30% - auf die Spitze getrieben?

0.

Am 26. Februar 2012 haben die ersten 383 Unterstützer ihre Forderung publik gemacht, dass mindestens 30% der journalistischen Führungspositionen mit Frauen besetzt sein sollten.

Danach wurde die Unterschriftenliste öffentlich gemacht und auch für die "Leser und Zuschauer" [1] geöffnet.

Als Eintrag mit der Nummer "906" ist "Wolf Dr. Siegert DaybyDay ISSN 1860-2967" verzeichnet. Er hat sowohl an der ersten bundesweiten ProQuote-Versammlung am 4. April 2012 [2] als auch an dem zweiten Treffen der Beteiligten, Förderer und Unterstützter am zurückliegenden Wochenende vom 23. und 24. Februar 2013 teilgenommen. [3]

1.

Auf der Rückreise von Hamburg nach Berlin ist der nachfolgende Beitrag entstanden:

Der Blick aus dem Zugfenster verrät, was der nachtkalte Tag schon in die Knochen geschrieben hatte: Es ist immer noch Winter. Die dicht fallenden Schneeflocken lassen keinen Zweifel.

Es ist ein grosser Komfort, dass man sich das alles trocken und mit warmen Füssen aus dem Zug ansehen kann. Und dass der Wagon sogar noch Strom bereithält, um dem Rechner die Grundversorgung zu ermöglichen, die notwendig ist, darauf schreiben zu können: Die Zeiten ändern sich und wir uns in ihnen: Tempora mutantur et nos mutamur in illis.

2.

Zwei Tage in Hamburg und zwei Tage als Gast eines der cleversten und kommunikationsfreudigsten Elitevereine, der sich in den letzten Jahren in dieser Republik organisiert hat. Viel zu spät, doch besser als nie: Das Ziel der Vereinsmitglieder, Unterzeichner und all der Sympathisanten [4], dass es bis zum Jahr 2017 mindestens 30% Frauen bis in die Spitzenpositionen der Medienunternehmen geschafft haben sollen.

All das, was die Ambitionen und Anliegen des Vereins ProQuote ausmacht, ist auf deren Website gut und ausführlich genug dargestellt worden und bedarf hier keiner Wiederholung oder ergänzenden Darstellung.

Und für all diejenigen, die an dieser Veranstaltung nicht haben teilnehmen können, oder wollen, sei angedacht, in den nächsten Tagen nochmals auf der Seite nachzuschauen und nach folgendem zu suchen:

— eine Reihe der Fotos, die an diesem gemeinsamen Abend neben vielen anderen nicht publizierten „geschossen“ wurden
— eine Zusammenstellung der Twittermeldungen, Blogeinträge u.v.a.m, die von den anderen Anwesenden "in die Welt“ gepostet wurden
— ein Hinweis auf die Interview-Beiträge, die in der nächsten Zeit in der ZAP-Sendung des NDR und im nächsten Medienmagazin des Bayerischen Rundfunks zu hören sein werden. [5]

3.

Im Nachgang zu der Abendeinladung fand am nächsten Morgen ein Brunch in einer anderen wunderbaren „Location“ in der Hamburger Speicherstadt statt. Und es gab nochmals Anlass genug, um sich auszutauschen.

Allein: Während am Abend zuvor noch einige wenige Männer gesichtet und auch namentlich erwähnt, vorgestellt und im Falle von di Lorenzo auch auf die kleine Bühne geholt wurden [6], war an diesem Morgen die Rolle des Mannes als qualifizierte Minderheit auf die Person des hier schreibenden Autors – sowie zwei weiterer Lebensgefährten – beschränkt.

Das ist schon eine interessante Erfahrung, die es verdient, auf sich wirken zu lassen. Aber auch darüber zu schreiben? Eben dies wiederum war dann Gegenstand eines der an diesem Vormittag geführten Gespräche.

Frau befand, das es durchaus von Interesse sei zu erfahren, wenn Mann in einer Zeitung darüber Auskunft gäbe, wie er sich mit den neuen Herausforderungen des Alltags arrangiert habe, in deren Verlauf nicht (mehr) er, sondern seine Frau nach aussen die Bezugsperson seines Familiennamens re-präsentierte.

Dazu gib es eine Reihe von Fragen: Was denn diese Form des „Betroffenheitsjournalismus“ wirklich nutzen würde, und wem und warum? Und ob diese Geschichten, die von den Versuchen des Mannes erzählen, sich zu emanzipieren, wirklich auch für die Emanzipation der Frauen ein Gewinn wären, oder sogar für die der ganzen Gesellschaft?

