Online-Gruss vom Chefsessel

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Sich als Mann einen nicht immer nur wohllobenden Kommentar auf eine Publikation zu leisten, die von Frauen für die Sache der Frauen geschrieben wurde, ist immer misslich, weil er Gefahr läuft, noch schneller missverstanden zu werden. [1]

Aber es ist eine echte Herausforderung: Vor allem dann, wenn man mit den Zielen deutlich einig ist, aber bei der Wahl von Form und Wort, von Design und Diktion wohlmöglich nicht der gleichen Meinung ist.

Hier die Punkte des Anstosses:

1.

Betroffenheit? Wohl kaum. Würde der Chef dieser Publikation seinen Chefsessel räumen - gäbe es sie nicht mehr.

2.

Der Titel? Ist keiner. Wenn die erste Blatt-Seite noch Spuren von Falten getragen hätte wie eines jener Flugblätter, mit denen man Pflastersteine eingehüllt hatte, um diese dann durch die splitternden Scheiben in die Redaktionsräume zu werfen... aber so?

3.

Die Sprache? Will sagen, was man will. Aber was wollen die Autorinnen dieser Zeilen
HOSEn
RUntEr
VON dEN ChEfSeSseLN
RÖCke HOCh!

sagen: dass die Männer die Hosen herunterlassen, dass alle Hosenträger die Entscheiderpositionen verlassen sollen?
Und was bitte bedeutet dann die Zeile
"RÖCke HOCh!"
So was schürt doch schlimmstenfalls den sexuellen Appetit jener, die man ausgewechselt wissen will durch die eigenen Kolleginnen.

4.

Lust auf mehr? Eigentlich nicht. Vielleicht sollen die Männer ja ganz bewusst mal ein Wochenende draussen bleiben?
Nun gut. Dann eben nicht ab zum Kiosk, sondern den Rechner angeworfen, um diese Wochenend-Ausgabe zum Preis von € 1.29 elektronisch zu erwerben. "Open Wallet Data to the TAZ-Editors!" [2].

5.

Bis zum Sonntag-Abend sind die folgenden Texte kostenfrei zur Einsicht freigegeben worden:

- Ein Interview von Annette Bruhns und Anne Will mit Peer Steinbrück:
Peer Steinbrück über die Frauenquote
„Freiwillig geht es nicht“

- Ein Interview von Birte Siedenburg mit Kristina Schröder:
"Nur Masse bewegt"

- Ein Beitrag von Miriam Meckel über Frauen in der IT-Welt:
Männlich, ledig, Geek

- Ein Beitrag von Judith Liere über die "Quote als Chance":
Endlich Sex!

- Ein Beitrag von Andrea Böhm über Kriegsreporterinnen:
Der weibliche Blick auf den Krieg

- Ein Kommentar von Carolin Benack über die Personalpolitik im Sportjournalimus und:
Alte Herren im Familienglück

- Ein Beitrag von Bettina Sengling über Jewgenija Tschirikowa:
"Hausfrau kontra Putin"

- Ein Beitrag von Kristiana Kudwig über ein Seminar für Führungskräfte:
Abfuhr von ganz oben

6.

- Der +++ LIVE-ZICKER QUOTEN-TAZ +++ von Frauke Böger, Enrico Ippolito, Jasmin Kalarickal und Paul Wrusch:
"Die Vulva ist gerettet"
Dort zu sehen im Notat
- "10.42 Uhr: Was soll auf die Seite 1?"
eine Foto von Wolfgang Borrs - das hier aus Urheberrechtsgründen auch als Zitat nicht übernommen wird - auf dem zwei Entwürfe der "Seite 1" zu sehen sind, dazu die Unterzeile:
"Die ProQuote-Frauen diskutieren die Seite Eins der Quoten-taz. Anne Will ist skeptisch. " [3]
- "10.30 Uhr: Endlich: Dunja Hayali spricht"
Diese Sätze sind trotz und gerade in ihrer zum Ausdruck gebrachten Widersprüchlichkeit das Klarste von allem, was bis dahin zu lesen war:
Die Quote ist eigentlich ein Armutszeugnis für Deutschland. Ich habe lange überlegt, ob ich hier mitmache bei ProQuote. Meine Eltern haben mir immer gesagt: Bildung, Bildung, Bildung – dann kannst du alles schaffen, aber die Realität sieht ganz anders aus. Es geht nicht darum Frauen zu bevorzugen, sondern um gleiche Chancen. Die Quote als Brücke zur Normalität. Das ist das Miststück, das wir brauchen.
Und dann der Eintrag
- "11.12 Uhr: Das ist kein Rockkonzert hier"
"Ines Pohl meldet sich brav: „Ich hatte eben einen männlichen Einflüsterer für die Titelzeile: ’Hosen runter – das rockt‘“. Kurz stockt alles, ein leises Kichern ist zu hören."
Und aus eigener, männlicher Sicht, wäre das immer noch ein besserer Titel gewesen als das, was jetzt auf der Seite 1 zu sehen ist.

