Allzu wahr, um schön zu sein

O.

Diese nachfolgenden Geschichte ist allzu wahr, um schön zu sein (auch wenn Sie zu guter Letzt mit einem guten Ende aufwarten kann).

Beschreibt sie doch das mehr als unschöne Verhalten eines Berliner Reisebüros, das hier zwar namentlich nicht bekannt gemacht werden wird - nein: es geht hier um Mitarbeiterbashing - sondern um die Frage, ob diese Büros im Kampf mit den Internet-Angeboten in Zukunft noch eine Chance haben werden zu überleben, oder nicht.

Eines steht auf jeden Fall fest, so wie es jetzt hier berichtet werden wird:
So bestimmt nicht.

1.

Der Wunsch und das Ziel war zunächst, einen Direktflug von Berlin nach New York zu einem noch vertretbaren Preis zu buchen.

Das schriftliche, per Mail vom Reisebüro übersandte Angebot vom 8. Mai 2013 12:00 lautet:

"Sehr geehrter Herr Siegert,

dies hier ist die günstigste non stopp Verbindung, der Flug mit United geht allerdinds nach Newark.
Das ganze liegt preislich bei 321,- eur.

mit bestem Gruß"

[...]

Daraufhin wude auf diese Buchung mit der Nummer J9DG25 eine Option bis Freitag, den 10. Mai vereinbart.

2.

In der Zwischenzeit wurde auf der Grundlage dieses unschlagbar guten Preises dem potenziellen Kunden in Washington DC. ein Angebot übermittelt, das auch er nicht ausschlagen konnte: In den Verhandlungen erklärt sich dieser bereit, sich an den Reise- und Mietwagenkosten in Höhe von $ 1.000 zu beteiligen.

Soweit, so gut.

3.

Als die auf Freitagnachmittag befristete Option wahrgenommen werden soll, wird im Verlauf der Buchung nochmals all das Vereinbarte Schritt für Schritt wiederholt. Es wird bestätigt, dass die Buchung mit Kreditkarte weitere Kosten zur Folge haben wird - und dann vom Agenten ein Preis von über neunhundert Euro aufgerufen.

921,- satt 321,- Euro, plus charges?

Im letzten Moment wird die Buchung auf den telefonischen Einspruch hin abgebrochen.

4.

Heute, am Mittwoch, den 15. Mai, wird vor Ort nach mancherlei Nachfragen und Drängen erklärt, dass die Angaben in dieser oben zitierten Mail und der darin enthaltenen Option keine weitere Verbindlichkeit hätten.

Inzwischen war auch eine Mail eingegangen, wonach sich das Reisebüro in keiner Weise verpflichtet sähe, ein Ticket zu den schriftlich dargelegten und als Option festgelegten Konditionen zu verkaufen.

Dies sei ein Schreibfehler gewesen (Zitat des Chefs über seine Mitarbeiterin: "[...] daß sie sich in der Tat einfach verschrieben hat") - und dafür könne man keine Haftung übernehmen. Auch optionierte Angebote seien "im Übrigen in unserer Branche immer freibleibend [...] , da Leistungsträger bei nicht ausgestellten Tickets jederzeit die Preise ändern können."

5.

[...] Die Phase des nachfolgend sich einstellenden Ärgers und Grolls über den Mangel an kaufmännischer Verantwortlichkeit sowie die zwischenzeitlich erfolgte rechtliche Prüfung dieses Sachverhaltes wird der Vollständigkeit halber an dieser Stelle zwar erwähnt, aber nicht weiter erläutert werden - trotz der dem Thema innewohnende Lust auf epische Breite .

6.

Spannend ist vielmehr das Folgende: auch der in dem Schreibfehler nicht mit 321,- sondern mit 921,- Euro zu Buche schlagenden Preis kann mit der nun geplatzten Option nicht mehr gehalten werden.

Zitat:

"Der Preis liegt heute bei 996,- eur."

7.

Jedweder weiterer Kontakt mit dem Reisebüro wird damit abgebrochen und stattdessen im Nachgang zu diesem "Angebot" geprüft, ob ein besserer Preis dadurch aufgerufen werden kann, in dem auf die Option eines Direktfluges von Berlin nach New York und retour verzichtet wird.

Aber wo man auch hinhört, selbst mit Umsteigen, sei es nun in Amsterdam, Paris, Lisboa oder Dublin - unter achthundert Euro ist da kaum etwas zu machen.

Diese Aussage wird auch in einem neu aufgesuchten Reisebüro in der Nachbarschaft der neuen Büroadresse bestätigt.