4.

Bis zum Jahr 2017, so das fröhlich laut klatschende und rufende und pfeifende Votum am Abend zuvor, also in gerade mal fünf Jahren solle erreicht werden, wozu die ganze Bundesrepublik in mehr als 60 Jahren nicht einmal im Ansatz in der Lage war: die weibliche Annahme von Mandaten und Positionen in 30% der Medienwirtschaft? Die Erhöhung des Lohnniveaus um 20%, um endlich das Gleiche verdienen zu können wie die männlichen Kollegen? Zu akzeptieren, dass in vielen vergleichbaren Qualifikationsfeldern die Frauen die besseren Kandidatinnen vorzuschlagen haben als die Männer?

Dass das Erreichen dieser Ziele skeptisch eingeschätzt wird, bedeutet beileibe nicht, dass man sie nicht dennoch – und umso mehr und intensiver – verfolgen und mit Druck durchzusetzen bemüht sein sollte.

Aber das Auftreten von einigen dieser an der Spitze angekommenen Frauen hat auch deutlich werden lassen, dass sie – mit Verlaub gesagt – nach all dem Kämpfen und Kungeln vergessen zu haben scheinen, in den Dialog mehr einzubringen als das, was von ihnen an formaler Präsenz aufgrund ihrer Position zu erwarten ist.

5.

Noli me tangere? Nein.

Aber an dieser Stelle soll nicht aus dem Innenleben und vielleicht sogar Insiderwissen dieses Umkreises und Umfeldes berichtet werden, war man doch als Gast und nicht als Reporter zugegen, als Gesprächspartner und nicht als Scout, als Vertrauter und nicht als Verräter.

Und doch:Gerade die Nähe zu dem Anliegen dieser „Bewegung“ und die innere Bereitschaft, auf diese nicht nur einzugehen, sondern sie auch nach den eigenen Möglichkeiten und Mitteln zu unterstützen, hat zu der Frage geführt, auf welchem Wege diese in Zukunft noch weiter unterstützt werden könne.

6.

Dazu zumindest zwei Anregungen, die auch schon in den Gesprächen vorgestellt wurden – sowie eine eigene Konsequenz, die aus diesen doch sehr komplexen Erfahrungen gezogen werden kann:

Erstens: Der Slogan „I love pro Quote“ sollte so erweitert oder umgebaut werden, dass er auch aus der Sicht und im Befinden der Männer in deren alltägliche Kommunikation mit einbezogen werden könnte. Meinetwegen mit einer Wort- oder Wort-Bild-Marke, die besagt:“ I do support ProQuote [7], oder „Endlich Chancengleicheit: auch für Frauen!“, oder, oder …

Zweitens: Auf der ProQuote.de-Website sollte ein Blog entstehen und permanent zum Vergnügen und zur tagtäglichen Aufklärung aller beschrieben werden. Allein, was an diesem Samstagabend und Sonntagvormittag über all die Arbeit hinter den Kulissen zur Vorbereitung dieser Veranstaltung zu erfahren war, war mehr als nur Klatsch und Tratsch, sondern hätte gerade durch die vielen praktischen Aufgaben und den Zwang zu ihrer Bewältigung Anreiz gegeben, erfahrbar zu machen, wie es um diese nicht versiegenden Mühen der Ebene bestellt ist: vom Überlebenskampf in einem Heimwerkermarkt bis hin zum Kampf um die Anerkennung weiblicher empathiegeborener Qualifikationen, die sich schliesslich einfach dadurch durchsetzen, weil sie funktionieren.

7.

Das eigene an diesem Wochenende geborene Vorhaben, wenn auch noch in status nascendi, bezieht sich auf eine Reihe von Gesprächen mit jenen Männern,
— die die Frauen entweder „mitgebracht“ hatten, oder
— die sich ganz freiwillig dazu bereit erklärt hatten, als der Mann an der Seite der Frau an diesem – ihrem – Abend mit dabei zu sein
— die sich als die Chefs (in wenigen Fällen auch Kollegen) dieser Frauen mit ihnen auf den Weg gemacht hatten.

Sehr schnell verdichteten sich im Verlauf dieser Gespräch die Eindrücke zu dem geradezu klischeehaften Vor-Urteil, das hier in der Frage seinen Niederschlag finden soll, warum wichtige Frauen in der Politik zumeist auch jenseits der nur auf sie bezogenen Aktionsfelder ohne ihren Mann in Erscheinung treten: von einer Abendveranstaltung der eigenen Kongregation bis hin zu einer Ausstellungseröffnung oder einer Spendengala?

