Stell Dir vor, es ist CeBIT, und Du gehst hin

Für heute in weiser Voraussicht sowohl für die Anreise nach Hannover als auf für die Abreise je einen Sitzplatz reserviert. Noch zu gut sind die alten Zeiten in Erinnerung, als man sich morgens total auf der Pelle sass und es noch als eine Wohltat empfand, nicht stehen zu müssen. Das waren noch Zeiten, als es noch keine ICEs gab.

In den letzten Jahren immer mit dem PKW zur CeBIT gefahren. Das verbesserte Verkehrsmanagement, gekoppelt mit dem Rückgang der Besucherzahlen, hatte zur Folge, dass eine frühe Anfahrt an das Messegelände – sagen wir mal zwischen acht und acht Uhr dreissig – eine fast reibungslose Zufahrt ermöglichte.

Dieses Mal, wie gesagt, mit dem Zug angereist. Der erste Zug war ein IC, kein ICE. Der war fast genau so schnell und hatte den besonderen Charme, an jene alten Zeiten zu erinnern, in denen …. siehe oben. Und jetzt war das Unfassbare festzustellen, dass das gesamte Abteil, in dem der Sitzplatz reserviert worden war, leer blieb. Leer!!!

In Hannover am Hauptbahnhof gelang dann sogar noch der Umstieg in einen verspätet eintreffenden ICE, der einen eigenen Halt am Messebahnhof in Laatzen hatte.

Und so ist die Anfahrt reibungslos, schnell und umkompliziert. Der Weg vom Bahnsteig über den „Catwalk“ zum Einlasstor ist machbar. Es gibt Fahrstühle, die den Schwerbepackten das Treppensteigen abnehmen und Türen, die sich nach der Verwendung des Lifts sogar selbständig vor der Nase des Messegastes öffnen und hinter ihm wieder schliessen…
„Da kann man nicht meckern…“ würde der Berliner sagen.

Und daher wird das hier auch genauso aufgeschrieben und zu Protokoll gegeben.

Anstatt über die mangelnden Besucherzahlen zu jammern - und es werden erneut weniger sein als im vorangegangenen Jahr und im Jahr zuvor - sei hier frank und frei zugegeben, dass unter solchen Umständen ein Weg von und nach Hannover für nur einem Tag Sinn macht – und bei guter Vorbereitung genug Zeit lässt, seinen Interessen gezielt nachzugehen.

Es stellt sich heraus, dass auch die an diesem Tag aufgesuchten Veranstaltungen – vorzugsweise Pressekonferenzen – in einem überschaubaren Rahmen und mit jeweils qualifiziertem Personal stattfanden.

Und dass es dann jeweils der gezielten Nachfragen im Nachgang einer solchen Veranstaltung bedurfte, wenn man den Leuten wirklich auf den Zahn fühlen wollte, geht auch in Ordnung.

Hier geht es um neue Produkte und Dienstleistungen, um Kundenansprache und –bindung, um Leistungsbeschreibungen und Leeds. Das Ganze läuft in einem seit Jahren gut eingespielten Rahmen ab, mit bestimmten rituellen Anteilen, die wahrzunehmen aber nicht bedeutet, dadurch nicht zum Zuge zu kommen.

Ja, im Nachgang mehrerer dieser Veranstaltungen kommt es zu – in vielen Fällen so zuvor nicht geplant – Hintergrundgesprächen. Darunter mit gleich mehreren, die nach nach ihrem öffentlichen Vortrag ganz offen um Feedback nachfragten, danach, ob bestimmte ihrer Nachrichten überhaupt verstanden werden konnten, wie sie angekommen seien, oder ob es andere, optimalere Wege der Vermittlung gegeben hätte...

Gewiss: in solchen Fällen muss man eine gute Kenntnis der Branche, von den Produkten und den potenziellen Absichten der RednerInnen haben, man muss schnell in einem qualifizierten Gespräch belegen können, wer man ist und was man kann. Und man muss selber authentisch sein, um die Brücke zu so einem vertraulichen Dialog zu schlagen.

Das alles ist sicherlich nicht Null-Acht-Fuffzehn - und doch ist es bemerkenswert, wie sehr sich die Dialogkultur im Verlauf dieser letzten Jahre geändert hat: Selbst wenn man sich zuvor nicht gekannt und gesprochen hat, ist immer mehr die Bereitschaft zu spüren, in einem offenen Dialog sich nicht nur selber reden hören zu wollen, sondern auch zu hören auf das, ob und wie man mit seinen Nachrichten angekommen sei.

Nun mag die Darstellung solcher Erfahrungen und Bemühungen für den mehr an konkreten Inhalten interessierten Leser eher unbefriedigend sein. Andererseits sind die auf diesem Wege gewonnen Einsichten und Informationen eben dadurch von besonderem Wert, dass sie nicht für die unmittelbare Weiterleitung an die Öffentlichkeit gedacht sind.

Dabei ist in vielen Fällen noch keineswegs sicher, dass diese Art der oft spontan entwickelten Ebene der Vertraulichkeit eine andere oder sogar höhere Wertschöpfung zur Folge haben wird, als die, die sich durch die Verwertung in einem Zeilenhonorar oder einem „Hintergrundstückchen“ anbieten würde.

Durch die Erweiterung des Publikums und das hochgradig qualifizierte Personal ist aber klar, dass die Abbildung dessen, was gesagt und gezeigt ist, zwar eine nach wie vor gute und wichtige journalistischen Leistung darstellt, dass es aber immer weniger einer besonderen handwerklichen Qualifikation bedarf, um eine solchen on-site-report zu erstellen.

Bericht-Erstatter sind wir wie – nein, vielleicht nicht wie „Sand am Meer“, aber – wie Bienen im Schwarm, die alle für sich die von ihnen eingefangenen Informationen zusammentragen, einem Hub zuführen und sodann auf ihre Tauglichkeit durch andere überprüfbar machen.

Sich dieser Aufgabe zu verweigern – und nichts anderes tut dieser Text – heisst beileibe nicht, sie missachten zu wollen, sondern herauszufinden, welches in einem solchen Kontext die eigenen besonderen Aufgaben und Qualifikationen sind.

Nichts gegen die Pressetextveredler, -illustratoren und -illuminatoren. Es gehört ein gerüttelt Maass an Sachverstand und zugleich Einfühlungsvermögen dazu, immer wieder neue Leute dazu zu veranlassen, den Kern ihrer Aussage so zu formulieren, dass sie in den Ohren der avisierten Zuhörer, Zuschauer, Leser als gerade so für ihn /oder sie formuliert empfunden werden. Das ist eine grosse Qualität, ja, in einigen Fällen sogar eine Kunst. Aber es ist nicht das Einzige, was an einem solchen Tag als Ergebnis formuliert werden könnte.

In gleich mehreren Gesprächen wurden vor allem mit Menschen aus Taiwan, aus Mainland-China und aus Hong-Kong ihre Aufgabe und Rolle ventiliert. Dass das überhaupt möglich war, selbst mit Menschen, die man bis dahin noch nie hat sprechen können, weist auf eine grosse Veränderung hin, die längst stattgefunden hat. Und die dennoch von der klischeehaften Wahrnehmung von im Grunde Unverstandenem nicht weit entfernt ist: „China“, das ist schon lange nicht mehr die abstrakte „Gefahr“ oder auch die „Chance“, die es auf jeden Fall wahrzunehmen gilt , sondern ein äusserst komplexer wie realer Zusammenhang, der sich auf der Ebenen des individuellen Dialoges immer wieder neu entfalten und entdecken und funktionalisieren lässt.