7.

Am Sonntagabend wird die "taz vom 17.11.2012" im "eKiosk" zum Download für 0.79 € angeboten. Hat sich da was geändert, oder war das Angebot zuvor nicht richtig verstanden worden? Insgesamt werden die folgenden Formate angeboten, als:
— PDF als eine Datei oder in einzelnen Seiten, gezippt
— eBook als EPUB-Datei
— iPaper als Apple-App
— aPaper als Android-App
— Mobipocket als Mobi-Datei
— ASCII als Text oder ZIP-Datei
— HTML als ZIP-Datei
Bezahlt werden kann per Handy, mit Kreditkarte, Lastschrift oder PayPal.
Gewählt wird die Kreditkarten-Option, die allgemeinen Geschäfts- und Lieferbedingungen werden gelesen [4]. Aber am Ende der Lektüre heisst es: "Document Expired. This document is no longer available".
Was soll das? Gehen die ProgrammiererInnen davon aus, dass die Bestellung abgeschickt wird, ohne dass die AGBs und die Datenschutzerklärung gelesen werden?
Jetzt hängen irgenwo die Visa-Card-Klardaten samt Prüfnummer im Netz und keiner weiss, wo sie hin sind oder ob sie von einer der Programmroutinen einfach nur wieder gelöscht wurden.

8.

Der Dienst "collection of anonymous data for your future visits" kann über den etracker-Service mit einem sogenannten "cntcookie" deaktiviert werden. Oder der Datenschutzbeauftragte Jochen Roning kann über die Mailadresse datenschutz@taz.de angeschrieben werden. [5].

Aber nachdem die Fragen geklärt waren, wurde eine Woche später diese Ausgabe der Zeitung nicht mehr im eKiosk angeboten. Stattdessen fand sich eine neuen Nachricht auf der Seite der Pressemitteilungen vom 22. November 2012 mit dem Titel: "taz.die tageszeitung führt Paywall ein".
Am Tag zuvor, am 21. November 2012 schrieb Falk Lüke zum Thema "Paywalls für Zeitungen": "Die Mauer kann her".

9.

Ein Bericht von Mareike Fuchs mit Bildern von diesem Tag und zu diesem Thema findet sich in der NDR-Zapp-Sendung vom 21. November 2012:

— Medienhäuser: Traurige Bilanz bei der Frauenquote

10.

Zu guter Letzt ein konkreter Eigenbeitrag zu diesem Thema, der sich über das ganze Jahr 2013 hinziehen wird und auf den heute schon mal vorab mit Hinweis auf die erste Seite zum Neuen Jahr wie folgt reagiert wird: "Kalender 2013".

[1Siehe dazu die Kommentare zum Redaktionsbeitrag vom 12. November 2012, 15:38: Freundliche Übernahme: ProQuote kapert die taz.

[2Wer erinnert sich noch an die Ausschreibung einer Online-Redakteur/in - Stelle vom Juli 2010 und die daraufhin einsetzende Diskussion im Hausblog?

[3Ja, Anne: Und Wolf Siegert ist es immer noch (siehe oben!)

[4§2 (4) "Die Angaben des taz Verlags im Rahmen des Bestellvorgangs sind unverbindlich. Der Kaufvertrag wird erst mit Lieferung der Ware geschlossen. [...]"

[5Wir werden ihm diese URL als Link zukommen lassen und fragen, was mit solchen nicht abgeschlossenen Dateneingaben passiert. Danke!