Also hätte man bei dieser Lage dann doch den Direktflug buchen können?

Stattdessen wird der Versuch unternommen, trotz aller negativen Vorzeichen nochmals auf eigene Faust zu suchen.

8.

Die Entscheidung, nochmals online suchen zu gehen, ist mit der Folgeentscheidung verbunden, selbst eigene Zeit einzubringen.

Dies ist aber notwendig für die nachfolgend dokumentierten Erfahrungen, die - kurz zusammengefasst - darin bestehen, dass sich viele der "im Netz" auffindbaren Angeboten bei genauerem Hinsehen zunächst als Lockangebote erweisen, die, wenn sie dann gebucht werden sollen, nicht zur Verfügung stehen.

9.

Angebote der Air-France-KLM-Gruppe etwa, mit einem Stop-over in Paris oder Amsterdam, sind ab gut 600 Euro zu finden, und werden dann im Verlauf der Buchungsprozesses nach und nach auf über 800 Euro aufgestockt, bevor eine Buchungsoption freigegeben wird.

Ist das ein "Zufall", so hat das offensichtlich Methode: Denn auf diesem Wege werden die Gesellschaften in den Suchmaschinen als besonders günstig ausgewiesen, der Kunde wird so auf ihre Seiten gezogen und dann schlicht und einfach - ja, sagen wir es ganz deutlich - verarscht.

10.

Auch wenn es nicht möglich war, diese Seiten direkt als PDF-Dateien zu fixieren, so wurden dennoch eine Reihe von Beispielen dokumentiert und können dafür als Beleg beigebracht werden.

Hier ein Beispiel von der Seite "check24". Sie arbeitet mit einem sehr gut ausgefeilten Algorithmus, der einst für das Startup unter dem Namen "travelIQ" entwickelt und denen dann abgekauft wurde:

all rights reserved

Der hier herausgesuchte Angebotspreis wurden auf der Seite von Air France mit dem Verweis kommentiert, dass das Kontingent bereits ausgeschöpft und eine Buchung nur noch zu anderen Konditionen möglich sei: Dieses Spiel wiederholt sich dann mehfach, bis schliesslich eine Buchung zum Preis von weit über 800 Euro angeboten wird.
Und bei der KLM wiederholt sich das gleich Spiel in einem etwas anderen Aufzug ebenso.

Fakt ist aber auch, dass damit - so scheint es - auch "im Netz" diejenigen Preise angesagt sind, die vom Reisebüro genannt wurden.

10 +

Auf der Seite von airlinedirect.de gibt es dann doch noch eine Lösung: Ein Angebot für unter 700 Euro mit eben jenem Konsortium, das anderswo nicht unter 800 Euro verkaufen wollte.

all rights reserved

Das Erstaunliche daran: Es ist möglich, dort - aus Berlin sogar zum Ortstarif - anzurufen und mit der Assistenz der Hotline die Onlinebuchung Schritt für Schritt zu realisieren.

Jetzt gilt es nur noch zu klären, ob es auf diesem Wege auch möglich sein wird, Sitzplätze - ggf. auch gegen Aufpreis - zu reservieren.

Fazit

Wer sich nicht die Enttäuschungen über all die falschen Versprechungen antun will, mag es durchaus mit einem Reisebüro seines Vertrauens versuchen.

In diesem Fallbeispiel wird aber auch klar, dass Vertrauen allein eben keine gute Währung im Umgang mit Reisebüros ist.

Im Zweifelsfall muss offensichtlich der Kunde draufzahlen und nicht derjenige, der den Schaden zu vertreten hätte.

Und dann kann man sich doch lieber gleich selber in den Online-Dschungel begeben. Und dabei auch mal auf eine gute Alternative stossen: Ouod erat demonstrandum.

Nachtrag

Im Zusammenhang mit den hier berichteten Erfahrungen kommt der Hinweis, dass die unerwarteten "Dynamik" von Preisen im Verlauf einer Flug-Buchung alles anderer als zufällig sei, sondern dass dahinter ein ausgeklügeltes Kalkül liegt.

Es geht um zwei Beiträge in französischer Sprache aus dem
— SOSconso-Blog von LeMonde.fr vom 23. Januar 2013 und 24. Januar 2013 unter dem Titel:
Pourquoi les prix des trains ou des avions varient d’une minute à l’autre
— Rue89-Blog von Gokan Gunes im NovelObservateur vom 27. Mai 2013 unter dem Titel:
« Ce billet de train coûtait moins cher ce matin » : déjouer l’IP tracking