Gewiss, auch hier bestimmen von Zeit zu Zeit Ausnahmen die Regel, dennoch wäre es an der Zeit, einmal eben diese Männer zu Wort kommen zu lassen, die sich ganz bewusst und oft ohne Not oder falschen Ehrgeiz auf diese Rolle eingelassen haben.

Und damit oft auch gut zurechtkommen. Und die gerade dann in ausführlicheren Gesprächsrunden portraitiert und einvernommen werden würden. Nicht um sie an der Seite ihrer jeweiligen Lebenspartnerinnen aufwerten zu wollen (welch ein Irrtum!), sondern um bei der Aneinanderreihung und Kaskadierung ihrer Aussagen am Schnittplatz zu typischen Fragen und Fällen auf Antworten zu stossen, die weiter führen als die Klischees, die immer gerne über die angeblich so starken Frauen und ihre dann eher weniger dominanten Männer in Umlauf gebracht werden.


8.

So weit - so gut?

Der Zug nähert sich Berlin. Das Schneegestöber hat sich mit dem Einbruch der Nacht dem Augenlicht entzogen.

Auch wenn dieser Text im Gegensatz zur befahrenen Strecke gedanklich noch nicht abgeschlossen ist, ist er doch ein Teil dieses nun doch öffentlich gemachten Versuchs, die eigenen Anregungen im Rahmen dieses Diskurses einzubringen.

So wahr mir die Quote hülfe.

WS.


Hier nun die zugesagten Nachträge, Ergänzungen usw:

- Die Presseerklärung des ProQuote Medien e.V.:

Hamburg, 23. Februar . Die Journalisteninitiative „ProQuote“ hat am Samstagabend in Hamburg erstmals ihre „Preisen mit Gefühl“ verliehen. Die Jury ist der neunköpfige Vorstand des Vereins, die Kriterien: Wer brachte ProQuote zum Jubeln, wer eher zum Weinen, wer zur Verzweiflung mit seiner Ignoranz?

Hauptgewinner war ZEIT-Chefredakteur Giovanni di Lorenzo, dem der goldene „Hahn im Korb“ überreicht wurde als Zeichen seines Muts.
Hintergrund: Am 26. Februar 2012 hatten 350 Journalistinnen einen Brief an deutsche Chefredakteure und Intendanten geschickt mit der Frage, ob sie bis 2017 eine Frauenführungsquote von 30 Prozent schaffen würden. Di Lorenzo antwortete auf der Titelseite der ZEIT: „Namens der Chefredaktion der ZEIT erkläre ich: Wir nehmen den Ball auf und werden alles in unserer Macht stehende tun, dieser Forderung gerecht zu werden.“ Seinen Worten folgten Taten: Mit Sabine Rückert hat die Zeitung nun eine stellvertretende Chefredakteurin; der Frauenführungsanteil in der Textredaktion liegt bei 30,4 Prozent – ein „Grund zum Jubel“, so ProQuote-Vorsitzende Annette Bruhns.

Der Preis „Hasenherz“ wurde dem Intendanten des Südwestrundfunks, Peter Boudgoust, in Abwesenheit verliehen. Er erhielt ihn für seine Feigheit gegenüber der Quote. Nachdem er im Juni 2012 vier Direktorenstellen mit Männern nachbesetzte, fragte ProQuote zweimal nach, wie sich diese Besetzungen mit zum Gleichstellungsziel des öffentlich-rechtlichen Senders verhielten. Boudgoust antwortete: „Ich habe großes Verständnis für Ihr Engagement. Und doch gibt es – wie ich finde – ein passendes Sprichwort: Gras wird nicht länger, wenn man dran zieht.“ Bruhns: „Der Vergleich ist so schief, dass es schmerzt.“

Ein Sonderpreis ging an Frank Schirrmacher, Herausgeber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Grund: Der Publizist, der derzeit gerade mit seinem Buch „Ego“ die Gesellschaft seziert und auch sonst nie um Kritik verlegen war, scheint Selbstkritik fremd zu sein. Das Anliegen von ProQuote war der FAZ vor einem Jahr nur eine dürre Meldung wert – der Rest war Schweigen. Der Frage, warum er ProQuote nicht antworten würde, wich Schirrmacher am 24. Mai in der ZEIT mit einer Gegenfrage aus: „„Was hätten wir machen sollen?“ Antwort: „Mehr berichten. Auch über die Realität im eigenen Blatt.“ Schirrmacher: „Nein, nein, da sind wir anders.“ Der FAZ-Mann weiter: „Das wäre doch verlogen. Fakten zählen.“
ProQuote hat nachgezählt: Die Frankfurter Allgemeine hat zwei Ressortleiterinnen, und damit einen Frauenführungsanteil von 8,7 Prozent. Die fünf Männer an der Spitze der Zeitung sind ganz unter sich. Zur Ermutigung zu mehr Normalität verlieh der Verein Schirrmacher – ebenfalls in Abwesenheit – den „Trau dich“-Frosch. Auch diese Trophäe ist eine Arbeit des Nürnberger Künstlers Otmar Hörl.

