet hat.

Auch sein Büro ist seit Beginn des Monats leergeräumt.

Ob er dennoch die wegen eines zerborstenen Glases angefallenen Garantieransprüche erfüllen wird?

Angeblich sei bereits in Italien ein neues Ersatzglas in Vorbereitung...

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Im Deutschlandfunk ist heute der Nationalfeiertag der Franzosen ein Thema: schon in der Abmoderation der "Informationen am Morgen".

Bereits am Tag zuvor hatte Suzanne Krause in der Sendung EUROPA HEUTE davon berichtet, wie sich eine Feuerwehrbrigade auf ihre Parade auf den Camps Élysées vorbereitet:

Für das Land, für die Ehre, für das Leben.

Und heute wurde das Thema nochmals mit einem ganzen Strauss an Beiträgen in der Sendung GESICHTER EUROPAS als eine "Ortsbestimmung zwischen Klischee und Realität" aufgerollt unter dem Titel:

Typisch Frankreich.

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Die beste Fundsache aber ist und bleibt eine "agence indépendante de design graphique basée à Paris", die sich diesen Namen gegeben hat:

QUATORZE JUILLET

Chapeau!

Mehr dazu unter:

www.quatorzejuillet.fr/

... aber "natürlich" nur auf französisch.

[1Bis zum Ende dieser Woche war die Rückzahlung der Kautionzahlung eingefordert worden.