Boston beyond Believe

Am Ende dieser Woche ist - allein in Boston - so viel passiert, dass es jeden Tag möglich gewesen wäre über diesen Bombenanschlag und die Rolle der Medien - der beobachtenden wie der berichtenden - zu schreiben.

Stattdessen wurde mit Anwohnern vor Ort korrespondiert. Und dabei ist auch dieses Foto zugesandt worden:

"This is a shrine looking towards the blast site. It is on Berkeley Street and Boylston Street."
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Dass am Ende der Woche des Attentats die voraussichtlich bzw. rückblickend Verantwortlichen haben gefasst, getötet, festgesetzt werden können... wer hätte das wirklich für möglich gehalten.

Dazu einige Stimmen von heute von Zeitungen aus dem Ausland [1].

Der BOSTON HERALD:

"Wer von uns hätte jemals gedacht, dass er so etwas erleben würde? Anti-amerikanischer Terrorismus ist dreister denn je. Er reißt immer größere Stücke von jenen Lebensentwürfen an sich, die wir bislang immer für selbstverständlich gehalten haben - so wie den Wert des Lebens, der Freiheit und das Konzept vom Streben nach Glück. Nur ein Idiot zweifelt daran, dass wir uns im Fadenkreuz von Barbaren befinden. Das Ganze ist wie Krebs, den man aus dem Körper entfernen muss, damit er nicht wächst. Nicht anders verhält es sich mit Terroristen, die töten und Menschen zu Krüppeln machen - ohne Hemmungen und ohne Bedauern. Sie müssen ebenfalls andauernd entfernt werden - mit allen dafür erforderlichen Mitteln. Allerdings verlieren wir selbst damit auch etwas, etwas sehr Wertvolles, etwas, für das sich Amerikaner engagiert haben und wofür sie gestorben sind: Es ist die Freiheit von Angst. Also: Wie frei fühlen wir uns heute? Wie sorglos? Oder sollte man vielleicht eher fragen: Wie lang können wir unsere Wut noch im Zaum halten? Das muss aufhören - oder wir hören auf, Amerika zu sein",

Die chinesische Zeitung TA KUNG PAO:

"Washington sollte endlich einmal über seine internationale Antiterror-Politik nachdenken und aufhören, weltweit nach potentiellen Feinden zu suchen. Denken wir nur an die Korea-Krise! Auch Chinas Aufstieg ist Washington ein Dorn im Auge und eine Bedrohung. Doch diese Mentalität einer Weltpolizei bringt weder der Welt noch dem eigenen Land Sicherheit. Die Realität zeigt, dass man mit Gewalt zwar Terroristen töten kann, aber den Hass in ihren Köpfen nicht besiegt",

Die KOMMERSANT aus Moskau:

"Die mutmaßlichen Attentäter von Boston waren ethnische Tschetschenen, die vor ihrer USA-Zeit in mehreren muslimischen Republiken des postsowjetischen Raums gelebt hatten. Zu jener Zeit waren sie offenbar ganz normale, brave Jungs. Zu Anhängern eines radikalen Islam und letztlich zu Terroristen wurden sie erst in den USA. Eine wichtige Rolle hierbei spielte das Internet, dem die gebildeten jungen Männer nicht nur Informationen zum Bombenbau entnahmen, sondern über das sie möglicherweise auch die Ideologien von Top-Terroristen wie Umarow bezogen",

Die kolumbianische Zeitung EL TIEMPO:

"Die beiden als tschetschenische Brüder bezeichneten Männer wurden durch Videoaufnahmen ausfindig gemacht, die sich damit erneut als effektives Instrument von Ermittlungen erwiesen haben. Bemerkenswert ist aber auch, wie rasch nach der Identifizierung der Männer mit Hilfe moderner Kommunikationsmittel und sozialer Netzwerke ihre Profile ergänzt werden konnten. Aber trotzdem sind zentrale Fragen noch unbeantwortet wie zum Beispiel, ob die beiden Täter allein gehandelt haben",

Die mexikanische Zeitung LA CRONICA DE HOY:

"Die beiden Verdächtigen sind bereits von der ganzen Welt verurteilt worden. [...] Eine gesamte Großstadt stand unter Hausarrest, und die Menschen verfolgten die Ereignisse von ihren Fenstern aus - und speisten die sozialen Netzwerke mit Fotos und Gerüchten. Ein Onkel der Verdächtigen wurde aufgetrieben, und natürlich herrscht allgemeiner Konsens, dass die beiden ganz normal waren, ein bisschen zurückgezogen vielleicht, aber dass man ihnen solche Taten nie zugetraut hätte. All diese Informationen gilt es jetzt erst einmal zu verarbeiten. Die Szenen aus Boston erinnern an einen Hollywood-Film. Aber zugleich wird deutlich, dass die USA verwundbar sind: durch sinnlose Gewalt. Kein Monat vergeht ohne Massaker oder Schießerei. Das Land der Freiheit ist in Wirklichkeit ein Land der Ungleichheit und der Waffen",

Die ZAMAN aus Istanbul:

"Seit dem Terroranschlag saßen die Muslime auf glühenden Kohlen. ’Was, wenn die Hintermänner Ahmet, Ali oder Mohammed heißen - was dann?’, fragte man. In der islamischen Welt hatten alle gehofft, dass der oder die Täter Amerikaner sind. Doch das war vergebens. Man kann nur hoffen, dass nicht wieder die Muslime die Rechnung für diesen niederträchtigen Anschlag bezahlen müssen".

Die RZECZPOSPOLITA aus Warschau:

"Noch weiß man nicht, welche Konsequenzen die Amerikaner aus den Ereignissen ziehen werden. [...] Es wäre fatal, wenn nun alle Immigranten in den USA für die Tat zweier Einwanderer geradestehen müssten. Wenn die amerikanische Gesellschaft die Ereignisse von Boston ungünstig auslegt, würde sie sich damit aber nur selbst schwächen".

[1zitiert nach den in der PRESSESCHAU des Deutschlandfunks vom 20. April 2013 12:50 Uhr bereitgestellten Übersetzungen.