ProQuote möchte den beiden auf der Geburtstagsparty der Initiative abwesenden Preisträgern die Trophäen noch persönlich überreichen. SWR-Chef Boudgoust kann dann auch mit Lob rechnen: Der Sender hatte gestern mitgeteilt, dass drei Hauptabteilungen künftig von Frauen geleitet werden, Kultur, Familie und Unterhaltung. Dadurch werde „Führung im SWR weiblicher“, so Boudgoust. Bruhns: „Steile Lernkurve, weiter so!“

- Das Bildmaterial zur gestrigen ProQuote-Feier und Preisverleihung kann auf einem Dropbox-Account [8] eingesehen
https://www.dropbox.com/sh/52qgckhsaynbh5q/sCHXc5ejL5
und unter Angabe der Rechte: "Helen Fischer/pro-quote.de" auch publiziert werden.

- Hier ein Mitschnitt von der Preisverleihung dieses Abends auf der Website des Bayerischen Rundfunks: http://www.br.de/radio/b5-aktuell/sendungen/medienmagazin/medienthema-der-woche-proquote-preisverleihung-100.html.

- Hier ein Einblick in die Arbeit der ZAPP-Redaktion des NDR vom 27. Februar 2013:

- Hier der Hinweis auf die Initiative des rbb-Senders radioeins "100 Prozent Quote" in deren Verlauf eine ganze Wochen lang, vom Montag, den 4. März bis Freitag, 8. März 2013 (dem internationalen Frauentag) in der Zeit von jeweils 5 Uhr morgens bis 23 Uhr abends das Programm zu 100% von Frauen gemacht werden wird:

Vor und hinter den Mikrofonen stehen ausschließlich die weiblichen Fachkräfte von radioeins. So moderieren erstmalig zwei Frauen das radioeins-Flaggschiff, den „Schönen Morgen“: Anja Goerz und Bettina Rust. Die sonst ausschließlich von Männern produzierte tägliche Comedy kommt in dieser Woche von Kabarettistinnen wie Nessi Tausendschön und Angela-Merkel-Flüsterin Simone Solga.

Auch die Kommentatoren-Riege wird erstmals rein weiblich: Die Stern-Autorin Laura Himmelreich kommentiert anstelle von Hans-Ulrich Jörges, taz-Chefredakteurin Ines Pohl statt Hajo Schumacher von der Morgenpost.

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- Hier der Hinweis auf die Online-Darstellung der Jahresedition "JOURNALISTIN 2012" des Medium-Magazins, in der 77 Journalistinnen zu den folgenden drei Fragen geantwortet haben:
1. Warum brauchen wir mehr Journalistinnen in Chefpositionen?
2. Hätten Sie persönlich Lust auf (noch) mehr Verantwortung?
3. Ihr Karrieretipp für Kolleginnen?

[1HörerInnen wurden nicht berücksichtigt

[2in deren Verlauf auch das auf der Seite vom 1. Januar 2013 entstandene Bild dokumentiert worden ist

[3Die "aktuelle" Chronik über die Aktivitäten des Vereins endet mit dem Tag seiner Gründung, dem 9. Juni 2012. Absicht?

[4Hier ein Video von der Seite: Männer für die Quote, die eigentlich für sich selber sprechen sollte:

[5Sobald diese vorliegen, werden sie natürlich auf dieser Seite nachgetragen.

[6Nein, wir wurden wahrlich nicht „links liegengelassen“, auch dann nicht, wenn das eigene Besucherbändchen den Autor für die Garderobe und die Abrechnung der Getränke ausgerechnet mit der „068“ identifizierte

[7Darüber hinaus auch hier die Frage, warum das eigentlich alles ins Englische transportiert werden muss? Denn die Reaktions- und Verhaltensweisen der Menschen untereinander waren doch nach wie vor sehr von den national üblichen Gepflogenheiten geprägt und nicht von Kommunikationsstilen, wie sie im Vereinigten Königreich, in den USA oder in Australien gang und gäbe wären.

[8wer’s mag, mag’s mägen